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Hamburgische Staatsoper: La Traviata

November 9, 2010

Zwei Anlässe gab es für einen kurzen Trip nach Hamburg: Die Neugier, wie Edita Gruberova ihre letzte szenische Traviata (sie gibt die Rolle nach weiteren konzertanten Aufführungen in München und Wien auf) angehen würde, war einer davon. Der andere hat einen nostalgischen Hintergrund. Edita Gruberova war Anfang der achtziger Jahre vermutlich die allererste Violetta, die ich auf der Bühne des Münchener Nationaltheaters erlebt habe und auch noch unter der Stabführung von Carlos Kleiber. Ein unvergesslicher, heute noch atemberaubender Abend.

Nun, solches erwartete ich mir in Hamburg nicht. Ich sollte mich täuschen. Frau Simone Young strafte gleich mal meine süddeutsche Arroganz mit einer erstaunlich einfühlsamen (nicht gefühligen) Ouvertüre, insgesamt mit einem sehr bestimmten Dirigat, dem man anmerkte, daß sich da jemand Gedanken über den Sinn dieser Musik gemacht hatte. Verdi-Seligkeit und Hmmtata war nicht, dafür sensibles Musizieren und viel mehr als reine Sängerbegleitung.

Die Hamburger Traviata-Inszenierung dürfte schon etwas in die Jahre gekommen sein, aber wegen der Inszenierung waren die vielen erwartungsfrohen Opernbesucher auch nicht gekommen (die trotzdem auch die schwarz-rote Ausstattung beklatschten und außerdem in jeden Arienschluß).

Für den erkrankten Ramon Vargas war Stefan Pop eingesprungen, erster Preisträger Tenor in Placido Domingos diesjährigem Operalia-Wettbewerb. Er hat eine angenehme Stimme, erstaunlich kultiviert schon für sein Alter von 23 Jahren, allerdings hat sie für große Häuser wie die Hamburger Staatoper zu wenig Volumen. Ich hatte einen ausgezeichneten mittigen Platz im ersten Rang und dort kam das Brindisi einfach zu dünn an. Im Verlauf des Abends steigerte er sich allerdings stark. Ein begnadeter Darsteller scheint der junge Mann nicht zu sein, da ist auch noch Luft auf alle Seiten.

Dalibor Jenis‘ Stimme hat schon das rechte Kaliber für große Häuser. Ich hatte den Bariton gar nicht im Focus als Verdi Sänger. Umso überraschter war ich über seinen grandiosen Giorgio Germont, der in der Bestimmtheit seines Vortrages fantastisch zu Simone Youngs Interpretation passte.

Die deklamatorisch klingenden tieferen Töne im Parlando der Violetta im ersten Akt beunruhigten mich nicht wirklich, sind sie doch Kniffe der Könnerin, die um ihre Schwächen weiss. Edita Gruberova ist ein Wundertier. Ihre Gesangskunst habe ich in diesem Blog oft genug gewürdigt. Sie schafft es tatsächlich, eine jugendliche Frau glaubhaft auf die Bühne zu stellen, nicht nur Kraft des Ausdrucks der Stimme, sondern in Körperhaltung, Bewegung und allem, was so dazu gehört. Dazu sagen muß ich, daß ich kein Opernglas benutze. Darstellerisch war ihre Violetta voll in Ordnung. Stimmlich kann Frau Gruberova im ersten Bild mit respektablen Koloraturen wuchern; ab dem zweiten Bild ist man gefangen von ihrer begnadeten sängerischen Darstellung menschlicher Seelenzustände.

Großer, lang anhaltender Jubel für die Sänger und das Orchester mit einer rührend überglücklich wirkenden Simone Young.

Meine nostalgische Reise nach Hamburg hat sich mehr als gelohnt. Nun habe ich etwas mit Edita Gruberova gemeinsam. Sie war meine erste Violetta und wird (hoffentlich) nicht meine letzte gewesen sein. Und meine erste Violetta war nicht ihre erste, dafür war dieses ihre szenisch letzte. Alles klar?

Frau Gruberova gab im Anschluss an die Vorstellung tatsächlich eine Autogrammstunde im Foyer, die ich mir angesichts der langen Schlange und meines frühen Rückfluges heute morgen versagen musste. Ich sag ja, ein Wundertier.

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4 Kommentare leave one →
  1. Bruno Boog permalink
    November 10, 2010 15:49

    Gruss

  2. November 10, 2010 17:03

    Sehr interessant! Ich werde am Freitag abend in der Staatsoper sein.

  3. Gernot permalink
    November 10, 2010 22:30

    Liebe(r) Rossignol,

    vielen Dank für den sehr persönlichen „Review“. Edita Gruberova war meine erste Violetta an der Wiener STOP (mit Carreras) und ich freue mich sehr, bei ihrer letzten szenischen Traviata dabei sein zu dürfen.

  4. Steven permalink
    November 13, 2010 11:55

    Waren zur ersten Vorstellung in HH. Leider standen die sentimentalen Aspekte mehr im Vordergrund , als das musikalische Geschehen! Zu dem Tenor möchte ich mich garnicht äußern, Frau Young wurde vom Publikum am Ende ausgebuht, was wohl an den zum Einschlafen langen Tempi lag, die aber auf das stimmliche Vermögen von Frau Gruberova abgestimmt schienen. Waren die Kolleraturen zwar mit Schärfen noch zu akzeptieren, war der letzte Akt stimmlich kaum noch zu ertragen. Die Atemtechnik versagte bei den langsamen Passagern der Violetta komplett und nur mit Mühe wurden die hohen Töne herausgepresst.
    Schade, ich habe Frau Gruberova lange bewundert, aber langsam ist auch für sie die Zeit für’s Abterten gekommem.

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