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Wien, Secession und Beethoven Fries

November 21, 2010

Das Gebäude

Die Wiener Secession entstand nach Vorbildern in Berlin und München Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Abspaltung einer Künstlergruppe von den im Wiener Künstlerhaus beheimateten Ständen wegen unterschiedlicher Auffassungen über das Wesen von Kunst.

Unter der Führung des damals schon als Maler bekannten Gustav Klimt formierte sich für bildende Künstler jeder Art, für die ein Ausstellungsgebäude benötigt wurde. Zunächst wurde der Künstlergruppe von der Stadt Wien ein Grundstück am Ring zum Bau eines Ausstellungsgebäudes zugewiesen, ein Projekt, das den Protesten der Wiener Bürgerschaft zum Opfer fiel. Auf dem dreieckigen Grundstück am Karlsplatz kam es dann zur Planung eines tempelähnlichen Gebäudes, das einer sich ständig erneuernden Kunst dienen sollte. Es wurde nach nach kurzer Zeit unter Leitung des Architekten Joseph Olbrich und starker Einflussnahme durch Gustav Klimt fertiggestellt. „Malerei, Architektur, Plastik“ – steht unter den lorbeerbekränzten Gorgonen über dem Eingangsportal; ihnen soll das Haus dienen.

Die goldene Lorbeerkuppel spiegelt die mächtige Kuppel der gegenüber liegenden Karlskirche. Frontal steht es auch gegenüber dem Künstlerhaus auf der anderen Seite des Platzes und mahnt die Traditionalisten „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“. „Ver sacrum“ steht denn auch an der Frontseite, heiliger Frühling, Vorsatz ständiger Erneuerung in der Kunst.

Das strahlend weisse Gebäude vermittelt abgesehen von der es krönenden goldenen Lorbeerkuppel einen klar geometrisch konzipierten, symmetrischen Eindruck. Die Symmetrie trifft zu, mit der Geometrie ist das so eine Sache. Bei genauerem Hinsehen, besser gesagt nach Hinweis durch die sachkundige Führerin, bemerkte auch ich beispielsweise die sich nach oben verjüngenden Mauern der Eingangspylonen und die textilartig fliessende Gestaltung des äusseren Gebäudes. Geld war knapp bei dem jungen Verein und so sind die Tausende Lorbeerblätter der Kuppel keineswegs komplett vergoldet, sondern ockerfarbig bemalt und mit jeweils drei goldenen Linien versehen. Die ca. 700 Lorbeerbeeren dagegen sind vergoldet. Die an beiden Seitenwänden angebrachten Eulen stehen für Weisheit, Sieg und Kunst, die unter dem Schutz der Göttin Pallas Athene standen.

Entsprechend der Philosophie der Secessions-Künstler sollte das Haus jedem Aussteller unabhängig von seiner Reputation oder Berühmtheit die objektiv gleichen Präsentationsvoraussetzungen bieten. Diesem Gedanken trägt die Dachkonstruktion Rechnung. Die Seitenwände des Gebäudes haben keine Fenster; der Lichteinfall geschieht ausschliesslich von oben. In der Art des Kirchenbaus mit Mittelschiff und zwei Hauptschiffen erhebt sich eine zeltartige Glaskonstruktion über einer Decke aus Milchglasscheiben und ermöglicht eine sozusagen schattenfreie Ausleuchtung des Ausstellungsraumes. Während der zentrale Raum gerade für eine demnächst beginnende Ausstellung umgebaut wurde, durfte ich im Rahmen der Führung das Dachgeschoss mit der ausgeklügelten Architektur und den technischen Vorrichtungen für die Reinigung und Instandhaltung besichtigen.

Unter den Zeltdächern der Secession

Erinnert schon das Äussere des symmetrischen Gebäudes an einen fernöstlichenTempel, hat der Innenraum etwas christlich-sakrales. Über die breite rote Marmortreppe erreicht man ein schlichtes, fast enges, Portal und tritt in einen überraschend hoch wirkenden Vorraum. Zwar sieht man die goldene Lorbeerkuppel nicht, unter der man sich befindet, man soll aber ihren Einfluss fühlen. Sie soll den Besucher hochziehen, heraus aus den weltlichen Kümmernissen und Ärgernissen und vorbereiten auf den Dialog mit der Kunst.

Die Ausstellungspolitik trägt dem Erneuerungsgedanken auch heute Rechnung. Das Ausstellungsgebäude beherbergt keine ständige Sammlung. Für jeden neuen Ausstellungszyklus zeitgenössischer Kunst wird der gesamte Hauptraum geleert und neu gestaltet.


