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Bayerische Staatsoper Doppelpremiere: L’enfant et les sortilèges / Der Zwerg

Februar 28, 2011

Bild von der br-klassik HP

Maurice Ravel – L’enfant et les sortilèges
Ein Film sollte gedreht werden über das unartige Kind und den Zauberspuk, ein Film mit Musik. Schauplatz: ein Theaterkarren auf einer Waldlichtung. Kameramann, Requisiteure, Darsteller sind in Warteposition, das Kind ist nervös. Regisseur und Dirigent sprechen sich noch kurz ab, ehe Letzterer im Graben verschwindet. So weit so gut. Die weitere Handlung entwickelte sich entlang des Librettos. Irgendwann im letzten Drittel des kurzen Stückes schien mir das Fiktive des Films in den Hintergrund zu treten und in die Realität umzuschlagen. Das war zumindest mein Eindruck. Eine Geschichte, die ich mit dem Abstand des Alters belustigt, aber auch gerührt betrachten konnte. Schöne Kostüme in warmen, bunten Herbstfarben, gute Sänger, präzises Spiel der Hauptdarstellerin Tara Erraught. Dazu eine hochklassige Geräuschkulisse (um bei dem Terminus zu bleiben, den Nagano letztens beim Akademiekonzert benutzt hat) aus dem Graben, bei denen vor allem die feinziselierten Instrumentengruppen bestachen, die in rascher Folge die kurzen Szenen in ganz uneinheitlichen Rhythmen und Harmonien untermalen. Diese Qualität hatte ich für Ravel erwartet und für den mir unbekannten Zemlinsky erhofft.

Den Videobanner allerdings, der die Mimik des Kindes hervorheben sollte, hätte man sich sparen können, wenn man dabei auf eine Aufzeichnung zurückgreift. Zumindest bei der Premiere liefen Film- und Bühnenaktion nicht synchron ab.

Alexander Zemlinsky – Der Zwerg
Der mir bisher unbekannte „Zwerg“ spielt im gleichen Bühnenbild wie „L’enfant“. Die Prinzessin aus dem „L’enfant – Film“ treffen wir gleich mehrfach: Als Puppe auf dem Geburtstagstisch der Infantin Klara und als Infantin selbst. Aus dem Spiel scheint einerseits Realität geworden zu sein, andererseits erscheint die ganze Gesellschaft um die Infantin Klara unwirklich – unirdisch, obwohl der Zwerg meint, Prinzessinnen seien irdisch. Eine abgehobene, übersättigte Clique feiert den Geburtstag der Infantin auf einer Waldlichtung, wohin man mit Oldtimer-Straßenkreuzern gefahren ist. Gespenstisch wirken sie in bonbonfarbenem, exzentrischem Outfit mit illuminierten Reifröcken, bereit ihren bösen Schabernack zu treiben mit dem Zwerg. Optisch ist er der einzig Normale unter den Überdrehten, so sieht ihn das Publikum. Innerlich aber scheint er ein reiner Tor zu sein, arglos und vertrauensvoll. Müßig zu erzählen, daß die Geschichte nur tragisch enden kann. Das Herz des Zwergen bricht, als er erkennt, daß er nicht der gängigen Schönheitsnorm entspricht, daß man ihn nicht angelacht sondern ausgelacht hat und daß seine Liebe zur Prinzessin (natürlich) nicht erwidert wird. Herzzerreissende Realität.

Auch bei „ Der Zwerg“ blieb der Regisseur Grzegorz Jarzyna nahe am Buch, was zwar das Verständnis erleichtert, eine weitergehende Interpretation bei mir aber auch nicht anregte. Nach diesem ersten Besuch war mein Eingang durchweg positiv. Wie im Leben, liegt Herz und Schmerz auch im Theater nebeneinander. So fühlte ich mich nicht nur gut bis sehr gut unterhalten, sondern liess mich rühren vom Kind, dessen schlussendliche Einsicht, sein Mitleid und seine Hilfsbereitschaft beim Gegenüber Ähnliches hervorruft. Und das Elend des Zwerges schließlich ist nichts weniger als herzzerreissend.

