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Oper Zürich: Tristan und Isolde

Oktober 11, 2010

Claus Guth inszeniert Tristan und Isolde als Dreiecksgeschichte mit Parallelen zu Wagners Beziehung zu Mathilde und dem schwierigen Verhältnis zu Otto Wesendonck. Schauplatz ist die Wesendonck-Villa in Zürich, auf deren Areal Richard Wagner eine Zeitlang lebte und arbeitete oder ein ihr ähnliches Gebäude zur Zeit der Entstehung der Oper. Ich besuchte die zweite Vorstellung der Wiederaufnahme einer Inszenierung von 2008.

Inhalt:
In der intimen Atmosphäre ihres Schlafzimmers erzählt Isolde ihrer Dienerin Brangäne, wie sie Tristan in Irland nach seinem Mord an Morold, ihrem Verlobten, das Leben rettete. Tristan, der sie nun seinem Onkel Marke, König von Kornwall, als Frau und Friedenspfand zuführen solle, wollte sich auf dem gemeinsamen Weg nach Kornwall nicht mit ihr treffen. Brangäne holt aus dem Frisiertisch eine Schatulle mit Säften, die ihr von Isoldes Mutter für den Notfälle übergeben wurden. Isolde will Tristan den Mord an ihrem Verlobten mit einem Todestrunk zu vergelten, den sie auch selbst zu sich nehmen will, um nicht die Frau eines ungeliebten Mannes werden zu müssen. Brangäne vertauscht den Todestrunk mit einem Liebestrank und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Trotz Brangänes mahnender Warnung kann sich das unvorsichtige Paar nach einer Liebesnacht nicht trennen. Es wird von Tristans untreuem Freund Melot belauscht, der ihn an König verrät. Marke erwischt das Liebespaar. Der König ist verbittert über Tristans Verrat, besteht aber auf Wahrung der Form, zwingt Isolde an seiner Seite an der Festtafel im Speisesaal der Villa Platz zu nehmen und weist Tristan seinen Platz gegenüber Melot zu. Die Gesellschaft scheint erstarrt, nimmt nicht wahr und nicht Anteil am Geschehen. Tristan hat angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation eine große Todessehnsucht, die Isolde mit ihm teilt. Tristan provoziert Melot, wird im Zweikampf allerdings nur verwundet.

Tristans treuer Diener und Weggefährte Kurwenal bringt ihn nach Kareol, Burg seiner Väter in der Bretagne, die Tristan vor seinem Weggang nach Kornwall an die örtlichen Bauern verschenkt hatte. Nun wartet er schwer verwundet vor den Mauern der Burg auf Isoldes Ankunft, die ihm den Tod ermöglichen soll. Tristan stirbt als Isolde eintrifft. Auch König Marke kommt zu spät, um der Verbindung Tristan und Isolde zuzustimmen, nachdem ihn Brangäne über die wahren Zusammenhänge aufgeklärt hatte. Während Isoldes Körper neben den toten Tristan sinkt, folgt ihre Seele ihrer Vision unendlichen Glückes.

Inszenierung:
Wie häufig in seinen Inszenierungen arbeitet Claus Guth auch hier mit Personendopplungen. Brangäne und Isolde scheinen Doppelgängerinnen zu sein, im ersten Akt fast austauschbar, im zweiten Akte unterscheidet äusserlich Isolde nur die weisse Farbe ihres (Braut)kleides von der Freundin. Im letzten Akt gar nimmt König Marke/Otto W. nach Isoldes Dahinscheiden Brangänes Hand; schliesslich geht das Leben weiter. Hat nicht auch Mathilde Wesendonck den Vornamen ihrer verstorbenen Vorgängerin angenommen?

Mathilde W., Wagners Muse und mehr, ist präsent in der Aufführung. Es wird mehrfach bildhaft Bezug genommen auf Texte der von ihr geschriebenen und von Wagner vertonten Wesendonck-Lieder. Wie in einem Irrgarten bewegen sich Isolde und Tristan beispielsweise im ersten Akt in einem treibhausähnlichen Vorbau der Villa vor ihrer Begegnung. Und schliesslich verläuft die Handlung der Oper nahezu parallel zur Entwicklung von Wagners Beziehung mit Mathilde und der Entdeckung durch deren Ehemann Otto.

