Skip to content

Bay. Staatsoper: Carmen 2. Februar 2011

Februar 4, 2011

Carmen gehört nicht zu meinen Lieblingsopern und wird vermutlich nie dazu gehören. Dazu sind mir die Charaktere der handelnden Personen zu fremd. Von Anfang an ist Don José ein haltloser Schwächling, ein Angeber der Escamillo und was mit Carmen ist, liegt auf der Hand. Micaela hat zwar Charakter, erfährt aber auch keine Entwicklung.

An der Bayerischen Staatsoper wird Carmen in den Rudimenten einer Inszenierung von Lina Wertmüller gezeigt, deren Banalität allerdings bereits in der Premierenserie nicht zu übersehen war. Kein Grund also für einen Besuch ohne Not. Der Notfall tritt allerdings dann ein, wenn besondere Gäste an Carmen oder als Carmen zugange sind. So auch derzeit.

Derb und zügig ging Dan Ettinger in die Ouvertüre, setzte sich durch (z.B. gegen Kyle Ketelsen, der ein anderes Tempo im Sinn hatte) und fand trotz (oder auch wegen) spektakulärer Gestik im Lauf des Abends mit dem Staatsorchester zu einer mehr als ansprechenden Gemeinsamkeit und einer detaillierter charakterisierten Interpretation. Da liess nicht nur die eine oder andere Passage der Holzbläser, der Celli, auch der Violinen aufhorchen, sondern das Orchester kann seine Qualität einfach nicht mehr verleugnen.

Aufhorchen liess auch Aga Mikolaj, die als Micaela auftrat. Ich erlebte sie schon in unterschiedlichen Rollen und ihre Stimme hat sich sowohl in der Tongebung wie im Timbre positiv entwickelt. Ihre Micaela war für mich jedenfalls eine Überraschung und ein Glanzpunkt des Abends. So weit ich es beurteilen kann, machte Kyle Ketelsen seine Sache als Escamillo ebenfalls gut. Sein Auftritt war nicht so testosterongesteuert wie ich es bei manchen seiner Rollenvorgänger zu beobachten glaubte, weshalb wahrscheinlich Ettinger den Kampf um’s Tempo bei der Auftrittsarie gewann. So kann’s gehen. Ich fand ihn jedenfalls gut. Überraschend entwickelte sich Anita Unaussprechlich (Anita Rachvelishvili) in der Hauptrolle. Nachdem sie mir im ersten Akt ziemlich gesichtlos sang – ein typisches Beispiel für klischeegesteuerte Besetzung -, dafür ziemlich gewöhnlich agierte (Carmen eben, wie ich mich belehren liess), gefiel sie mir in den beiden letzten Akten deutlich besser. Die Stimme hat Volumen, keine Frage, und es durfte einem um ihre männlichen Partner schon fast bange sein. Über den Durchschnitt erheben wird sie sich damit allerdings nur, wenn sie der Stimme „personaggio“ geben kann. Kommt vielleicht noch. Die Sorge um den männlichen Partner Jonas Kaufmann indes war unbegründet. Er sang Don José auf seine Art, viel piano und mezza voce; ich glaubte auch eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten. Es ist bei ihm immer die Einheit der dargestellten Person zu beurteilen, Stimme und Schauspiel, und das kriegt er halt unvergleichlich gut und glaubhaft hin.

Ich besuchte die erste Aufführung der angesetzten Carmen Serie und habe dummerweise mich um keine weitere Karte bemüht. Ich gehe nämlich stark davon aus, daß alle Darsteller sich bei den Folgevorstellungen noch steigern werden. Vielleicht werde auch ich mein Besuchsverhalten ändern und nicht mehr unbedingt in die erste Vorstellung einer Repertoireserie rennen. Ich wäre nämlich auch mal gerne wieder dran mit einer Sternstunde.

