Skip to content

Fidelio II

Januar 2, 2011

Auch am Neujahrstag war Jonas Kaufmann krank und Robert Dean Smith sprang dankenswerter Weise ein. Eine Besetzungsmeldung, über die man schon im Vorfeld nicht meckern konnte.

Doch zunächst zur Vorstellung an sich. Schuldig bin ich ja vor allem noch eine Aussage zur Leonore von Anja Kampe. Der gesamte gestrige Abend zeichnete sich durch Klasse aus. Im Vergleich zur Premiere wurde nicht nur durchgängig besser gesungen, auch Daniele Gatti gab dem Orchester akzentuiertere Impulse, und schon hatte die Leonoren-Ouvertüre III mehr Spannung. Insgesamt bleibt Gatti bei langsamen Tempi. Aus akustischer Perspektive eines meiner gewohnten Stammplätze im dritten Rang konnte ich der Interpretation im Gegensatz zur Premiere schon etwas abgewinnen.

Jussi Myllys muss zu Ehren kommen, der gestern zeigte, daß er Jaquino ebenso gut singen kann wie Kopf stehen (am Premierenabend war seine Stimme kaum zu vernehmen). Laura Tatulescu finde ich nach wie vor als Marzelline nicht ganz passend besetzt. In den Ensembles übertönte sie (als wäre die Stimme verstärkt worden) sogar mitunter Anja Kampe. Darstellerisch hat sie allerdings mit der Kletterei Höchstleistungen zu vollbringen. Wiederum bemerkenswert die beiden Sänger des 1. und 2. Gefangenen, Dean Power und vor allem Tareq Nazmi mit berührendem Stimmausdruck und Darstellung. Franz-Josef Selig und Wolfgang Koch bestätigten den glänzenden Eindruck aus der Premiere als Rocco und Don Pizzarro, während sich Steven Humes als Minister deutlich besser in Szene setzen konnte.

Anja Kampe vermittelt den Eindruck der vollständigen Identifikation mit der Rolle, bleibt dabei – wie schon bei der Holländer Senta – sie selbst, eine tolle Sängerdarstellerin. Ihre Stimme, die sie selbst noch als jugendlich-dramatischen Sopran bezeichnet, ist groß genug, um das Leonorenspektrum zu erfüllen, dabei erhält sie ein beinahe lyrisches Timbre, das zu Leonores Charakter meiner Meinung nach passt. Zwar stößt die Stimme in der Arie des ersten Aktes an ihre Grenzen, aber welche Stimme tut das nicht. Eine überzeugende, sehr sympathische Darstellung und eine ebensolche Darstellerin.

Mit dem Wagnersänger Robert Dean Smith hatte ich schon des öfteren das Vergnügen, woran sich auch gestern nichts änderte. Zwar kamen seine Auftrittsworte „Gott! Welch Dunkel hier“ nicht aus der Tiefe der Szene wie bei Kaufmanns Premierenauftritt, sondern er trat von der Seite her auf, was der Eindringlichkeit der Worte nicht schmälerte. Das crescendo der Anfangsphrase war sehr beeindruckend, hat mich sehr berührt und auch überrascht ob der Intensität. RDS blieb Florestan nichts schuldig; ein kluger Sänger, mit exzellenter Diktion, Ausdauer und Stimmvermögen, der den Abend durch sein Einspringen nicht nur rettete, sondern mich wirklich begeisterte.

Weniger begeistert war ich vom Abend-Publikum, das wohl ein paar Zeitungsblätter zu viel gelesen und Spass an Randale hatte. Von der Galerie peitschte die Ablehnung Daniele Gatti nicht nur nach der Ouvertüre in den Rücken sondern bei seiner Rückkehr nach der Pause ins Gesicht. Ein besonders intelligenter Schreihals plärrte in das Vorspiel zu Florestans Auftritt, als die Artisten aus dem Schnürboden gelassen wurden, lauthals „Zirkus Bachler“, womit er grundsätzlich Recht hat, aber nicht an dieser Stelle, wie ich meine. Ein anderer Idiot buhte in das Quartett opus 132 hinein, wurde allerdings niedergezischt.

Ganz ungefährlich sind Auftritte in dieser technisch aufwändigen Inszenierung übrigens keineswegs. Beim Herablassen der Quartettkäfige hat sich gestern der rechte Käfig mit der Aufhängekonstruktion eines der fliegenden Artisten verheddert, was nicht nur zu einer akustischen Störung des ruhevollen Satzes führte, sondern für beide beteiligten Künstler sicher zu einer Schrecksekunde führte. Die Umsicht des Luftakrobaten verhinderte Schlimmeres.

Die Inszenierung hat ihre Stärken in optisch starken Bildern, wie anlässlich der Premiere bereits geschrieben. Ihre Schwäche liegt für mich vor allem darin, daß durch das Fehlen von Zwischentexten mit Bezug zur Handlung eine Art Nummernrevue entsteht, kein Handlungszusammenhang mehr besteht. Die sicherlich klugen Texte bringen mich persönlich da nicht sehr viel weiter. Ich finde ausserdem, daß die Grundidee des Fidelio, sich mit äusserer Gewalt und Repression durch die Obrigkeit auseinander zu setzen, durch die Verlagerung in die Befindlichkeit von Menschen verlorengeht. Das sind für mich zwei unterschiedliche Baustellen.

Gestern allerdings verliess ich das Nationaltheater durchaus bereichert, milde gestimmt und zuversichtlich.

Advertisements
One Comment leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    Januar 3, 2011 08:29

    Liebe Rossignol,
    das Benehmen des Publikums fand ich auch ungeheuerlich! Vor allem der Buhrufer zu Beginn des Quartetts! Das ist für mich nach wie vor eine der eindringlichsten Momente der Inszenierung, neben dem Auftritt des Gefangenenchores!Wirklich erschütternde und zu Herzen gehende Momente!
    RDS-zum zweiten Mal Einspringer- hat mich wieder stimmlich überzeugt.
    Natürlich ist er kein überragender Darsteller, aber seine stimmlichen Qualitäten gleichen dieses Defizit aus. Diesesmal war es doch ein gelungener Opernabend.
    Herzliche Grüße, Bärbl

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: