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Bay. Staatsoper Premiere: Rusalka

Oktober 24, 2010

Beim Verlassen des Nationaltheaters gab es für die Premierengäste eine edel verpackte Ausgabe des „Max Joseph“, keine wirkliche Reparation für einen überwiegend unbefriedigenden Opernabend. Diese Geste wirkt symptomatisch für die Gangart des Hauses, mehr zu versprechen, als der Inhalt einlösen kann. In der Mitte des Bergsee-gleich glitzernden Kopfsteinpflasters des Max Joseph Platzes präsentierte dafür Audi in mystischem Dämmerlicht das neueste Fahrzeug-Modell. Mehr Mystik gab es nicht.

„Lyrisches Märchen“ steht auf der ersten Seite des Rusalka-Programmheftes. Was geboten wurde, war alles mit Ausnahme eines lyrischen Märchens. Ich bin nicht so blauäugig, von einem Regisseur Martin Kusej die Nacherzählung und Bebilderung eines vor hundert Jahren oder so entstandenen Librettos originalgetreu zu erwarten. Ich erwarte allerdings auch nicht, daß tagesaktuelle Abscheulichkeiten den Stoff einer Oper ersetzen. Von Missbrauch von Kindern und Frauen in unvorstellbarem Ausmaß und zunehmender Verrohung, Erkaltung und Sexualisierung unserer Gesellschaft lesen und hören wir täglich in den Medien oder erleben es sogar selbst. Ich will sowas nicht drei Stunden lang in einer Oper ansehen müssen.

Kusejs Geschichte ist schnell erzählt. Der Wassermann, ein Kinderschänder, hält Rusalka und ihre Schwestern Untergeschoss eines Hauses gefangen. Die Situation erweckt Assoziationen zum Fall Natascha Kampusch und einem Inzestfall in Österreich. Jezibaba, die Hexe, ist die Frau, mit der er offiziell lebt. Sie weiss von seinem Treiben mit den Mädchen im Keller und flüchtet sich in den Alkohol.

Als es Rusalka mit Hilfe der Jezibaba gelingt, ihren Traum zu verwirklichen und ihrem Gefängnis zu entkommen, gerät sie an den Prinzen, der sie heiraten will, letztlich aber auch nichts anderes in ihr sieht als ein Objekt, ähnlich einem Reh, das er schiesst und anschliessend ausweidet.

Da Rusalka seit sie unter Menschen ist nicht sprechen darf, muss sie ohnmächtig zusehen, wie ihr der Prinz entgleitet und sich der fremden Fürstin zuwendet. Der Wassermann verflucht den Prinzen. Mehrfache Vergewaltigung, ein minutenlanges adliges „Quicky“ am Wasserleitungsrohr, obszöne Manipulationen von Ballgästen an gehäuteten Tieren begleiten die Szenerie bis dahin.

Der Förster und der Küchenjunge entdecken das gruslige Versteck im Keller des Hauses am Bergsee, in das auch Rusalka vor den Enttäuschungen und Kränkungen der realen Welt geflohen ist. Ein Grosseinsatz der Polizei befreit die Kinder und Frauen, der Wassermann wird abgeführt. Die Opfer kommen in eine psychatrische Klinik.

Über den Schluss bin ich mir nicht so ganz im Klaren. Der Prinz sucht Rusalka und findet sie in der Klinik. Ich glaube gesehen zu haben, daß Rusalka ihn nach dem (tödlichen) Kuss wie im Unterbewusstsein erstach, andere wollten seinen Selbstmord gesehen haben.

Abwegig ist Kusejs Gedankengang nicht, und er hat ihn zumindest konsequent durchgezogen. Die übergewichtete Metapher des Rehs – da brauchte man wohl einen Skandalfaktor um das eigene Klischee zu bedienen. Den stärksten Eindruck hinterliess bei mir die Herausarbeitung der ambivalenten Beziehung zwischen Rusalka und ihrem Peiniger, dem Wassermann, und überhaupt die Positionierung dieses Mannes im Kreis seiner Opfer. Insgesamt fand ich die Personenführung geschickt, wie von einem Schauspielregisseur auch nicht anders erwartet.

Läppisch und eigentlich verzichtbar ist das Bühnenbild (Martin Zehetgruber), hauptsächlich bestehend aus einer Fototapete eines Alpenpanoramas hinter einem Bergsee; eine bewegliche zweistöckige Bühnenkonstruktion zeigt die menschliche Welt und die unterirdische Schattenwelt.

Die Titelrolle verkörperte nach Nina Stemmes Absage die lettische Sopranistin Kristine Opolais, die eine schauspielerische Bravourleistung erbrachte. Ob dies zu Lasten des stimmlichen Ausdruckes ging wird ein zweiter Besuch der Vorstellung nächste Woche zeigen. Wie erwartet, passte Klaus Florian Vogts Stimme hervorragend auf den Prinzen. Ausdruck und das wunderbare Piano seiner letzten gesungene Phrase vor dem Tod des Prinzen sorgte für meine einzige positive Gefühlsregung des Abends. Sehr exponiert in der Darstellung war Günther Groissböck als Wassermann, der sich die abscheuliche Figur zu eigen machte und stimmlich keinen Wunsch offen liess. Nadia Krastevas Stimme (fremde Fürstin) muss man mögen um sie zu schätzen. Szenisch untergewichtet fand ich die Jezibaba, die Janina Baechle gut verkörperte. Dem Haus angemessen besetzt waren die Nebenrollen mit Ulrich Reß (Förster), Tara Erraught (Küchenjunge), Evgeniya Sotnikova, Angela Brower, Okka von der Damerau (Waldnymphen) und John Chest (Jäger).

Nun sollte man meinen, die szenische Umsetzung hätte mich erschüttern sollen/müssen/können. Das tat sie nicht. Sie zog vorüber wie ein Dokumentarfilm. Ähnlich ging es mir mit der Umsetzung der Partitur durch das Orchester. Der Dirigent Tomas Hanusz hat offenbar die musikalische Interpretation der szenischen weitgehend angepasst oder besser, untergeordnet. Die glattgebügelte Interpretation unterdrückt nach meinem Empfinden die reiche Gefühlswelt von Dvoraks Instrumentierung. Das heisst keineswegs, daß das Spiel des Orchesters zu kritisieren wäre. Allerdings hätte etwas mehr musikalische Emotion meine Beurteilung der szenischen Umsetzung vermutlich positiv beeinflusst.

Zustimmung und Ablehnung hielten sich hinsichtlich der Inszenierung beim Schlussapplaus die Waage. Sänger und Orchester wurden gefeiert.

Der Abend wurde für eine DVD aufgezeichnet, die sich sicher gut verkaufen wird. Für mich persönlich gibt es keinen Grund, diese Inszenierung während der Premierenserie mehr als zweimal zu besuchen. Meine restlichen Karten werden hoffentlich Abnehmer finden.

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One Comment leave one →
  1. Bärbl Wagner permalink
    Oktober 27, 2010 09:49

    Liebe Rossignol,
    wir haben uns ja gestern in der Oper – Pause/Rusalka- getroffen, und eigentlich schon alles gesagt! Nach dieser Aufführung kann ich Ihre Beurteilung – was die Regie betrifft- voll und ganz unterstreichen!
    Musikalisch war es ein durchaus gelungener Abend, aber was die Regie betrifft – einfach unmöglich! Ich bin schon gespannt was Bieito beim Fidelio abliefert!
    Lieben Gruss
    Bärlb

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