Advertisements
8 Kommentare leave one →
  1. Februar 4, 2011 23:38

    Aus gegebenem Anlaß muß ich mich selbst kommentieren. Der „Sternstunde“ steht nun nichts mehr im Wege, da ich einer Mutter, die wegen Krankheit in der Familie verhindert ist, vorhin ein Karte für den 5. Februar abgekauft habe. Ich hoffe, es klappt mit der Übergabe morgen. Stay tuned.

  2. Februar 5, 2011 21:25

    Eine weitere Fußnote. Da sich das Fieber in der Familie verflüchtigt hat, die Karte überdies ein Geburtstagsgeschenk der Tochter für die Mutter war, konnte ich nicht anders, als darauf zu verzichten. Die Freude der beschenkten Mutter wird groß sein, denn so oft geht man mit erwachsenen Töchtern, die kleine Kinder haben, vermutlich nicht in die Oper. Kaufmann und Co möge singen wie ich es mir wünsche.

  3. Christel Mangold permalink
    Februar 6, 2011 10:35

    die Aufführung am 05.02 war sehr schön,aber im letzten Jahr mit Elena Garanca hat Jonas noch besser harmoniert.Ich würde Jonas Kaufmann so gerne in Tosca in Mailand oder in London sehen aber allein und ungenügenden Englisch Kenntnissen traue ich mich nicht.
    Christel

  4. baerbl wagner permalink
    Februar 7, 2011 08:40

    Als Jonas Kaufmannfan war ich natürlich in der ersten Carmen am 02.02.und dann in der Aufführung am05.02. (es folgen noch zwei!!!!)
    Ich kann den Eindruck von Rossignol nur bestätigen. Alle Sänger agierten bei der ersten Aufführung noch etwas zaghaft, man hatte das Gefühl, dass sie sich erst „warmlaufen“ und aneinander gewöhnen müssen.
    Bei der Vorstellung am Samstag sprang dann der Funke gleich über!
    J.K.steigerte sich um 100% – soweit das überhaupt noch möglich ist – bei seiner Blumenarie im 2.Akt herrschte absolute Stille im ganzen Haus. Und die Schlussszene war dann wirklich sehr ergreifend gestaltet.
    Mann nimmt es ihm ab, dass er gar keine andere Wahl hat, als Carmen zu töten, nachdem sein flehentliches Bitten umsonst ist. Die Aufführung lebte von der grossen sängerischen und darstellerischen Präsenz von Jonas Kaufmann.

    Herzliche Grüße,
    Bärbl

    • Februar 7, 2011 09:05

      Hallo Bärbl,
      vielleicht gibt’s ja für mich auch noch ein zweites Mal, ab und zu werden ja tatsächlich Karten angeboten.
      Viele Grüße und eine schöne Woche.
      rossignol

  5. Evi Feldhege permalink
    Februar 23, 2011 22:00

    Eine Sternstunde haben meine Tochter und ich am 18.02.20011 erlebt. Die Sänger waren ohne Ausnahme brillant, Szenenapplaus von Anfang an und in den Beifall am Schluß mischten sich Rufe und Getrampel auf den Rängen. Eine wunderbare Aufführung !!!!!! Solch eine Stimmung im Publikum gibt es auch nicht alle Tage. Schön, daß wir dabei sein durften. Evi

    • Februar 25, 2011 09:38

      Danke, daß Sie Ihr schönes Erlebnis mit uns teilen. Don José sang in der Aufführung wohl Massimo Giordano, auch ein Klasse-Tenor, wie ich finde.
      rossignol

      • Evi Feldhege permalink
        März 1, 2011 23:23

        Hallo Rossignol,

        wie nett, daß Sie mir geantwortet haben. Massimo Giordano hatte mir schon im Fernsehen bei der Carmen Premiere der Wiener Staatsoper gefallen. Wissen Sie, ob Carmen auch auf dem Spielplan 2011/2012 stehen wird? Ich würde sie so gerne noch einmal sehen!
        Es grüßt Sie herzlich Evi Feldhege

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: