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Konzert – Gipfel

Februar 20, 2011

Selbst in München mit seinem überreichen Konzertangebot hat man nicht allzu oft Gelegenheit, Bernard Haitink am Pult eines der großen hier heimischen Orchester oder mit einem Gastorchester zu erleben. Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dirigierte der große Dirigent, einer der letzten einer Dirigentengeneration, Mahlers 7 e-moll. Symphonie. Gustav Mahler hinterliess keine Anleitung für die Anwendung dieser Symphonie und so kann man eben bei Fragen nicht den Arzt oder Apotheker fragen, sondern muss sich als musiktheoretisch ungebildeter Laie selbst ein Bild machen oder es lassen.

Aufrecht wie ein General, mit sparsamen Armbewegungen, vor sich eine große Partitur, dirigierte Bernard Haitink das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der vollbesetzten Philharmonie am Gasteig. Kaum zu glauben, daß der Mann dieses Orchester bereits im Jahr 1958 zum ersten Mal dirigierte und ihm seither verbunden blieb. Die Verbundenheit und vor allem seine Zufriedenheit über das Gelingen des Konzertes machte er gegenüber den Musikern überaus deutlich. Fast schien mir, als sei ihm das wichtiger als der große Applaus des Publikums, so als hätte das Orchester für ihn musiziert.

Ich finde Mahlers 7. Symphonie schwer zugänglich, sperrig, monströs im Kopfsatz, in sich nicht schlüssig. Allerdings arbeite ich noch an meinen Verständnisschwierigkeiten. Bei der Radio-Direktübertragung des zweiten Konzerttages fühlte ich mich von den drei mittleren Sätzen, von denen der zweite und der vierte als „Nachtmusik“ bezeichnet sind, unmittelbar angesprochen. Vielleicht kann man sich den Aufbau der Symphonie dergestalt vorstellen, daß der erste Satz die Strapaze eines heißen Arbeitstages darstellt. Der zweite Satz gibt den geruhsamen Abend wieder, während´der dritte Satz die Schwelle zum Einschlafen bedeutet. Wirre Träume könnten schon durch unser Hirn geistern, ehe es im 4. Satz in erholsamen Schlaf fällt, aus dem es im 5. Satz in einen positiven neuen Tag aufbricht. Oder so ähnlich. Man kann es, wie gesagt, auch lassen, und sich Mahlers leichter verständlichen Werken zuwenden.

Das BRSO spielte wie immer ausgezeichnet, professionell bis zur letzten Kuhglocke und wurde bei diesem Werk verstärkt durch ein noch nie bewußt erlebtes Tenorhorn (1.Satz), Mandoline und Gitarre.

Leider nur ein Ausschnitt der 7. Symphonie (moderate Teile) der Berliner unter Bernard Haitink.

Überhaupt nicht anstrengend fand ich das 4. Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters ein paar Tage zuvor, in dem Kent Nagano als Hauptwerk Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 auf das Programm gesetzt hatte, das mich unmittelbar begeisterte. Vor Konzertbeginn erläuterte Kent Nagano kurz die Programmwahl, den inneren Zusammenhang der Stücke, in dem den beiden russischen Hauptwerken jeweils ein kurzes Stück von Charles Ives vorangestellt wurden. Bei diesen geht es um das Hören von Geräuschen, das Identifizieren von Aktionen aus den Rhythmen und die Aufnahme von Stimmungen in einer bestimmten Situation. Eigenartige Musik, schon aufgrund der orchestralen Zusammensetzung, aber faszinierend und gar nicht fremdartig.

Zurück zum zentralen Punkt des Konzertes. Schostakowitschs 9. Symphonie gehört ebenfalls nicht unbedingt zu meinem täglichen musikalischen Speiseplan. Der Witz und die Leichtigkeit dieser erst 1945 uraufgeführten Komposition mit ihren harmonischen Delikatessen wurde so mitreissend und spannend präsentiert, daß ich mir ein da capo gewünscht hätte. Schon der schwungvolle Beginn versetzte mich unmittelbar in gute Laune, die während der folgenden Minuten anhielt. In Staunen versetzte mich die fast überraschend wirkende lange Fagottsequenz und das schwungvolle Ende. „Tolle Geräusche“ und das Bayerische Staatsorchester mit seinen famosen Solisten at its best.


Programm des 4. Akademiekonzertes

Charles Ives
From the Steeples and the Mountains

Sergej Prokofiew
Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26

Charles Ives
Central Park in the Dark

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70

In den nachfolgenden Youtube Vidos spielt das Orchester des Bayerischen Rundfunks den Schlussatz von Schostakowitschs 9. Symphonie (Solti). Das Konzert ist mit zwei weiteren Videos komplett auf Youtube zu finden.

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One Comment leave one →
  1. Bärbl Wagner permalink
    Februar 22, 2011 10:46

    Liebe Rossignol,
    ich habe schon auf Ihre Berichte gewartet! Was B.Haitnik betrifft, war ich sehr skeptisch, denn der Tristan letztes Jahr in Zürich unter seiner Leitung war katastrophal!Aber bei Mahler VII. hat er mich wieder versöhnt.
    Das 4.Akademiekonzert hat mich auch total begeistert.Wobei für mich die beiden Stücke von Charles Ives „überflüssig“ waren. Fasziniert war ich von dem Klavierkonzert von Prokofiew,das I.Pogorelich für mein musikalisches Empfinden vollendet dargeboten hat.Total begeistert hat mich dann nach der Pause die 9.Sinfonie von Schostakowitsch. Eine wunderschöne,fröhliche Musik, großartig dargeboten vom Bayer.Staatsorchester unter Kent Nagano.In kurzer Zeit zwei wirklich beeindruckende Konzerterlebnisse. Es muss also nicht immer Oper sein!
    Liebe Grüße
    Bärbl

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