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Bayerische Staatsoper, Lohengrin

Januar 17, 2011

Ich war offensichtlich nicht die einzige Besucherin, die nach der gestrigen Lohengrin-Wiederaufnahme nicht oder nur schlecht schlafen konnte. Vielleicht war aber auch die Wetterlage daran schuld, die mir auf der Heimfahrt eine Sternschnuppe bescherte, die ich allerdings zuerst als Halluzination wahrnahm, so sehr war ich noch gefangen, eingesponnen, von und in dem Abend.

Ich muss bei der Schilderung meiner Eindrücke mit dem Orchester beginnen. An diesem Abend hätte ich keine Stimmen gebraucht. Es ging mir ähnlich wie bei der Premiere dieser merkwürdigen Inszenierung, als beim Erklingen der ersten Töne des Vorspiels, wenn Stimmen der ersten Geigen wie zarte Nebelschwaden aus dem Nichts auftauchen, sich teilen, mit den Klängen der Bläser verschmelzen, sich wieder teilen, eine unwirkliche Welt entsteht. Eine zwar unwirklich erscheinende Welt, deren Erschaffung durch das Orchester aber unmittelbar anrührend ist. Sie erzählt von Liebe, Ruhe und Zuversicht, von Perspektive; ist mystisch und mysteriös. Ich glaube, jeder versteht, was ich meine. Auf die Idee, in Frage zu stellen, ob der Abend halten würde, was die Ouvertüre versprach, kam ich, ehrlich gesagt, nicht. Der Zauber hielt nämlich an. Ein grandioser Abend des Bayerischen Staatsorchesters und des Generalmusikdirektors Kent Nagano. Ich könnte jetzt noch begeistert erzählen, wie kunstvoll die Instrumentenstimmen ineinander und übereinander geschichtet wurden, alle Stimmen identifizierbar und mit einer spezifischen Bedeutung, dabei niemals einem artifiziellen Selbstzweck dienend, sondern Emotionen ausdrückend und Emotionen auslösend.

Vor fast einem Jahr besuchte ich eine Lohengrin-Aufführung der Deutschen Oper Berlin, in der Ben Heppner, den ich als Sänger sehr schätze, als Lohengrin auftrat. Ich habe damals in meinem Blog nicht darüber berichtet. Ben Heppner war bei seinem Berliner Auftritt wohl gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe und der Lohengrin war so eine Zitterpartie. Ich habe bei jedem missratenen Ton echt gelitten. Ich hatte die Aufführung schon fast vergessen und freute mich, als er nun als Lohengrin bei der Bayerischen Staatsoper angekündigt war. Natürlich war ich mehr als gespannt, wie der schon deutlich erwachsene Heldentenor im blassblauen Tshirt und Silberschuhen aussehen würde. Sie hatten ihn hergerichtet wie Meat Loaf in seinen Jugendjahren und die Auftritts-Szene mit dem Schwan hatte auch für mich etwas slapstickhaftes. Der Augenblick währte nur kurz, denn dann zeigte Ben Heppner wie es klingt, wenn einer wie er den Lohengrin singt. Ein Heldentenor. Einer, dessen Held sein tragisches Scheitern von Anbeginn in sich trägt. Sehr berührend.
Bewundernswert seine bespielhafte Diktion und seine Stilsicherheit, die offene, risikoreiche Tongebung, die so gut zu Lohengrin passt. Er schien mir ein bisschen vorsichtig zu sein, nachdem im ersten Akt die Stimme bei einer Stelle leicht ausser Kontrolle geriet, wobei eher die leisen Töne gefährdet scheinen (wie bei der Taube). Insgesamt gelang Ben Heppner ein glänzender Einstieg in diese Lohengrin-Serie, und ich freue mich schon auf weitere Vorstellungen.

Einen glänzenden Einstieg hatte auch Elza van den Heever bei ihrem Hausdebüt. Sie ließ schon bei der Traumerzählung ahnen, daß sie eine gute Elsa in dieser Inszenierung geben würde. Sie war mehr als das. Ihre Stimme hat einen charakteristischen Klang und ist voluminös genug, bei Elsas Schwärmen aufzublühen. Dazu hat Elza von den Heever ein natürliches Spieltalent. Sie bekam zurecht den stärksten Beifall unter den Sängern.

Bemerkenswert gut fand ich Markus Eiche, der als Heerrufer erstmals zum Einsatz kam. Sein Rollenvorgänger, Evgeny Nikitin, gab erstmals den Telramund. Von der Statur her eine perfekte Wahl (diabolisch die tätowierten Arme), von der gesanglichen Seite war ich nicht ganz so begeistert. Die Stimme erschien mir etwas fahl, und er deklamierte zu viel. Vielleicht ändert sich das in den Folgevorstellungen. Das Publikum applaudierte ihm stark. Sehr stark war wieder Christof Fischesser als Heinrich der Vogler. Janina Baechle darf an Ortrud noch arbeiten, einstweilen ist bei der Jezibaba gut aufgehoben. Mein Problem mit ihr war, daß sie manchmal zu „schön“ und manchmal gar nicht sang.

Nachdem sich auch der Chor gestern sich in guter Verfassung zeigte, konnte man als Besucher gar nicht anders als beglückt nach Hause gehen und hoffen, solche musikalischen Sternstunden noch öfter erleben zu dürfen.

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