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Wiener Staatsoper: Alcina

November 22, 2010

' Alcina Bühnenbild. * Anthony Ward | Ausstattung * Jean Kalman | Licht

In einem eleganten, fantasievollen Bühnenbild und in geschmackvollen, teilweise luxuriösen Kostümen spielt die Alcina Neuinszenierung der Wiener Staatsoper. Der Regisseur Adrian Noble hat die Rahmenbedingungen – die Händeloper wird als Spiel im Spiel inszeniert – dazu erfunden. Sie erklären sich aus Handlungen während der Ouvertüre.

Dazu von der HP der Wiener Staatsoper:

Im Ballsaal des Devonshire-Houses in London Piccadilly inszeniert Georgiana Cavendish, Duchess of Devonshire, mit ihren Freunden ein Theaterfest: Sie schlüpft in die Titelpartie der Zauberin Alcina und verteilt die Rollen: Ihre Schwester Henrietta Frances spielt Alcinas Schwester Morgana, ihre Freundin Lady Elizabeth Foster spielt den Ruggiero, ihre Schwägerin Lavinia Bingham die Bradamante, ihr Sohn William Spencer George Cavendish, Marquess of Hartington, spielt den Oberto, ihr Liebhaber Charles Earl Grey spielt den Oronte, der britische Politiker Charles James Fox spielt den Melisso und Georgianas Ehemann William Cavendish, Duke of Devonshire spielt den Astolfo.

Das war es dann aber auch schon mit den Einfällen des Herrn Regisseurs. Im weiteren Verlauf liess er den Darstellern nach nicht nachvollziehbarem Muster Stühle unter den Hintern schieben und ansonsten den Akteuren freie Hand. Fast hätte ich’s vergessen: Wo es passte, d.h. wo Soloinstrumente bei Arien zum Einsatz kamen, wurden diese von den Musikern auf der Bühne gespielt. Eine nette Idee, die die Professionalität und Virtuosität der Musiker wirkungsvoll unterstrich.

Ach ja, das Orchester. Ich könnte diesem Orchester stundenlang zuhören (habe ich ja auch dreieinhalb, es hätte gerne noch länger dauern dürfen). Les Musicien du Louvre – Grenoble unter der Leitung ihres Gründers Marc Minkowski hatten sich für den Einsatz in der Wiener Staatsoper personell natürlich verstärken müssen und keinerlei Mühe, den Raum klanglich zu füllen. Sie spielen hingebungsvoll, präzise und virtuos. Marc Minkowski, der wie ein Bär durch die dreieinhalb Stunden Alcina tänzelt, versteht es Händels Musik mit ihren endlosen Wiederholungen so spannungsreich und feurig zu gestalten, daß die Zeit wie im Flug vergeht. Zumindest bei mir kam keine Langeweile auf, und das lag eben nicht nur an den Sängern, sondern auch am Orchester bzw. der musikalischen Leitung.

An zwei aufeinanderfolgenden Abenden habe ich in der Wiener Staatoper grandiose Orchesterleistungen erleben dürfen, denen ein ganz unterschiedliches Interpretationsverständnis zugrundliegt. Die Wiener Staatsoper hat zum ersten Mal ein „fremdes“, ein Originalklang-Orchester eingeladen, anstelle der Wiener Philharmoniker in ihrem Orchestergraben zu spielen. Und mit welch einem Ergebnis!

Der Abend hatte fast so viele Glanzlichter wie Händels Alcina Nummern hat. Jeder Darsteller hat in dieser Oper mehrere große Arien. Eines davon war ein St. Florianer Sängerknabe, Alois Mühlbacher, in der Rolle des Oberto, den man für einen stimmlich ausgewachsenen Künstler hätte halten können, wenn man es nicht besser gewusst hätte. Er sang mit vollkommen reiner Intonation und spielte sehr begabt und völlig unbekümmert.

Veronica Cangemi nutzte als Morgana die Gunst der Stunde und brannte ihr „Tornami a vagheggiar“ sprühend wie eine Wunderkerze ab, wofür sie den bis dahin größten Applaus einstrich.

Vesselina Kasarova, die von mir Hochgeschätzte, war nicht in hundertprozentiger Verfassung. Zu Beginn vor allem litt mitunter die Intonation. Wie von ihr gewohnt, warf sie sich mit voller Leidenschaft und Musikalität in die Rolle des Ruggiero. Sie singt und spielt so beseelt und mitreissend, daß ein verrutschter Ton nicht ins Gewicht fällt. Beim Sta nell’ircana allerdings, Ruggieros Bravourarie, funkelte ihre Stimme wie Tigeraugen und die Koloraturen sprühten wie ein Feuerwerk. Ich hoffe, sie noch oft in diesem Operngenre erleben zu dürfen, für das sie wie geschaffen scheint.

Neben dieser furiosen Ausnahmekünstlerin hatte es Kristina Hammarström, gleiche Stimmlage Mezzo, in der Rolle der Bradamante, Ruggieros Verlobter, naturgemäß etwas schwer.

Viele wundern sich, daß Anja Harteros noch immer Händelrollen singt oder diese überhaupt noch singen kann, nach den schweren Dingern, aus denen ihr Repertoire inzwischen besteht. Sie sagt selbst im Interview (im Begleitheft zur Saison), daß ihre Stimme von Rollen wie der Alcina profitiere, beweglich bleibe und Farben hinzugewänne. Hoffentlich denkt sie noch lange so. Die sechs (oder mehr?) Arien der Alcina mit ihren unterschiedlichen Grundstimmungen und technischen Anforderungen kommen mit großer Perfektion. Die Stimme strömt, die Piani scheinen zu versinken, ihre Bühnenpräsenz ist umwerfend; Anja Harteros Stimme scheint in ihrem Zenith zu sein.

Zwei echte Männer komplettierten die Solistenschar, Benjamin Bruns als Oronte und Adam Plachetka als Melisso.

Die verworrene Handlung zu schildern, bringt keinen Mehrwert, dachte ich mir und habe mir die Arbeit erspart. Wer sich beschwert, wird in einen Fels oder ein wildes Tier verwandelt, denn durch einen wundersamen Zufall gelangte Alcinas Zauberstab in meine Hände …

* Beim Schlussapplaus * Marc Minkowski * Les Musiciens du Louvre - Grenoble

Beifallsstürme beendeten den Abend. Beglückte Besucher verliessen das Haus.

Und hier noch zwei Szenenfotos von der HP der Wiener Staatoper (Genehmigung der Verwendung vorausgesetzt)

Das Schilffeld vor dem Wohnzimmer der Marquesa / 1. Akt

Anja Harteros und Vesselina Kasarova als der Zauber noch wirkte

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