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Hamburgische Staatsoper: Götterdämmerung

Oktober 19, 2010

Ich habe die ersten drei Teile des Hamburger Ring des Nibelungen nicht gesehen, weshalb ich ganz unbebelastet von der Interpretations-Vorgeschichte die Premiere der Götterdämmerung besuchen konnte. „Einstürzende Neubauten“ war mein erster Eindruck, als ich das Bühnenbild sah. Ein aufgeschnittenenes Gebäude, halb saniert vielleicht. Brünnhilde auf einem Eisenbett in einem kargen Kellerraum (schmale Fensterluke, zerbrochener Spiegel, Metallwaschbecken). Daneben, mit Sperrmüll – Tisch und – Stühlen und einem Kühlschrank ausgestattet, eine Art Wohnzimmer. Siegfried, in schmuddeligem tank top und Baggyshorts, mit kurzen Dreadlocks, kam mir vor wie einer aus der Hausbesetzerszene, der vielleicht zufällig auf Brünnhilde gestoßen ist, die von ihrem Vater im Keller eingeschlossen wurde. Mit ihr zusammen schuf er sich das ärmliche Idyll im Keller der Neubauruine.

Die Drehbühne gab einen weiteren Ausschnitt des Sanierungsbaus frei: Gutrune und Gunther, Immobilienmakler im eleganten Büro der Musterwohnung, schmieden Ränke mit ihrem verschlagenen Halbbruder Hagen, dem Mann für’s Grobe.

Als stumme Szene schwebte Wotan mit seiner Sippschaft vorbei, abgeschottet von der Welt und im Gestern lebend: Wotan als Sektenvater und seine Töchter und Fricka, in altmodischen Kleidern, im Schatten aufgeschichteter Holzstapel aus Teilen einer Weltesche. Waltraute erscheint wie eine Abgesandte aus dieser Welt.
Siegfried ergreift die Chance des sozialen Aufstiegs in den Immobilienmaklerclan bewusst und willentlich. Er trinkt nicht den ihm von Hagen gereichten Vergessenstrank, betrügt Brünnhilde also in vollem Bewusstsein des Betruges.

Natürlich war das alles so nicht gedacht vom Regieteam um Claus Guth! Langweilig fand ich meine Interpretation aber auch nicht. Ich sollte vielleicht noch anfügen, daß diese Götterdämmerung zwar vernichtend endet, aber nicht jede Hoffnung auslöscht. Das Idyll behält seinen Zauber.

Beeinträchtigt war mein szenischer Genuss durch meinen (guten Platz) in der ersten Reihe einer Loge im vierten Rang, von dem aus man die weite Teile der Handlung, die in der ersten Etage des Bauwerkes spielten (Auftritte Hagens und Alberichs) nicht sehen und durch die obere Bühnenblende auch auch schlecht hören konnte, handwerkliche Mängel zu Lasten zu Ungunsten einer großen Anzahl der Opernbesucher. Ich nehme nicht an, daß diese Mängel Auslöser der deutlichen Missfallensbekundungen vor allem aus dem vierten Rang waren. Ich habe noch nie erlebt, daß Dirigent und einem auf der Bühne sich präsentierenden Orchester ein derartiger Buhsturm entgegenprallte wie es Simone Young und ihrem Orchester geschah. Das war mir völlig unverständlich, hatten mich doch in den vorangegangenen Stunden sowohl die Inszenierung, vor allem aber der musikalische Teil gefesselt. Es wäre unfair, bei einer solchen Mammut-Herausforderung kleinere Patzer im Orchester oder bei den Solisten überzugewichten, wenn der Gesamteindruck überzeugend ist. Flächig war das Dirigat, langsam, aber atmend und innehaltend, den imaginären Bogen haltend. Ab und zu gefährlich laut. Aber mir hat es viel gegeben.

Ging ich nach dem Besetzungszettel, durfte ich keine allzugroßen Erwartungen hegen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Am meisten fesselte mich Sir John Tomlinson als Hagen. Seine Bühnenpräsenz ist frappierend dominant, und stimmlich gab es für mich (ganz im Gegensatz zu dem vor Jahren in München gehörten Wotan) absolut nichts zu bemängeln. In keinem Moment bestand ein Zweifel daran, daß die Energie des Bösen die Kraft der Einfalt Siegfrieds übertreffen würde.
Mein erster Eindruck von Deborah Polaskis Brünnhilde war „lyrisch“. Denkt man in Schubladen, kann das eigentlich nicht sein. Ich bleibe dabei, sie sang ihre Brünnhilde mit lyrischem Stimmausdruck, was ich bewegend fand, mit sparsamen Gesten, sehr edel.
Aus dem stimmlich Vollen schöpfen konnte Robert Bork als Gunther.
Nicht ganz so begeisterte mich Christian Franz als Siegfried, was nicht an seinen konditionellen Schwierigkeiten im dritten Aufzug lag, sondern mit meinem persönlichen Geschmack zu tun hat. Darstellerisch fand ich ihn ausgezeichnet.
Zu dem viel gelobten Wolfgang Koch als Alberich kann ich nicht viel berichten, denn ich hörte ihn kaum und sah ihn nicht (siehe oben). Anna Gabler (Gutrune) hat zwar eine schöne Stimme, solange sie nicht laut zu singen hat; über das Orchester kam sie nicht. Auch sie spielte sehr gut. Bemerkenswert fand ich den Auftritt von Petra Lange als Waltraute, die sie intensiv und dramatisch interpretierte. Die Nornen waren etwas haltlos mangels Seilen, sangen aber wie die Rheintöchter dem Anlass entsprechend auf festlichem Niveau. Ein paar zusätzliche Choreographie Proben wären der Präzision der Drohgebärden des Männerchores gut bekommen.

Meine Reise zur Götterdämmerung fand ich nach Verklingen von Brünnhildes Schlussgesang als durchaus lohnend, umso mehr überraschte mich die deutliche Ablehnung, die dem Regieteam unter Claus Guth und vor allem der Dirigentin Simone Young und dem Orchester der Hamburgischen Staatsoper entgegen geschleudert wurde. Ich kann nur vermuten, daß sie bei Frau Young hauptsächlich ihrem Amt als Generalintendantin zuzuschreiben ist und natürlich war es nur ein kleiner Teil des Publikums im vierten Rang, der sich dafür umso lautstarker und entschiedener artikulierte.

Premiere Götterdämmerung am 17. Oktober 2010
Weitere Aufführungen Hamburgische Staatsoper

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