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„A fescher Bursch“ – Werther, Wiener Staatsoper

Januar 18, 2011

Vor der Vorstellung und in den beiden Werther-Pausen nutzte ich die Gelegenheit, Teile des Wiener Stehplatz-Stammpublikums im Galerie-Bistro zu belauschen. Zimperlich ist man dort nicht im Umgang mit Sängerstars. „Singen kann er ja“, aber warum so ein Brimborium um Jonas Kaufmann gemacht wird, wird dort nicht so recht verstanden, vielleicht weil er kein Österreicher ist. Natürlich können die beiden kurzen Aktpausen nur eine Momentaufnahme bieten; Groupies im fortgeschrittenen Alter sah und hörte ich in der Wiener Staatsoper jedenfalls nicht, wenn man von anerkennenden Bemerkungen wie der im Titel genannten absieht.

Ein paar kurze Worte zur Inszenierung. Ein naturalistisches Einheits-Bühnenbild mit einer riesigen Eiche in der Mitte, an deren Stammende eine Plattform eingefügt war, eine Art Balkon eines Baumhauses. Im Freien hinter der Eiche (die den Blättern nach zu schliessen auch eine Buche sein konnte) befand sich das Kirchengestühl. Unter dem Baum „wohnt“ die Familie des Amtmanns, Charlottes und Alberts Wohn-Schlafzimmer samt Nierentisch, Röhrenfernseher, Christbaum und Doppelbett stehen dort , und dort erschoss sich auch Werther. Fahrendes Volk vielleicht oder Obdachlose (Scherz). Möbel und Kostüme lassen auf eine zeitliche Ansiedlung in den 50er Jahren schließen. Personenführung war nicht mehr erkennbar. Prädikat: Belanglos.

Massenets Werther wird auch in Wien gerne hochkarätig besetzt. Vermutlich glaubt man auch an diesem Haus, mehr müsse man nicht tun, um das Publikum, das eh nur wegen der Sänger kommt, zufriedenzustellen. Das trifft nicht nur für mich nicht zu, sondern wie ich hörte, auch auf andere Besucher. Nach lauem Applaus nach dem ersten und zweiten Akt sagte mir eine Stehplatzbesucherin, sie wisse nicht, was ihr heute trotz der guten Sänger fehle. Ich hatte für mich schon ausgemacht, daß es Jules Massenet war, der mir fehlte. Die Wiener Philharmoniker unter Frédéric Chaslin (Hausdebüt) hätten sich die Aufnahme aus Paris unter Michel Plasson anhören sollen, dann hätte aus dem Graben vielleicht weniger Verdi geklungen. Nicht, daß die schlecht gespielt hätten, es war der typische vollrundige Klang, voluminöse Streicher, tolle Bläser – im Schlafrock eingesamteter Massenet. Bezeichnend dafür die einzigartigen Solopassagen für Cello, Violinen und Oboe, die einfach nur wunderbar klangen, aber nichts aussagten. Grandios das Thema verfehlt!

Zu den Sängern. Albert ist eine undankbare Rolle und Adrian Eröd kann bekanntermaßen singen, ließ uns allerdings an seiner Kunst nicht teilhaben und blieb merkwürdig farblos. Ebensolches gilt für die Sängerin der Sophie, deren Namen ich vergessen habe. Beliebig und wenig ausgearbeitet die Gasthausszene, die ich eigentlich sehr gerne mag.

Sophie Koch ist mir als Charlotte keine Unbekannte. Sie war vor Jahren nicht meine bevorzugte Münchner Charlotte, kam aber im Ambiente dieser Wiener Inszenierung sehr jugendlich über die Rampe, spielte wunderbar und hat stimmlich deutlich an Ausdruck, Beweglichkeit und Farbe gewonnen. Die Briefszene berührte mich und ihre Bühnenpräsenz im gesamten letzte Akt war der Jonas Kaufmanns ebenbürtig. Jonas Kaufmanns natürliche Spielbegabung und unbefangen (scheinenden) Bühnenaktion kommen ihm bei der tückischen Rolle des Werther, die so leicht in Kitsch abrutschen kann, entgegen. Stimmlich war er in erstklassiger Verfassung, Technik und Höhe funktionierten so uhrwerkhaft, daß ein Großteil der Konzentration in den Ausdruck fließen konnte. So hörte es sich wenigstens an für mich. Das Ergebnis war beispielhaft. Ein Werther, der den Sturm und Drang des jugendlichen Werther verkörpern und das sich zwangsweise zuspitzende tragische Ende glaubhaft vermitteln kann. Kurze Ovationen für Sophie Koch, Jonas Kaufmann und Publikumsliebling Adrian Eröd.

