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I Capuleti e i Montecchi

März 28, 2011

Premiere Bayerische Staatsoper 27. März 2011

Ein paar dekorativ-bedrohlich von der Decke hängende Pferdesättel, ein Waschbecken und eine ausgeklügelte Lichtregie – mehr Ausstattung brauchte Vincent Boussard nicht, um Romeo und Julia in der Version von Bellini in starren Bildern wirkungsvoll in Szene zu setzen. Prächtige Kostüme der Chargen (Christian Lacroix) entzückten darüber hinaus wie ein Zuckerl das schönsinnige Auditorium, dem der Augenschmaus denn auch einen Szenenapplaus wert war.

Eine Lungenentzündung machte Vesselina Kasarova einen Strich durch ihren Auftritt in der Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper. Wat den Eenen sin Uhl‘, ist den Annern sin Nachtigall. Die Nachtigall war in diesem Fall die junge Tara Erraught, Ensemblemitglied der BSO, die beherzt die ihr gebotene Chance ergriff und die Partie des Romeo, die sie vorher nicht gesungen und auch nicht mitgeprobt hatte, binnen 5 Tagen einstudierte. Das Ergebnis fand ich ebenso überraschend wie beachtlich. Mit schnörkellos direkter, sehr fokussierter Stimme marschierte sie durch den Part. Die Stimme trägt im großen Haus, sie hat Kraft bis zum Ende und die Sängerin weiß offenbar, wovon sie singt; Legato ist ihr nicht fremd. Wenn ich mir hätte etwas wünschen dürfen an diesem Premierenabend, dann wäre es eine Messerspitze vokaler Schmelz gewesen, gerne auch zwei, vielleicht garniert mit einer Prise Leidenschaft, was angesichts der Situation aber vermutlich zu viel verlangt war. So blieb es bei einer zwar tadellosen, jedoch weitgehend emotionsfreien Darbietung.

Blieb Tara Erraughts darstellerische Präsenz naturgemäß mehr an der Oberfläche, offenbarte sich die Probenarbeit bei der Darstellerin der Guilietta, Eri Nakamura, deutlicher. Die präzisen Gesten und Bewegungen der fragilen Sängerin spiegelten den inneren Zustand Guiliettas und ihre Bedrängnis sehr wohl. Auch sie überraschte mich positiv, denn aufgrund der Erfahrungen in den bisher gesehenen Rollen (insbesondere als Susanna) ging ich nicht unbedingt davon aus, daß sie als Guilietta würde reüssieren können. Umso besser wie es letztlich kam. Leichte Höhenschärfen in ihrer Stimme, die sich durch Agilität und vor allem Tragfähigkeit auszeichnet, was sich im Zusammenklang mit dem Orchester als Vorteil erwies, trüben den ausgezeichneten Eindruck nicht. Trotz des stimmigen Auftritts mit prägnanter Gestik und tadelloser Gesangsleistung haftete auch Eri Nakamuras Darstellung etwas Steriles an. Nicht daß ich Rotz und Wasser einfordern würde, aber ein bißchen Bewegung möcht‘ schon sein bei einem Bellini.

Eher unauffällig die Restbesetzung aus Dimitri Pittas (Tebaldo), Steven Humes (Capellio) und Carlo Cigni (Lorenzo).

Chor und Chargen trugen vor allem schöne Klamotten (frei interpretierte venezianische Mode vermutlich um die Zeit der Entstehung der Oper) und rangelten einmal heftig mit dem Orchester um’s wahre Tempo. Dieses (das Orchester, nicht das Tempo) war mit seinen Solisten eine Klasse für sich und das Zuhören und Zusehen ein uneingeschränkter Genuß. Wieviel davon dem Premierendirigenten Yves Abel zu verdanken ist, weiß ich nicht.

Begeisterter, berechtigter Beifall für die Sängerinnen und Sänger und ungeteilte Zustimmung für das Produktionsteam. Die Entscheidung der Opernleitung für Tara Erraught und gegen einen arrivierten Gast als Einspringerin war ein taktisch cleverer Schachzug, der aufgegangen ist. Im Schlaglicht dieser Entscheidung war mit Widerspruch gegen Boussards nahezu ideenfreie Palmoliv-Produktion nicht zu rechnen. Denn das macht man in so einer Situation einfach nicht. Insofern: Chapeau.

2 Kommentare leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    April 4, 2011 17:03

    Liebe Rossignol,
    gestern war ich auch in „Capuleti“.Die Inszenierung hat mir ganz gut gefallen – bis auf die Szene mit dem Waschbecken – hier erschließt sich mir nicht der Sinn.
    Was mich total überrascht hat, war die stimmliche Leistung von Tara Erraught und vor allem von Eri Nakamura. Zwei junge, frische Stimmen, die ganz wunderbar miteinander harmoniert haben. Natürlich muss man, was die schauspielerischen Fähigkeiten betrifft, noch Abstriche machen. Aber musikalisch war es wirklich ein Genuß, beiden Sängern zuzuhören.
    Die Restbesetzung fand ih auch unauffällig (um nicht zu sagen schlecht).Das Orchester spielte an diesem Abend auch auf höchstem Niveau.
    Ein sehr beeindruckender Opernabend!

    Herzliche Grüße

  2. April 4, 2011 22:11

    Hallo Baerbl,
    ich war gestern auch in der Vorstellung und fand Eri Nakamura noch besser als in der Premiere, keinerlei Schärfe in der Höhe und mit schönem Ausdruck in der Stimme. Auch Pittas war nicht ganz so angestrengt wie in der Premiere.

    In der ersten Julia Szene hängt über dem Waschbecken eine Skultur von der Decke, die ein Paar darstellt. Ich glaube, die Szene soll verdeutlichen wie sehr sich Guiletta eine solche Beziehung wünscht und wie unmöglich sie zu erreichen scheint (sie scheint ja über das Waschbecken die Wand hochgehen zu wollen). Ich fand die Szenen mit ihr ziemlich beeindruckend – das auf den Zehenspitzen gehen, sich unsichtbar machen wollen oder auch aus dem gegebenen (Bilder) Rahmen auszubrechen – während Romeo doch eher konventionell agierte.

    Mal wieder eine Inszenierung, durch die man problemlos Stars durchschleusen kann. Unnötig, wenn sie mich fragen, angesichts des Restrepertoires. Der Herr Brembeck allerdings nennt das „verwegen“.

    Viele Grüße
    rossignol

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