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Neuproduktion Bay. Staatsoper: Fidelio

Dezember 22, 2010

Bühnenbild 1. Akt Fidelio aus der Fotogalerie der Bay.Staatsoper zu Fidelio

Zu den Klängen der an den Anfang der Oper gesetzten Leonorenouvertüre III kletterten Menschen an Seilen aus dem Orchestergraben auf die Bühne, schleppten sich kriechend in ein Labyrinth, aus dem sie trotz unermüdlicher und hektischer Suche keinen Ausweg fanden. Das Labyrinth, ein senkrecht stehendes Metallgebilde, dessen Kammern mit Plexiglas abgetrennt waren, war das Bühnenbild des ersten Aktes und mit Abwandlung auch des zweiten Aktes. Hinter der vorderen feststehenden Labyrinthwand hatte die Bühnenbildnerin bewegliche Teile platziert, die im Zusammenspiel mit der ausgezeichneten Lichtregie einen Eindruck von ständiger Bewegung, ja sogar von Wasserflächen erzeugten.

Bereits während der Ouvertüre war Florestan auszumachen, eine kraftlos scheinender Mensch in einer blassblauen, einem Schlafanzug ähnelnden Montur, der zwar ebenfalls versuchte dem Labyrinth zu entkommen, dessen Versuche allerdings darauf schliessen liessen, daß er die Versuche für hoffnunglos hielt.

Eine Frau in Jeans steht verlassen an der Basis des Labyrinths, Leonore. Mit einer Bandage bindet sie sich den Busen flach. Sie spricht einen Text von Jorge Luis Borges – die Zwischentexte hat man durch Texte Borges und Cormac McCarthys ersetzt. Mir schien allerdings, daß auch Eingriffe in die gesungenen Worte zumindest des ersten Aktes vorgenommen wurden.

Marzelline scheint von einer Sexmanie besessen, sie schminkt sich die Lippen grell und beschmiert nach und nach das ganze Gesicht mit Lippenstift als sie sich von Fidelio nicht gewürdigt fühlt. Auch Jaquino scheint einen an der Klatsche zu haben, aber den Handstand kann er zugegebenermaßen gut. Rocco wenigstens ist von einer ganz alltäglichen Geldgier besessen. Er schreit, bewaffnet mit einem Geldkoffer, er könne den Weg nicht finden, worauf aus dem Nichts und völlig zusammenhanglos das schönste der je geschriebenen Quartette einsetzt „Mir wird so wunderbar“. Mir dagegen stockte der Atem vor Entsetzen ob dieser Instinktlosigkeit.

Die drastischen Vorgänge im Labyrinth verdeutlichten auch dem schwerbegrifflichsten Zuschauer nach kurzer Zeit, daß es in diesem Fidelio nicht um die Befreiung eines politischen Gefangenen und damit letztlich um den Sieg der Gerechtigkeit und Humanität über Diktatur und politische Willkür geht, sondern um Krankheitsbilder von Menschen, die in sich selbst und ihrer Obsession gefangen sind, sich nicht befreien können und vielleicht auch nicht wollen. Beim Klettern durch die verschiedenen Stockwerke des Labyrinths ketten sich die Darsteller immer wieder mit Karabinerhaken am Labyrinth an, bestimmt keine reine Maßnahme zu ihrer Sicherheit. Ein interessanter Ansatz, der sich allerdings im Laufe des ersten Aktes abnutzt. Die Zusammenhanglosigkeit des Bühnengeschehens im ersten Akt lenkte die Aufmerksamkeit um so mehr auf das unakzentuiert und breiig klingende Orchester lenkte. Den ungünstigen musikalischen Eindruck, der sich auch auf die Stimmen erstreckte, lastete ich allerdings zunächst meinem (für meine Verhältnisse recht teueren) Balkonplatz an.

In der Pause hörte ich von Besuchern aus den oberen Rängen, das Orchester wäre lärmend laut, was dann auch den Unmut gegen Daniele Gatti nach der Pause erklärte. Meinen Unmut erregte die Absenkung des vertikalen Labyrinths in die Waagrechte, die lähmend langsam mit reichlicher Unterstützung einer Windmaschine vonstatten ging. Das hätten sie leicht während der langen Pause machen können! [Ironieschalter aus]

Aus dem Schnürboden schweben Artisten herunter. Sie machen im Lauf des Aktes allerhand akrobatische Übungen, schweben aber auch ruhig über dem nun waagrecht stehenden Labyrinth; sie erinnerten mich ab und zu stark an Schutzengel. Florestan tritt auf, ein traumatisierter Mann, der sich zusammenkauert und fortwährend die Haare kämmt. Leonore setzt den Pizzaro außer Gefecht, indem sie ihn mit Säure übergiesst. Leonore und Florestan fallen sich nach der Befreiung nicht etwa in namenloser Freude in die Arme; in aller Ruhe, schüchtern befreien sie sich von den Kleidern der Gefangenschaft, wagen keine Berührung des jeweils anderen.

Vom Bühnenhimmel schweben drei Metallkäfige. Aus ihnen erklingt der dritte Satz des Streichquartetts Nr. 15, ein überirdisches Molto Adagio (leider in gekürzter Form), das dem Abend ein magisches Licht verleiht. Diese Einfügung hatte ich zugegebenermaßen etwas skeptisch betrachtet. Sie erwies sich als bester Einfall des Abends. An der Wand des Labyrinths sitzen währenddessen Leonore und Florestan und hängen beklommen ihren Gedanken nach.