Die Drehbühne zeigt einzelne herrschaftliche Räume der Villa. Ein grosser Speisesaal bildet den mittleren Teil, flankiert von zwei spiegelbildlichen Schlafzimmern mit Terrasse. In dem einen Zimmer halten sich Isolde und Brangäne auf. In ihm steht auch schon Isoldes Brautkleid auf einer Kleiderpuppe. Als nach der Begegnung im Treibhaus Isolde und Tristan das Schlafzimmer (das gespiegelte) betreten und über Tristans Vergangenheit als Tantris sprechen, findet sich auf dem Bett ein Blutfleck, der auf eben diese Vergangenheit hinweist.

Burg Kareol wird durch eine Front mit abbröckelndem Gemäuer dargestellt. Tristan leidet vor den Mauern der Burg. Kurwenal ertränkt biertrinkend seine Hilflosigkeit. In Tristans Fieberfantasien erscheint der Speisesaal der Villa, auf dessen Tisch er die Nacht der Nächte mit Isolde verbrachte. Dort legte er sich zum Sterben nieder und dorthin zog es ebenfalls Isolde.

Musikalische Umsetzung:
Irdisch, impulsiv, vorwärtsdrängend erklang der Orchesterpart unter der Leitung von Bernard Haitink. Es war kein leiser Abend im kleinen Zürcher Opernhaus. Und trotzdem war es kein Abend für Schwerhörige, denn trotz gewaltiger Klangformationen entfalteten sich die Schönheit der Melodien (ja) und Motive und der musikalischen Raffinesse des Werkes, der ich mich gestern mal wieder nicht entziehen konnte. Für Rücksichtnahme auf die Sänger ist in Bernard Haitinks überwältigendem Interpretationskonzept kein Platz.

Peter Seiffert bekam das gestern zu spüren, der sich zu Beginn wegen einer seit einer Woche anhängigen Erkältung ansagen liess. Im ersten Aufzug bemerkte ich keine Beeinträchtigung, marginale Intonationstrübungen gab es in der nächtlichen Liebesszene im zweiten Aufzug. Eine Wohltat, sein Gesang als Tristan, denke ich daran, was ich in den letzten Vorstellungen in München erleiden musste. Der dritte Aufzug zeigte die mörderischen Anforderungen, die der Rolle des Tristan anhaften. Mit unglaublicher Willenskraft brachte Peter Seiffert den Akt zu Ende, mehr deklamierend als singend, mit immer wieder wegbrechender Stimme. Es muss eine Qual für ihn gewesen sein. So blöd es klingt, seine Darbietung war anrührend, bewundernswert.

Positiv überrascht war ich von Barbara Schneider-Hofstetter, die Haitinks Klangfluten-Herausforderung mühelos bestand. Zwar verfügt sie nicht über die charismatische Bühnenpersönlichkeit von Waltraud Meier und deren Gestaltungswillen (WM war einer der Gründe nach Zürich zu fahren und ihre Absage hat mich leicht geärgert), stimmlich kann sie ohne weiteres mithalten und wurde auch entsprechend mit Applaus belohnt.
Ausgezeichnet fand ich Michelle Breedt als Brangäne, die aus der Rolle das Beste herausholte und deren warmes Timbre mich erfreute. Sehr gut auch Martin Gantner als Kurwenal, den ich in seiner pennerhaften Verkleidung des letzten Aufzuges schier nicht mehr wiedererkannte. Matti Salminen kann noch immer mithalten mit den König Markes dieser Welt, eine gelungene Darbietung und eine eindrucksvolle Bühnenerscheinung.

Die Sänger der Nebenrollen Volker Vogel (Melot), Martin Zysset (Hirt), Joa Helgesson (Steuermann), Peter Sonn (Stimme des Seemanns) waren der Qualität des Abends angemessen.

Mein Eindruck nach diesem Gewaltakt, der es auch für mich war, denn ich fuhr in der Nacht nach der Vorstellung wieder nach Hause zurück: Eine stimmige Inszenierung mit angemessen guter Sängerbesetzung (Seiferts Missgeschick ungeachtet), großartigem Orchester und einem Dirigenten, der bei aller brachialer Klangflut die kosmischen Momente der banalen „Handlung“ deutlich machte und erleben liess; auch eine Inszenierung, die dazu anregt, sich den Sinngehalt des Textes mal wieder anzusehen, darüber nachzudenken, was gemeint sein könnte, nicht nur mit „ertrinken“, „versinken“, „unbewusst“, „höchste Lust“ sondern mit manch anderem.

