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Lohengrin 2, 20. Januar 2011

Januar 23, 2011

Vorstellungsbeginn an Wochentagen um 18 Uhr ist schon eine Herausforderung, die ich zwar nicht leicht, aber doch meisterte. Das Vorspiel wollte ich mir denn doch nicht entgehen lassen.

Das wird kein Aufguß des Berichtes über meinen ersten Besuch. Ich möchte allerdings kurz meine Freude darüber aufschreiben, daß auch dieses Mal die zweite Aufführung einer Serie noch besser als die erste war. Nachdem mich der Abend am 16. von der orchestralen Seite fast umgehauen hatte, war ich mental entsprechend eingerichtet. Hätte jemand gedacht, daß in dieser Inszenierung doch ein bißchen mehr steckt als Elsas Jungmädchentraum vom eigenen Häuschen? Ben Heppners tieftrauriger Lohengrin kombiniert mit Elza von den Heevers mädchenhafter Elsa rührte mich zutiefst im ersten Akt (ja, er ist bereits im ersten Aufzug melancholisch). Am Ende des dritten Aktes packte meine reizende Sitznachbarin ihr Taschentuch ein: „Entschuldigung, ich mußte jetzt weinen“. Nun gehen wir ja grundsätzlich nicht zum Weinen in die Oper, aber ab und zu gehört auch das dazu. Gesungen wurde glänzend. Für die Erbsenzähler: Beim „Mein lieber Schwan“ im letzten Aufzug war das „Mein“ nicht ganz sauber.

Abendzeitung und tz: Habt ihr nicht schon mal vor vielen Jahren Lorbeeren an Ben Heppner vergeben für diese Rolle? Jetzt wäre mal wieder eine Gelegenheit.

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2 Kommentare leave one →
  1. Werner permalink
    Februar 13, 2011 20:26

    Am 3. 2. 2011 hatte ich erstmals (!) das Vergnügen Wagners „Lohengrin“ komplett und live auf der Bühne zu erleben. Vorneweg: Ich war restlos begeistert, aber aus mehreren Gründen!

    Zu allererst sei da mein „Platzerlebnis“ genannt: Hatte ich schon während des ersten und zweiten Aktes von meinem Balkon (links, 4. Reihe) bemerkt, dass in der allerersten Parkettreihe ca. drei Meter vom Dirigenten entfernt zwei Plätze permanent leer geblieben waren, so wagte ich in der Pause vor dem 3. Akt den Wechsel nach unten – mit Erfolg. Der Eindruck war überwältigend: Man vermeint, die „Druckwelle“ der Sänger bei ff-Stellen förmlich zu spüren und wird durch dieses intensive Erlebnis ins Bühnengeschehen geradezu hineingezogen. Auch die Akustik erlebte ich viel besser als erwartet bzw. befürchtet: Das Orchester leuchtete transparent und doch homogen, obwohl ich den Spielern fast beim Blättern helfen konnte. Die Klangwirkung aus dem Graben nach oben im Gegensatz zur direkt-horizontalen Abstrahlung der Sänger in den Zuschauerraum sorgte m.E. für eine ideale Klangbalance, die ich in den oberen Rängen manchmal vermisse. Am aufregendsten fand ich aber, Kent Nagano bei der Arbeit quasi über die Schulter schauen zu können. Auf einem solchen Platz ist man zwangsläufig Zeuge sämtlicher Kommunikation zwischen Dirigent, Orchester und Bühnendarstellern, was bei manchen Passagen ungemein spannend sein kann.

    Das „Orchestererlebnis“: Schon der heikle und luzide Beginn der Violinen (und Flöten und Oboen) in extremer A-Dur-Lage zeigte von Beginn an, dass neben der selbstverständlichen Bewältigung der technischen Ansprüche auch unendlich Raum war für musikalische Ausdeutung. Kein falsches Pathos, ein leicht bewegtes, schlichtes Schimmern mit ruhigen und gleichmäßigen Triolen (siehe Wagners Partituranmerkungen! :-)) deutete schon auf die folgenden musikalischen Großtaten des Ensembles hin, das trotz größter Eruptionen immer klangschön, transparent und kontrolliert blieb. Dass der Reitermarsch im dritten Akt den Kontrabassisten wirklich die Schweißperlen auf die Stirn trieb (über 100 Takte Triolen im Allabreve-Takt in allerhöchstem Tempo – eine reine „Turnübung“, bei der sich Wagner wie so oft keinerlei Gedanken um die technische Ausführbarkeit des Komponierten gemacht hatte!), beruhigte mich auf meinem 1a-Platz doch einigermaßen. Noch waren Menschen und keine Außerirdischen am Werk!

    Das „Dirigentenerlebnis“: Da bleibt einem nur das große Staunen! So viele große Dirigenten habe ich ja noch nicht live erlebt, aber ähnlich souverän kamen mir nur noch Mehta, Abbado und Haitink vor. Da spielen 15 Trompeten aus allen Richtungen des Bühnen- und Zuschauerraums (inkl. dreier im Graben), im Graben allergrößte Betriebsamkeit und der Leiter des Ganzen scheint sich nicht mehr zu verausgaben, als ich beim Steuern eines gemächlichen tuckernden PKW während eines Sonntagsausflugs. Ein falsch gegebener Einsatz, ein schlampiger Auftakt, unklare Zeichengebung bei heiklen Übergangen – so etwas scheint bei Nagano ins Reich des Undenkbaren verbannt, die Musik scheint durch ihn wie selbstverständlich hindurch zu fließen: der Maestro als Medium, der immer sympathisch, ja anfeuernd-charismatisch, aber niemals autokratisch wirkt. Was allerdings stimmt: Er kümmert sich erstaunlich wenig um die Sängersolisten.