Der Beethoven Fries

Die dauerhafte Installation des Wandgemäldes im Untergeschoss des Secessionsgebäudes widerspricht an sich der Zwecksetzung des Gebäudes. Gustav Klimt, damals Präsident der Künstlervereinigung, schuf das Wandgemälde anlässlich der 14. Ausstellung der Secessionskünstler im Jahr 1902, die dem 75. Todestag Ludwig van Beethovens gewidmet war. Das monumentale Gemälde war zur dekorativen Heraushebung der Statue Ludwig von Beethovens von Max Klinger gedacht, die sich heute in Leipzig befindet und sollte gemäß der Secessionsphilosophie nach Ausstellungsende abgetragen werden. Entsprechend der Wiener Tradition, die schon den Bau des Gebäudes verspottete, fand auch das Beethoven-Denkmal mit dem sie begleitenden Fries nicht die Zustimmung der Wiener und wurde als Verhöhnung des Künstler empfunden.
Gemalt ist der Beethovenfries auf einer Mörtelschicht über einer Konstruktion aus Schilfrohr und Holzlatten. Diese Konstruktion ermöglichte den Fortbestand des Kunstwerkes. Es wurde nach der Klimt-Retrospektive 1903 vom Sammler Carl Reinighaus erworben, der es jedoch mangels Ausstellungsfläche einlagern musste und schließlich 1915 an den Industriellen August Lederer verkaufte, der es jedoch ebenfalls aus Platzgründen im Depot beliess. Als Lederer wegen seiner jüdischen Herkunft Österreich verliess, musste er das Kunstwerk zurücklassen. Die nach Kriegsende erhobenen Ansprüche auf Herausgabe zogen einen langen Rechtsstreit mit dem österreichischen Staat nach sich, der das bedeutende Kunstwerk aufgrund Gesetzes nicht ausser Landes geben wollte, der schliesslich 1973 mit dem Verkauf des Beethovenfrieses durch die Familie Lederer an die Republik Österreich beendet wurde. Die sich anschliessende Restaurierung des Kunstwerkes nahm 10 Jahre in Anspruch. Nach vielfacher Diskussion über die Zugänglichmachung eines der bedeutendsten Werke des Wiener Jugendstils wurde ein eigener Raum im Untergeschoss des Secessionsgebäudes geschaffen, in dem das Beethovenfries seit 1986 zu sehen ist, womit das Werk an den Ort seiner Entstehung zurückkehrte. Eine weise Entscheidung.

Richard Wagners Interpretation der Neunten Symphonie Beethovens lieferte das Thema für den Fries, der sich mit der ewigen Suche der Menschheit nach Glück befasst. Die Suche wird beginnt an der linken Seite des u-förmig oben im Raum angebrachten Frieses. Paarweise Genien schwimmen/schweben/streben in immer gleichen Formationen zum Glück. Ihre Körper sind flach, wenig plastisch und wirken langgezogen. Aufgehalten werden sie zunächst von einem Ritter in goldener Rüstung und Schwert. Der „wohlgerüstete Starke“ macht sich stellvertretend für die leidende Menschheit (dargestellt von ebenfalls durchscheinend und fahl scheinenden gezeichneten Menschen, die ihn anflehen). Mitleid und Ehrgeiz treiben ihn an, zwei Frauenfiguren über ihm, deren Körper in jugenstilhafter Ornamentik zerfliessen. Über die Identität des Ritters ist nichts bekannt.

An der Stirnwand begegnen die Genien den „Feindlichen Gewalten“, allen Schlechtigkeiten, die der Menschheit zustossen können, Der übergroße Typhoes, geflügeltes Ungeheuer mit Affen-Oberkörper und Schlangen-Unterkörper beherrscht die Wand. Seine Perlmuttaugen waren vermutlich früher besonders beleuchtet, denn sie sollen die Besucher magisch angezogen haben. Links von ihm drei nackte, schlangenbekränzte Frauen, die Gorgonen, seine Töchter. Krankheit, Wahnsinn und Tod, dargestellt durch stumpf blickende Frauenköpfe über ihnen scheinen von ihnen Besitz zu ergreifen. Eine von ihnen, die mit den schwarzen Haaren und dem ausgemergelten Gesicht erinnerte mich unwillkürlich an Michael Jackson. Aber das nur nebenbei.
Die nackten Frauen rechts des Ungeheuers versinnbildlichen Wollust, Unkeuschheit und Unmäßigkeit. Abseits, vor dem Schlangenschwanz des Ungeheuers, kauert der „nagende Kummer“, eine magere, konturlos wirkende, zusammengekrümmte Frau, die in ihrem Kummer zu versinken scheint. Der Kopf eines Genius an der rechten Seite macht klar, daß sich das Streben der Sehnsucht nach Glück durch „feindliche Gewalten“ nicht beeinträchtigen lässt, es zieht quasi hinter der Gefahr weiter.

Poesie ist die erste Station der Erfüllung der menschlichen Sehnsucht, dargestellt von einer goldenen Frau, die eine Lyra spielt. Danach folgt eine leere Friesplatte, unter der bei der Originalausstellung die Beethoven-Plastik in einer Nische stand. Bisher konnte man sich nicht entschliessen, diese „Lücke“ zu füllen, weshalb das Fries auf manche Besucher einen unfertigen Eindruck machen kann. Für mich wirkte der leere Platz wie ein Atemholen vor dem Chorteil des vierten Satzes der Neunten. Die Schlussszene stellt ideale Liebe dar. Geleitet von Beethovens „Diesen Kuss der ganzen Welt“ versinnbildlicht der „Chor der Paradiesengel“ alle Künste, in deren Mitte sich Klimts Apotheose der Kunst, ein küssendes Paar, entfalten kann. Hierbei handelt es sich (wieder) um eine relativ blasse Frau ohne charakteristische Merkmal und einen sehr kraftvollen Mann mit ausgeprägten Muskeln, Sinnbild für Zeugung. Ihre Beine sind gefesselt von blauen Wasserfäden, Metapher für Erneuerung.

Bei der Führung, an der ich teilnahm, wurde angeregt, den Fries mit der Neunten Symphonie akustisch zu unterlegen. Ich fände das zu viel. Kennt man die Entstehungsgeschichte des Beethovenfries und die Neunte Symphonie, dann erscheint das Werk auch ohne akustische Unterlegung und ohne weitere visuelle Erklärung durch ein Beethovenbildnis als eine vollendete Verschmelzung von Kunst und Menschlichkeit.

Weitere Informationen zur Ausstellung von 1902: Beethoven-Haus Bonn

Verständlicherweise darf der Beethoven-Fries nicht fotografiert werden. Bilder gibt es bei der Secession.at

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