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5. Akademiekonzert 2010/11

April 9, 2011

Überwiegend abfällige Kommentare hörte ich beim Warten auf den Lift vor dem ersten Konzertabend. Zwischen die Sätze des Brahms Requiem Stücke von Wolfgang Riehm zu schieben und das Ganze auch noch ohne Pause sei nicht nur eine Herausforderung für Blasenschwache. Nach dem Konzert konnte ich keine Meinungen einfangen. Vielleicht waren alle auf dem Klo.

Ich habe beide Abende des 5. Akademiekonzertes besucht wie ich es ursprünglich wegen der Besetzung der Baritonpartie mit Christian Gerhaher vorhatte, der wegen Krankheit nicht auftreten konnte.

Beide Abende waren unterschiedlich in meiner Rezeption, wobei ich den zweiten Abend als eindrücklicher empfand. Als ich Ein deutsches Requiem zuletzt erlebte, war der Chor des Bayerischen Rundfunks mit seinen reichen Ausdrucksmöglichkeiten das dominierende gestalterische Element des Abends. Dem Windsbacher Knabenchor mit seinen achtzig Knaben und jungen Männern fiel eine andere, zurückhaltendere Dimension zu, die wunderbar passte zu ihren klaren und direkten jungen Stimmen. Fasziniert war ich von ihrer spürbaren Hingabe und ihrem Eifer; viele sangen auswendig.

Den übrigen Mitwirkenden, dem Orchester und den Solisten, eröffnete sich durch den Einsatz des Knabenchores ein gleichgewichtiges Musizieren. Das war meine erste Erkenntnis. Überraschend war dann die Entdeckung, daß das Einschieben von Stücken aus Wolfgang Rihms „Das Lesen der Schrift“ in das Brahms Requiem, nicht nur nicht störend wirkte, sondern eine Bereicherung darstellte. Mir erscheint das Requiem in seiner Schönheit und Tröstlichkeit oft zu kurz. Die eingeschobenen kurzen Rihm-Stücke dagegen bieten Zeit zum Verweilen schon während des Konzertes.

Dem Programmheft entnahm ich, daß Einschübe von Werken anderer Komponisten in das Brahms Requiem schon bei der Uraufführung vorgenommen wurden und in früherer Zeit keineswegs ungewöhnlich waren. Die Programmwahl war jedenfalls trotz des Überraschungseffektes überzeugend.

Kent Nagano wählte die folgende Reihenfolge:

Brahms: Selig sind, die da Leid tragen
Brahms: Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
Rihm: Erstes Stück. Sehr langsam
Brahms: Herr, lehre doch mich, daß ein Ende
Rihm: Zweites Stück. Sehr langsam
Brahms: Wie lieblich sind deine Wohnungen
Brahms: Ihr habt nun Traurigkeit
Rihm: Drittes Stück. Ruhig
Brahms: Denn wir haben hie keine bleibende Statt
Rihm: Viertes Stück. Sehr ruhig. Consolation
Brahms: Selig sind die Toten

Kent Nagano überraschte mich ebenfalls. Ich hätte ihm den ruhig, liebevollen Umgang mit Brahms, dem deutschesten aller deutschen Komponisten, ehrlich gesagt nicht zugetraut. Der Abend offenbarte tiefes Werkverständnis und schien ihm ein Anliegen zu sein. Das blendend disponierte Staatsorchester und seine überragenden Holzbläser taten gut daran, sich auf ihren Chef einzulassen. Bruchlos gelangen die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Stücken, gewohnt präzise erklangen Instrumentengruppen. Organisch fügten sich auch die Gesangssolisten ein. Michael Volles Bariton klang im ersten Konzert etwas harsch, fügte sich am zweiten Abend homogen in das Klangbild. Soile Isokoskis Solopart war das bewegende Herzstück des Konzerts, uneitel in der Zwiesprache mit dem Chor (Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet) und himmlisch in der Tongebung.

Einer meiner Konzertabende, die in Erinnerung bleiben.

Das Programm am 4. und 5. April 2011:

Wolfgang Rihm
Das Lesen der Schrift

Johannes Brahms
Ein deutsches Requiem op. 45

Die Besetzung
Musikalische Leitung Kent Nagano

Sopran Soile Isokoski
Bariton Michael Volle
Chor Windsbacher Knabenchor
Einstudierung Karl-Friedrich Beringer

Bayerisches Staatsorchester

One Comment leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    April 10, 2011 05:26

    Liebe Rossignol,
    auch ich war am Montag im Akademiekonzert.Eigentlich ist mir ein gemischter Chor immer lieber, aber der Windsacher Knabenchor hat mich dann doch angenehm überrascht. Ein ausgewogenes Klangbild zwischen den jugendlichen Knabenstimmen und den reifen Männerstimmen. Beindruckt hat mich auch die große Textverständlichkeit.
    Mich haben die eingeschobenen Rihmstücke allerdings sehr gestört!
    Ich wurde dadurch aus der besinnlichen, tröstlichen Stimmung immer wieder herausgerissen. Aber so ist jedes Konzert ein ganz subjektives Empfinden, und das ist auch gut so!

    Herzliche Grüße

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