    Das „Chorerlebnis“: Vielleicht täusche ich mich, aber die Männerchöre (1. und 2. Szene) bis zu Elsas erstem Auftritt starteten mit stotterndem Motor. Keine rhythmische Einheit (Doppelpunktierungen!), dadurch keine einheitliche Diktion. Und das ist beileibe nicht handwerklichen Mängeln des Dirigenten zuzuschreiben, wie ein m.E. unkundiger Kritiker auf merkur-online 2009 fälschlicherweise behauptet. Der chorischen Unwucht versucht Nagano vielmehr sofort mit kleineren, exakten Bewegungen Einhalt zu gebieten, um so die verlorene Synchronität zwischen Orchester und Chor wieder herzustellen. Vielleicht war das Bekenntnis „Bewahre uns des Himmels Huld, dass klar wir sehen, wer hier Schuld“ in der zweiten Szene auch ein „Mea-culpa“ des Männerchors, denn von da an ging es steil bergauf. Der Schwan, der Nachen, der Ritter – sie allen kamen präzise ans Ufer, die Frauenstimmen gesellten sich makellos hinzu. Leicht und duftig der Brautchor, bestechend dann die Einwürfe im Reitermarsch („Heil König Heinrich“) mit glasklarem hohen C im 1. Tenor und sonorer Kraft in den abschließenden Wehklagen nach Lohengrins Bekenntnis. Erst beim Live-Erlebnis wurden mir die enormen Anforderungen an die Choristen klar, die nahezu ständig auf der Bühne sind und nach langen Pausen auf den Punkt genau mit den vielen Einwürfe höchst präsent sein müssen.

    Das „Sängererlebnis“: Wen Elza van den Heevers Spiel und Gesang nicht in der Seele rührt, der muss aus Stein sein! Sie verfügt über unglaubliche stimmliche Möglichkeiten, vom gehauchten und doch tragenden Piano bis zum Seelen erschütternden Markschrei mit unglaublichem Volumen. Mit mir haben sich die meisten Zuschauer die Hände wund geklatscht beim Schlussapplaus. Ben Heppner machte mir deutlich, wie selten ich bislang reine und echte dramatische Tenöre erleben konnte. Strahlende Entfaltung in der Höhe, Farbgebung für jede Ausdrucks-Nuance, – so ähnlich habe ich Johan Botha (der ja eigentlich aus dem italienischen Fach kommt) im Ohr – aber um Längen intensiver Heppners Spiel, seine Leidenschaft. Während Botha stocksteif agiert, verausgabt sich Heppner derartig, dass man nach seiner anstrengenden Münchner Lohengrin-Serie sehen und auch hören konnte, dass da ein Mensch aus Fleisch und Blut singt, dessen Reserven momentan nahezu aufgebraucht sind. Aber die kleinen Unpässlichkeiten am Ende fallen bei einer solchen Leistung dann doch kaum ins Gewicht. Die Überraschung des Abends war für mich Alexandra Petersamer, die als Ortrud einsprang. Hätte man ihr Einspringen nicht erwähnt, keinem wäre es aufgefallen. Völlig souverän und abgeklärt war sie jederzeit ebenbürtige Partnerin in den Duetten (Ortrud-Elsa / Ortrud-Friedrich) und Quintetten und hexen-meisterliche Solistin in ihrer Wahnsinnsarie („Entweihte Götter“).

    Das „Inszenierungserlebnis“: Da stelle ich als absoluter Laie zumeist nur den minimalen Anspruch, dass die Musik nicht gestört werden darf. Große Sorgen hatte ich da erstmals, als die große Brücke langsam gen Himmel fuhr, aber Gott sei Dank nur sehr, sehr langsam. Meiner Meinung nach geriet alles recht stimmig, mir taten sich diesmal nicht ständig neue Rätsel auf, die Opulenz in der Musik korrespondierte mit großen Bildern und Aufmärschen auf der Bühne.

    Fazit: Siehe oben! Das mit den Premiumtickets solle ich mir doch noch einmal überlegen, sagt mein Geldbeutel. Hör nicht auf ihn, sagt mein Herz. 🙂

  2. Februar 25, 2011 09:41

    Hallo Werner, ich habe Ihren Kommentar mal unkommentiert gelassen, damit er lange „oben“ bleibt im Blog. Solche Erlebnisse hat man nicht allzu oft, umso besser, wenn sie geschehen.

    Sie haben fachkundig begründet, was ich immer bezweifelt habe, daß nämlich die anfängliche Chorkonfusion (in jeder Aufführung) zu Lasten des Dirigenten geht. Den Nagano-Gegnern wird das gar nicht gefallen, allerdings haben sie inzwischen schon erreicht, was sie wollten.

    Danke für diesen wunderbaren Aufführungsbericht.
    rossignol

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