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Jenufa

November 7, 2010

Die letzten Wochen gaben mir die Gelegenheit, zwei Opern tschechischer Komponisten, Dvorak und Janacek, zu erleben. Während ich Jenufa bei der Premiere im Frühjahr letzten Jahres zum ersten Mal auf der Bühne sah, gehört Dvoraks Rusalka zu meinen allerersten Erlebnissen im Nationaltheater München im Frühjahr 1984. Seither habe ich die Oper nicht mehr auf der Bühne gesehen und freute mich entsprechend auf die Neuinszenierung auf der Bühne des Nationaltheaters. In der letzten Woche habe ich nun die erste Hälfte einer Vorstellung einer neuen Jenufa-Serie mit neuer Besetzung gesehen, und seitdem frage ich mich, warum eine eher als mittelmässig angesehene Jenufa-Inszenierung mich emotional so viel stärker berührt als die überwiegend als sensationell gewertete Rusalka-Interpretation, die Martin Kusej unlängst herausbrachte. Die finale Antwort habe ich noch nicht gefunden. Nach der gestrigen Jenufa in voller Länge glaube ich aber, daß es wohl doch die Interpretation des Inhaltes ist, von dem das Libretto handelt, die einhergeht mit der Komposition, die ja häufig auch in einem Spannungshältnis vor allem zum gesungenen Wort steht. Während Kusejs den slawischen Rusalky-Mythos ins heutige Amstetten transponiert und in Rusalka Natascha Kampusch sieht, lässt Barbara Frey Jenufa wie sie ist, gefangen in einem starren, schemenhaft agierenden, bigotten Umfeld. Erklärungsversuche gibt es nicht, warum auch; die Geschichte trägt und braucht keine Aktualisierung, zumal sich ähnliche Schicksale zu jeder Zeit ereignen können/konnten, an jedem Ort, trotz aller Aufklärung, Emanzipation und der vielgepriesenen Toleranz.

Barbara Freys Interpretation funktioniert mit Sängerdarstellern, wie sie der Bayerischen Staatsoper gestern abend zur Verfügung standen. An ihrer Spitze Angela Denoke als Jenufa mit intensivem Spiel und dramatischem Stimmausdruck, aufblühend in der Höhe, ohne Höhenschärfe. Berührend fand ich „Mamicko“ oder dasc“Ave Maria“, das sie mit inniger Tongebung sang, meine beiden Höhepunkte ihrer insgesamt grandiosen Leistung. Die darstellerischen Qualitäten einer Gabriele Schnaut zu loben, hiesse Wasser in die Isar giessen; sie gab auch der Küsterin Format. Vielleicht wäre manchesmal etwas weniger mehr, aber das kann Geschmacksache sein. Ihre Küsterin ist eine zornige Frau und das hört man auch der Stimme an. Diane Pilcher sang eine ausgezeichnete Alte Buryja. Stefan Margitas Tenor hatte ich von der Premierenserie etwas glänzender in Erinnerung; er ist ein idealer Laca. Joseph Kaiser sang einen gewohnt guten Stewa. In den Nebenrollen traf man Mitglieder des gewohnt guten Ensembles.

Waren nun Orchester und Chor mal kurz auseinander im ersten Akt oder muss ich zum Ohrenarzt. Falls es so gewesen sein, tut das meinem Eindruck keinen Abbruch. Ich war ausserordentlich angetan von Tomas Hanus‘ Dirigat und der formidablen Leistung des Orchesters. Bedrohliche Beklemmung ergriff mich schon im ersten Akt und hielt an bis zum Ende; selbst der leichte Hoffnungsstrahl, an den sich Laca mit Jenufa klammern kann, brachte kein happy end.

Toller Opernabend in hustenfreiem Zuschauerraum. Bitte mehr davon.

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  1. Werner permalink
    November 11, 2010 20:24

    Liebe Rossignol,
    absolut d’accord, genauso empfand ich die Vorstellung auch. Was für eine Sängerschar im Vergleich zum „Barbier“ im Frühjahr bei meinem ersten Besuch in München! Alles ein oder zwei Klassen besser! Und was für ein Maestro, der den gewaltigen dirigentischen Anforderungen der komplexen Partitur scheinbar mühelos gewachsen und somit jederzeit „Herr der Lage“ war.

    Angela Denoke konnte ich endlich einmal wieder live erleben, ihre Bühnenpräsenz ist unvergleichlich! Die Stimme ohne jegliche Schärfe, zuweilen lyrisch, weich und rund, aber genauso dramatisch und den Raum ausfüllend, wenn nötig – eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten.

    Gabriele Schnaut hatte ich noch auf der Bühne erlebt. Sie hat ein gewaltiges Stimmorgan und ich würde sie wahnsinnig gerne einmal live in den hochdramatischen Wagner- oder Strauss-Partien sehen und hören, wo sie sicher ihren angestammten Platz hat. Mehr Power geht nicht! 🙂

    Ein wenig diffus fand ich den Chor, der zunächst – aus dem „Off“ singend – mühsam den Einklang mit dem Orchester fand. Ein wenig ungewöhnlich, denn diese (räumlichen) Anforderungen sind ja „business as usual“ in Opern des 20. und 21. Jahrhunderts. Auch nach diesen Anfangsschwierigkeiten vermisste ich aber später einen satten, vor allem aber einen homogenen Chorklang (prominente Einzelstimmen waren allenthalben zu hören). Aber vielleicht lag dies auch an der manchmal weit gestreuten Aufstellung!?

    Das Orchester präsentierte sich hellwach und überzeugte bei den überraschenden Einwürfen aller Art, die zuweilen etwas Insistierendes hatten: Ich wähnte mich dann in der Unterwelt Nibelheims beim Ring-Schmieden (Xylofon!).

    Die Inszenierung mitsamt dem Bühnenbild war angenehm unspektakulär und zwang so den Fokus auf die innere Handlung dieser Tragödie, die mir am Ende gar feuchte Hände bereitete: Zum Glück hatte ich diese Oper noch nie gehört und gesehen! 🙂

    Vielleicht klappt’s bei meinem nächsten Besuch mit einem Treffen?!
    Liebe Grüße
    Werner

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