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Deutsche Oper Berlin: Tristan und Isolde

März 14, 2011

Neuinszenierung und Besetzung von Tristan und Isolde waren Grund genug, mich mal wieder auf Stippvisite nach Berlin zu begeben, großer Aufwand für ein lohnendes, weil interessantes, streckenweise unter die Haut gehendes Opernerlebnis.

Graham Vick, von dem ich einige Arbeiten in Italien sah, inszenierte Tristan und Isolde aus der Retrospektive. Aus wessen Retrospektive war nicht klar. Zunächst saß in einem bürgerlichen Wohnzimmer Tristan wie versteinert an einem Sarg (Isoldens? sein eigener?), abseits saß Marke im Sessel und starrte aus dem Fenster. Zwei Männer, die alles verloren hatten. Eine große wandernde Lampe fokussierte die jeweilige Episode der jeweils reflektierten Biografie. Tristan erinnerte sich an sein Leben mit Isolde, angefangen nicht nur mit der Überfahrt aus Irland nach Kornwall, sondern stumm auftretende Personen schlugen eine Brücke zur Vorgeschichte und den verwandschaftlichen Beziehungen sowohl von Isolde wie von Tristan. Er erinnerte sich wehmütig an Jahre, die weit zurücklagen. Isolde glaubte er lange für sich verloren, die nach dem Genuß des Zaubertrankes, der in diesem Fall eine Drogenspritze in die Armbeuge war, und einer Liebesnacht auf dem Kanapee (während der Sarg an der Küchenwand lehnte) König Marke folgen musste. Als es mit dem alten Tristan nach offenbar langem Siechtum zu Ende geht, kehrt Isolde suchend zurück, ebenfalls gealtert, wenn auch nicht so tatterig wie Tristan; zu spät, um Tristan zu lebend anzutreffen. Er war einfach weggegangen durch die Terrassentür, vorausgegangen in den Tod.

Ich bedauere es, die Produktion nicht bald noch einmal sehen zu können. Nicht die Bilderflut (das Beinahe-Einheitsbühnenbild ist ein einfaches Wohnhaus) sondern die unterschiedlichen Aktionsebenen haben mich beim ersten Augenschein etwas überfordert und ich konnte nur wenige Metaphern entziffern. Ohne Zweifel hat die retrospektive Betrachtungsweise des Dramas etwas sehr Berührendes. So wie die alte Isolde ihren Popelinemantel akkurat zusammenlegt und ihn wie eine Flagge auf dem (leeren) Sarg deponiert, kann eigentlich nur die Konsequenz des Liebestodes folgen.

Musikalisch würde ich den Abend als hochklassig einordnen. Das Orchester präsentierte sich unter seinem GMD Donald Runnicles rhythmisch und klangtechnisch ausgewogen. Orgiastisch klang das Ergebnis nicht, aber deshalb keinesweg schlecht. Hervorzuheben ist das glänzende Zusammenspiel mit der Bühne. Den Sängern wurde ein Bett bereitet, das vor allem der Isolde-Debütantin Petra Maria Schnitzer zugute kam. Runnicles gab ihr die Chance, auch als nicht Hochdramatische als Isolde zu reüssieren. Es wird nicht verwundern, daß gerade mir das recht gut gefallen hat. Alle Achtung vor Schnitzers gesanglicher und darstellerischer Leistung, die eine ausgezeichnete Ausgangsposition für die weitere Rollenentwicklung ist.

Sehr überrascht, weil ich Kristinn Sigmundsson zum ersten Mal auf der Bühne erlebte, war ich vom Sänger des König Marke, der mit einer balsamisch warmen Stimme und fantastischer deutscher Diktion sang.

Nach einigen Wagnerrollen, in denen ich bisher Peter Seiffert erleben konnte (auch als Tristan), kann ich auch mit dem Abstand eines Tages sagen, daß dieser Berliner Tristan mich am meisten beeindruckt hat. Er war nicht nur darstellerisch ausgefeilt, sondern vor allem stimmlich überwältigend. Sichere Intonation, Farbgebung und emotionaler Ausdruck dürften derzeit ihresgleichen suchen. Der beste Seiffert, den ich bisher hörte.

Unter Wert als Kurwenal verkaufte sich am Premierenabend leider Eike Wim Schulte. Auch
mit Jane Irwin als Brangäne konnte ich nicht viel anfangen, wobei ich allerdings meinen Eindruck gar nicht richtig begründen kann.

Rollendeckend besetzt waren Melot (Jörg Schörner), Hirt (Peter Maus!), Seemann (Paul Kaufmann), Steuermann (Krzysztof Szumanski). Ausgezeichnet der Männerchor der Deutschen Oper, trainiert von William Spaulding. Ein Lob gebührt auch den vielen Statisten (nicht nur den schönen Nackten).

Empörte Buhs bereits nach dem ersten Akt und beim Schlussvorhang für das Regieteam. Ich hätte auch gerne gebuht, aber eher für Teile des keuchend-kotzenden, taschentuchlosen Publikums. Als auch bei der Premierenfeier das Buhgeschrei für Graham Vick aufbrandete, wies die Intendantin Kirsten Harms die Schreihälse in die Schranken, die sie an den Ausgängen des Zuschauerraumes nach ihrer Ansicht enden. Innerhalb derer könnten sie ihrem Unmut ausdrücken, bei der Premierenfeier indes nicht.

Großen Applaus, wenn auch für mich unerwartet kurz, gab es für die Sänger, Runnicles und das Orchester.

PS: Leider reicht meine Zeit gegenwärtig nur für eine rudimentäre Zusammenfassung, aber ganz ohne wollte ich das blog dann doch nicht lassen. Allerdings glaube ich, daß man der etwas rätselhaften Inszenierung durchaus auch andere Deutungen als meine eigene entnehmen kann. Ich fand den Gedanken des explosiven Erlebens, wenn das biologische Leben sich fast dem Ende zuneigt, faszinierend.

2 Kommentare leave one →
  1. frenkel permalink
    März 28, 2011 10:33

    hallo,
    da hast du noch nie einen wirklichen wahrhaftigen tristan gehoert und erlebt. solchen leuten wie vick und seinem buehnenbildner, einschiesslich harms, die die verantwortung fuer diesen mist traegt, muss man das handwerk legen. du brauchst dir nur den aida- kitsch von bregenz unter vick anzusehen und dir wird alles klar.
    es geht auch nicht, dass leute, die kein gefuehl fuer wahrhaftige liebe zwischen frau und mann besitzen aufgrund ihrer anderen veranlagung
    das geheimnis der liebe zwischen richard und mathilde entziffern geschweige denn interpredieren koennen.
    in der talentlosen unfaehigkeit, ein eigenes musikwerk zu kreieren, benutzen sie beruehmte werke von kuenstlern, die sich nicht wehren koennen.
    wer als regiseur statisten angesichts isoldes onanieren laesst, sollte lieber mal zum psychater gehen.
    sein buehnenbildner wuerde bei nicht mal die aufnahmepruefung an meine
    kunsthochschule bestehen.
    kein gefuehl fuer raeume, farbe, strukturen.
    die voellig falsche umsetzung des liebestodes ist ja sowas von arrogant
    bloed. der sinn wagners werks ist nunmal, da isolde und tristan auf erden es aufgrund der gesellschaftlichen zwaenge nicht konnten, gemeinsam im tode und somit im jenseits erfuellung ihrer liebe finden.
    wer das nicht erkennt, hat als regiseur den beruf verfehlt. es ist nun mal eine pflicht einer inszenierung dem autor zu dienen! und nicht meinen zu muessen, aus mangelhafter bildung und fehlendem talent heraus, es besser als wagner zu koennen.
    der beste saenger war peter seyfert; allerdings mit dem image eines bauerntrottels.
    und im uebrigen: die beste lebende isolde ist waltraud maier

  2. cassio permalink
    April 9, 2011 20:00

    was für ein dämlicher Kommentar. Hier auf großen Kenner machen, aber nicht mal die Namen der Sänger richtig schreiben können.
    (Ich meine natürlich NICHT den Blog-Eintrag von Frau rossignol!)

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