Ohne Musik allerdings wäre Oper ein Irrtum. So auch hier. Das Bayerische Staatsorchester nähert sich nach meinem letzten Eindruck der Königsklasse. Sie können einfach alles und das einfach gut. Vom fein gedrechselten Ravel bis zum beinahe ekstatischen Zemlinsky folgen die Musiker auch ungewohnten musikalischen Stilrichtungen und klingen dabei sehr organisch und „wissend“. Wobei der Zemlinsky instrumental – für mich überraschend – geradezu konventionell klingt, im direkten Vergleich zu Ravels Stilexperimenten bei etwa gleicher Entstehungszeit.

In beiden Einaktern waren ausgezeichnete Sänger zu erleben. Hervorzuheben sind natürlich die Hauptdarsteller, Tara Erraught, der formidable John Daszak, Camilla Tilling, die auch hervorragend agierten, aber auch Irmgard Vilsmaier als Ghita, die mich mit einem aussergewöhnlich warmtönenden Mezzo (ja) überraschte. Zu den Sängern aus Zeitgründen vielleicht nach einem zweiten Besuch mehr.

Bild von der br-klassik HP

Die Premierenbesetzung
L’enfant et les sortilèges

Musikalische Leitung Kent Nagano
Inszenierung Grzegorz Jarzyna
Bühne Magdalena Maria Maciejewska
Kostüme Anna Nykowska Duszynska
Licht Jacqueline Sobiszewski
Video Bartek Macias
Chöre Sören Eckhoff

Das Kind Tara Erraught
Die Mutter / Die chinesische Tasse / Die Libelle Okka von der Damerau
Eine Bergère / Die Fledermaus Laura Tatulescu
Das Feuer / Die Nachtigall Rachele Gilmore
Die Prinzessin Camilla Tilling
Die Katze / Das Eichhörnchen Angela Brower
Die Eule / Eine Schäferin Evgeniya Sotnikova
Ein Schäfer Martha Hirschmann
Der Sessel / Ein Baum Paul Gay
Die Standuhr / Der Kater Nikolay Borchev
Die Wedgwood-Teekanne / Das alte Männchen / Der Laubfrosch Kevin Conners

Der Zwerg

Musikalische Leitung Kent Nagano
Inszenierung Grzegorz Jarzyna
Bühne Magdalena Maria Maciejewska
Kostüme Anna Nykowska Duszynska
Licht Jacqueline Sobiszewski
Video Bartek Macias
Chöre Stellario Fagone

Donna Clara Camilla Tilling
Ghita Irmgard Vilsmaier
Don Estoban Paul Gay
Der Zwerg John Daszak
Die erste Zofe Laura Tatulescu
Die zweite Zofe Angela Brower
Die dritte Zofe Okka von der Damerau
Das erste Mädchen Hanna-Elisabeth Müller
Das zweite Mädchen Martha Hirschman

Weitere Vorstellungen:

2 Kommentare leave one →
  1. März 1, 2011 08:44

    Danke für Deine Einschätzung! Ich hatte schon nach der Einführung einen positiven Eindruck und schaue mir die Vorstellung am 20.3. an. Vielleicht sehen wir uns?
    Liebe Grüße

    C.

    • März 1, 2011 22:03

      Ich hatte Dich in der Premiere schon vermisst. Ich gehe am kommenden Sonntag noch einmal. Am 20.3. kann ich leider nicht. Die Inszenierung ist auf jeden Fall ansehenswert, hörenswert sowieso. L’enfant wäre vermutlich besser im kleineren Rahmen aufgehoben, ist aber wirklich gut gemacht. Und der Zwerg ist ein starkes Stück, finde ich.
      Viel Spaß.
      R.

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