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Opernhaus Zürich: Tannhäuser

Februar 1, 2011

Eine elektrische Gitarre ist der rote Faden in Harry Kupfers Züricher Tannhäuser Inszenierung (Premiere 30. Januar) und eine Brücke zu Jimi Hendrix. Jimi Tannhäuser ist als Künstler kein Revoluzzer sondern ein Anarchist. Sein Talent möge noch so groß sein, vom Establishment wird er argwöhnisch beobachtet. Nach seinem Tod allerdings wird er verkehrsfähig für die Bonzen und die Mächtigen und sie vereinnahmen ihn.

Bonzen und Mächtige und vor allem der katholische Klerus sind allgegenwärtig in dieser Geschichte und selbstverständlich auch in der schwülen Lasterhöhle, wo sie sich Sex and Drugs zwar nicht hingeben, aber sich gebärden als würden sie gerne. Mythengesindel nannte Pereira in der Werkeinführung die Gäste der Venusbergkaschemme. Tannhäuser und Venus halten sich in einer Art Liebesgondel auf, bis sich Tannhäuser darauf besinnt, daß Leben und Gitarre möglicherweise mehr bieten als Venus Kuschelbett.

Er kehrt zurück in die Welt vor Venus und findet sich statt auf grüner Au auf einem Golfplatz wieder, seine früheren Gefährten und Sangesbrüder sind arriviert und Mitglieder in dem exklusiven Club, dem auch der Landgraf Hermann angehört.

Der Sängerstreit findet im Fernsehstudio statt als song contest. Als die vornehme Gesellschaft einzieht, bestehend aus Adabeis, Militär und den unvermeidlichen kirchlichen Würdenträgern, vermittelt eine Videoprojektion die Illusion von pompösem Ambiente. Ein Flügel und eine unvermeidliche Gitarre, inzwischen eine vergoldete Version, stehen inmitten der Teilnehmer.

Der dritte Akt spielt in einer Bahnhofshalle. Zwischen zwei Gleisen, überdacht einer Metallkonstruktion kehren Rompilger zurück. Elisabeth, eine einsame junge Frau im Trenchcoat, wartet auf Tannhäuser, der mit den Pilgern nicht zurückkehrt. Als er schließlich doch kommt, hat Elisabeth den Bahnsteig schon verlassen. Venus, inzwischen verbraucht und gealtert, erwartet ihn. Barfüßig, verbittert, aber noch immer mit der Gitarre in der Hand, erzählt Tannhäuser Wolfram von seinem erfolglosen Weg nach Rom und stirbt. Der Papst selbst kommt mit großem Gefolge und dem inzwischen begrünten Hirtenstab. Als er Tannhäuser in einem Dornröschensarg betten ließ und den Stab auf den Deckel legte, ließ eine höhere Gewalt es blitzen und donnern. Wolfram nimmt die E-Gitarre an sich.

Grundelement der Bühne (Hans Schavernoch) war eine variable Leichtmetall-Wandkonstruktion, die in allen drei Akten zum Einsatz kam. Kostüme stammten von Yan Tax und die Lichtgestaltung oblag Jürgen Hoffmann.

Sehr gespannt war ich auf Vesselina Kasarovas Rollendebüt als Venus. Ihr gelingt offenbar ein Fachwechsel. Zwar kann ich sie mir nicht so richtig als Bordellbesitzerin vorstellen, weil es so gar nicht zu ihrer Persönlichkeit zu passen scheint, aber das ist meine persönliche Ansicht. Stimmlich war ich voll zufrieden. Die Stimmführung war gleichmäßig und großvolumig ohne großen Registerbruch, ohne Exaltiertheit, an Stimmfarben mangelt es ihr sowieso nicht – ein sehr gelungenes Rollendebüt. Will Vesselina K. im deutschen Fach Fuß fassen, sollte sie allerdings unbedingt an der Aussprache arbeiten, meine ich als große Bewundererin ihrer Kunst. Erst dann wird das Vergnügen ungetrübt sein.

Michael Volle fühlte sich sichtbar wohl als Wolfram, der Gutmensch, und badete genüsslich im Beifallsturm, der ihm beim Schlussapplaus entgegenbrandete. Die dramatische Ausgestaltung und stimmliche Umsetzung rechtfertigte den Applaus auf jeden Fall. Positiv aufgefallen ist mir Christof Strehl als Walther von der Vogelweide, dessen Stimme im kleineren Raum der Zürcher Oper eine Ohrenweide ist. Mehr als eine gute Figur machte Alfred Muff aus dem Landgraf Hermann.

Nina Stemme mit ihrer klaren Diktion und ihrer voluminösen, doch nicht zu schweren Stimme war ein Zentrum des Abends. Die Hallenarie klang dominant und üppig, der innigen Tongebung beim Gebet der Elisabeth konnte sich niemand entziehen. Kluges Spiel komplettierte die Charakterisierung Elisabeths, einer aufgeschlossenen jungen Frau, die keine Heilige ist.

Derzeit unübertrefflich in der Kombination von Darstellung und Gesang dürfte Peter Seiffert als Tannhäuser sein. Gerade die nicht durchgängig perfekte Gesangsleistung, (kleinere Krächzer gehören dazu), gibt der Figur Charakter. Die Kraft reicht voll bis zum Ende, wenn er bei der Romerzählung alle Verbitterung förmlich herausschreit und die Stimme nicht aus der Kontrolle gerät. Toll. Ich freue mich sehr auf Peter Seiffert und Nina Stemme als Tristan und Isolde im Sommer in München.

Unbedingt zu erwähnen ist der vorzügliche Chor, mit dem Harry Kupfer während des Einzugs der Gäste und während des Sängerstreites viel anzufangen wusste und all die Darsteller, die ich nicht namentlich genannt habe, die dennoch ihren Anteil am Gelingen des Premierenabends hatten.

Ingo Metzmacher leitete das glänzend aufspielende Orchester der Züricher Oper (großer Frauenanteil!). Die orchestrale Interpretation gewann nach etwas schwächerem Beginn an Fahrt und Ausstrahlung. Das Dirigat war sängerfreundlich, sich teilweise kammermusikalisch anhörend und immer nah am Bühnengeschehen. Im Lauf der Premierenserie wird sich das vielversprechende Orchester stabilisieren und optimieren, denke ich.

Jubel für die Sänger und großer Applaus, fast einhellig, für das Regieteam, wäre da nicht das Alibi-Buh gegen den Regisseur aus dem zweiten Rang erschollen – „nieder mit dem Regietheater“.

Gespielt wird in Zürich eine modifizierte Pariser Fassung des Tannhäuser. Je öfter ich Aufführungen in Zürich besuche, um so mehr gefällt mir das Opernhaus, in dem man als Zuschauer so nahe am Bühnengeschehen ist und Mimik und Gestik der Sängerdarsteller gut verfolgen kann, was in bei der grandiosen Personenregie Harry Kupfers ein Glück ist.

Es gibt noch sechs weitere Vorstellungen, von denen ich gerne noch eine sehen würde, was leider nicht möglich sein wird.

Opernhaus Zürich

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