Odeon Quartett, Op. 132 Streichquartett, 3. Satz

Für mich hätte „Fidelio“ hier zu Ende sein können. Aber natürlich wurde die Oper zu Ende gespielt. Der Ministerszene, die sich der linken Proszeniumsloge abspielte, konnte ich von meinem Platz nicht richtig folgen. Aber wie gesagt, für mich war es mit dem Quartett ohnehin zu Ende.

Das Warten auf Jonas Kaufmann hat sich gelohnt. Sein aus dem Nichts anschwellendes „Gott!“ war denn auch der schon nicht mehr erwartete Gänsehautmoment. Florestan lebt nur zum Teil von leuchtetenden Spitzentönen, die Jonas Kaufmann zweifellos hat, sondern von der mentalen Ausgestaltung der Rolle, die ihm ebenfalls gelang; er war der herausragende Gestalter. Ich fand die sypmpathische Anja Kampe etwas nervös und möchte gerne, ehe ich mich zu ihrer Leonore äussere, einen zweiten Besuch abwarten, wenn ich einen akustisch besseren Platz haben werde. In positiver Erinnerung habe ich neben Wolfgang Kochs pointiertem Pizzaro die beiden Gefangenen, beides Mitglieder des Opernstudios. Insgesamt kann ich sagen, daß erfreulich viel „gesungen“ wurde und kein überfordertes Geschrei zu hören war, was gerade bei Fidelio durch die hohen Anforderungen leicht passieren kann.

Der allgemeinen Begeisterung über den Chor kann ich mich zu meinem Bedauern wieder nicht anschliessen, wobei dieses Mal nicht ganz klar ist, wer die Wackler zu verantworten hat. Womit wir bei dem Orchester und der musikalischen Leitung des Abends wären, über die man am besten den Mantel des Mitleids breitet. Das Orchester hat sich mit seinem temperamentlosen Beethovenbrei einen Bärendienst erwiesen, den das Publikum notgedrungen auszulöffeln hatte. Daniele Gattis Reputation als Dirigent des schweren Faches kann ich ehrlich gesagt nicht so recht nachvollziehen. Er bekam für seine Arbeit keine Zustimmung des Premierenpublikums.

Der Beifall für Calixto Bieito und sein Regieteam war geteilt, Zustimmung und Ablehnung hielten sich die Waage. Die Sänger bekamen freundlichen Applaus. Kaufmann und Kampe wurden gefeiert. Insgesamt hielt die Begeistertung ganze drei oder vier Vorhänge. Nichts für eine so wichtige Premiere.

Ich fand die Inszenierung nicht völlig misslungen; es waren einige starke Bilder dabei. Auch der Ansatz ist nicht widersinnig, obwohl Beethovens Absicht wohl nicht getroffen wurde. Insgesamt scheint die Arbeit nicht ganz fertig zu sein. Der innere Zusammenhalt fehlt, aber vielleicht ist das sogar Absicht. Bei einer besseren musikalischen Umsetzung würde mein Urteil wohl sehr viel milder ausfallen, das sich heute überwiegend als Enttäuschung artikuliert.

Premierenvorhänge

Letzter Premierenvorhang

Besetzung

Musikalische Leitung Daniele Gatti
Inszenierung Calixto Bieito
Bühne Rebecca Ringst
Kostüme Ingo Krügler
Licht Reinhard Traub
Choreographische Mitarbeit Heidi Aemisegger
Produktionsdramaturgie Andrea Schönhofer
Chöre Sören Eckhoff

Don Fernando Steven Humes
Don Pizarro Wolfgang Koch
Florestan Jonas Kaufmann
Leonore Anja Kampe
Rocco Franz-Josef Selig
Marzelline Laura Tatulescu
Jaquino Jussi Myllys
1. Gefangener Dean Power
2. Gefangener Tareq Nazmi

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

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2 Kommentare leave one →
  1. Bärbl Wagner permalink
    Dezember 23, 2010 13:19

    Liebe Rossignol,
    ich kann Ihre Kritik an dem neuen Fidelio nur unterstreichen!
    Den psychologischen Aspekt, den Calixto Bieito seiner Inszenierung zu Grunde gelegt hat, fan ich schon spannend und teilweise gut umgesetzt.
    Nur wurden es im Laufe des Abends zu viel an Aktionen!
    Musikalischer Höhepunkt war „Gott, welch Dunkel hier“ – von Jonas Kaufmann im Pianissimo angesetzt und dann in ein schier unglaubliches Crescendo gesteigert!Ich bekam Gänsehaut – im positivsten Sinn!!
    Anja Kampe hatte hörbar gegen Ihre Nervosität anzukämpfen. Die Stimme klang für mich oft schrill und etwas überanstrengt.
    Das Orchester war – vor allem zu Beginn – viel zu laut „grob“ im Klang.
    Auch gab es in den Ensembleszenen einige Unstimmigkeiten zwischen dem Orchester und den Solisten.Ich hoffe,dass sich dieses Manko bei den nächsten Vorstellungen nicht wiederholt.
    Aber wegen Jonas Kaufmann freue ich mich schon auf die Aufführung am zweiten Weihnachtsfeiertag ( und alle folgenden!)
    Liebe Grüße und frohe Weihnachten
    Bärbl

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