Kaufmann-Fans aus Österreich und den Nachbarländern werden wie ich vom Gesang begeistert sein, für den Rest ist dieser Werther bedingt empfehlenswert.

7 Kommentare leave one →
  1. Januar 18, 2011 19:36

    Bloss dass die Eiche ein Lindenbaum ist… „Là-bas au fond du cimetière, /il est deux grands tilleuls! c’est là que pour
    toujours je voudrais reposer! “ 🙂

    • Januar 18, 2011 19:57

      Soll sie vielleicht sein, ist sie aber nicht. Mit Eichen und Buchen kenne ich mich aus. 😉 Die Geschichte könnte allerdings auch auf Werthers Lieblingsfriedhof angesiedelt sein, ein Aspekt, den ich noch nicht bedacht hatte.
      LG
      rossignol

  2. baerbl wagner permalink
    Januar 30, 2011 20:33

    Liebe Rossignol,
    endlich war es so weit – ich war am 28.Januar beim Werther in Wien.
    Ich hatte ja die Aufführung vom Januar vergangenen Jahres in Paris vor Augen – aber ich muss sagen, meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Die Inszenierung war für mic sehr stimmig und konsequent in der Umsetzung. Das Orchester war leider an manchen Stellen zu dominant, zu viel fort – da hätte sich der Dirigent an Michel Plasson ein Beispiel nehmen können!!!! Aber das ist auch das einzige Manko.
    Die beiden Hauptdarsteller, Sophie Koch und Jonas Kaufmann boten eine einzigartige Darstellung Ihrer stimmlichen und schauspielerischen Fähigkeiten und Qualitäten. Es war ein Hochgenuss beide in Aktion zu hören und zu sehen. Da stimmte wirklich jede Geste und jeder Blick.
    Dass Jonas seine große Arie im 3.Akt, nach minutemlangen Beifall und Bravorufen wiederholte – und zwar mit derselben Intesität wie zuvor – das wird wohl lange in Erinnerung bleiben. Man gebraucht oft das Wort:“Traumpaar“ und „Sternstunde“ – aber für diese Vorstellung reichen die Superlative nicht aus!! Ein Opernabend, den man so schnellt nicht vergisst, und der einfach unbeschreiblich schön und ergreifend war!!!
    Liebe Grüsse,
    Bärbl

  3. Mangold Christel permalink
    Februar 2, 2011 20:23

    habe den Werther am 21.01 gesehen,war total begeistert.Vor allem von Jonas Kaufmann, leider nahm der Dirigent wenig Rücksicht auf seine exzellenten Pianos.

  4. Februar 3, 2011 00:10

    Hallo Baerbl, wie ich hörte, scheinen sie eine am 28. eine der raren Sternstunden erlebt zu haben. Wie schön. Ich hoffe, ich bin auch bald mal wieder dran. Meine Aufführung am 17. war allerdings auch nicht schlecht; das Orchester halt …

    Liebe Christel, ich hörte, der Dirigent hat sich im Lauf der Aufführungsserie doch noch gebessert. Eigentlich hätte er am besten wissen müssen, wie Gounod geht, als Franzose …
    Wenigstens hat Sie der Gesang begeistert. Mich auch.
    Viele Grüße
    rossignol

    • Christel Mangold permalink
      Februar 4, 2011 19:11

      Liebe rossignol

      freue mich schon auf Morgen,Jonas Kaufmann in Carmen.Habe ihn schon letztes Jahr gesehen es war unbeschreiblich

      Christel

  5. Blume permalink
    Februar 20, 2014 22:49

    Wenn die Wiener nicht verstehen, warum Jonas Kaufmann begehrt ist, kommt es wahrscheinlich davon, dass sie denken, sie hätten die Musik erfunden. Aber warum gibt es dann keine namhaften österreichischen Opernsänger? Da müssen sie sich eben abfinden, dass es eben in anderen Ländern bessere gibt. Außerdem werden in Österreich sowieso nur „Opernclowns (z.B. Netrebko) verherrlicht. Eine Schande für unser sonst so schönes Land. Bin nämlich selbst Österreicherin, und ansonsten stolz darauf, aber in dieser Hinsicht hinkt Österreich ziemlich nach. (natürlich nicht alle)

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