Wie ich auf der HP der Oper Zürich gerade lese, wird in der Vorstellung am 13.10.2010 Stig Andersen die Rolle des Tristan von Peter Seiffert übernehmen. Gesund kann das, was Peter Seiffert gestern abend seiner Stimme angetan hat, auf keinen Fall gewesen sein.

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4 Kommentare leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    Oktober 14, 2010 18:57

    Liebe Rossignol

    Inge und ich waren gestern auch im Züricher Opernhaus zu Tristan und Isolde. Die Karten hatten wir schon lange im Voraus wegen der Traumbesetzung Meier / Seiffert gekauft.Beide hatten wir heuer im März in Berlin gehört und gesehen – ein unvergessliches Erlebnis!
    Dann kam der erste Wermutstropfe:die Absage von Waltraud Meier – aus welchen Gründen auch immer! Und jetzt musste auch noch Peter Seiffert krankheitsbedingt absagen!
    Wir – vor allem Inge – gingen also mit gemischten Gefühlen ins Opernhaus. Über die Inszenierung möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern!!!!
    Jetzt das Positive an der Aufführung. Michael Gantner als Kurwenal bot eine sehr überzeugende Leistung – vor allem seine Textverständlichkeit war enorm.Für die übertriebene Gestik konnte er wohl nichts! Auch die Leistung von Matti Salminen als König Marke war beeindruckend; er hat halt immer noch eine große Bühnenpräsenz.
    Michelle Breedt ist für mich die derzeit beste Brangäne. Sie hat eine sehr angenehme, ausgesprochen schöne, in allen Registern ausgeglichene Stimme, und zeigte feine Pianostellen und kam auch im Forte mühelos über das Orchester.
    Nun zu den beiden Einspingern. Barbara Schneider-Hofstetter als Isolde. Sie verfügt über ein gewaltiges Stimmorgan und bot auch einige schöne Passagen; war aber über den ganzen Abend gesehen kein annähernd gleichwertiger Ersatz für Waltaud Meier, die wir vor allem
    beim Liebestod doch schmerzlich vermissten!!!!
    Die positivste Überraschung war der dänische Tenor Stig Andersen als Tristan. Er besitzt einen lyrischen, dramatischen Tenor, der vor allem im dritten Akt mit Innigkeit, Ausdruckskrat und physischer Stimmstärke überzeugen konnte. Den Namen sollte man sich merken, er hat wohl auch schon hier in München gesungen.
    So war es doch – trotz der widrigen Umstände – ein interessanter Opernabend.

    Liebe Rossignol, wir werden uns sicher bei einer der nächsten Rusalkavorstellungen sehen?!
    Bis dahin eine gute Zeit und herzliche Grüße
    Bärbl

  2. baerbl wagner permalink
    Oktober 14, 2010 19:00

    Entschuldigen Sie die Tippfehler!!
    Es muss natürlich heißen: „Wermutstropfen“ und „Ausdruckskraft“!!!!

  3. Oktober 15, 2010 14:10

    Liebe Bärbl,
    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich freue mich sehr über weitere Beiträge zu Vorstellungen, die ich selbst besucht habe und zu anderen natürlich auch.
    Die Sänger haben wir wohl ähnlich gehört. Einspringer haben es einerseits leicht (wenn es so kurzfristig ist) und auf der anderen Seite schwer, wie im Fall der Sopranistin. Vergleichen tue ich da lieber nicht, sonst verdirbt es mir den Abend.
    Stig Andersen habe ich in der letzten Münchner Ring-Serie vor ein paar Jahren als Siegfried gehört und später dann auch als Herodes. Weitere Auftritte habe ich nicht erlebt, glaube ich.
    Vergessen Sie nicht, den Züricher Tannhäuser zu buchen!
    Bis bald.
    rossignol

    • baerbl wagner permalink
      Oktober 16, 2010 16:29

      Liebe Rossignol,

      danke für den Hinweis auf den Tannhäuser. Die Besetzung ist ja wirklich ganz toll, obwohl ich mir ehrlich gesagt Frau Kasarova als Venus nicht wirklich vorstellen kann!!Aber bei den angesetzten Terminen hätte ich eh keine Zeit. Ende Januar bin ich in Wien und dann kommt doch im Februar bei uns eine Carmen – Reihe. Und als Jonas Kaufmannfan muss ich da natürlich hingehen!!!
      Aber Sie werden uns sicher dann, wenn es so weit ist, von der Aufführung berichten. Ich lese Ihre Beiträge immer mit großem Interesse!!
      Bis bald
      Bärbl

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