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Der Barbier und ein Ärgernis

Oktober 3, 2010

Levente Molnár ist dick im Geschäft an der Bayerischen Staatsoper, angefangen mit Masetto, gestern Guglielmo, heute Barbiere und morgen Heerrufer (im meinem eigenen Zeitraffer). Als Guglielmo gefiel er mir letztens nicht schlecht, als gestriger Figaro (in dem von Sevilla) war er der beste Solist bis zur Pause, denn dann suchte ich das Weite bzw. mein Auto in der Herrnstrasse.

Einen bemerkenswerten Barbiere di Siviglia offerierte die Bayerische Staatsoper gestern am letzten Wiesnsamstag. Das kann ja heiter werden, dachte ich beim Anblick der Kinderscharen beim Betreten des Theaters. Nichts war mit lustig; die Kinder waren mucksmäuschenstill, eingeschlafen vermutlich auf den doppelten Sitzkissen, welche die besorgten Mamis und Papis organisierten, damit der Nachwuchs besser sehen konnte. Kein Lacher bis zur Pause, kein Husterer und kein Geplapper. Ein Indiz. Aber wofür?

Auch das Pärchen vor mir in Reihe 1 im dritten Rang direkt vor meinem Stehplatz hatte nichts zu lachen, aber schwer zu tun. Kaum ging das Licht aus für die Ouvertüre, bewegte sich die Hand des Herrn zwischen die Beine der Dame. Diskretes Hüsteln half nicht, und so bleibt zu hoffen, daß wenigstens die gemeinsamen Bemühungen zum Höhepunkt führten, mit dem die Bühne gestern nicht dienen konnte.

Dröge kam der Barbiere daher, mit verschlepptem Tempo und Kollapsgefahr zwischen Bühne und Graben. Weder Lindoro noch Rosina waren mit Rossini-tauglichen Sängern besetzt; zu allem Überfluss versuchten sie sich auch noch an uneleganten Verzierungen. Während Kudryas Stimme nicht beweglich genug ist für Rossini, sang Maite Beaumont eine derbe Rosina, eindimensional, ohne emotionale Beteiligung. Für mich waren beide Sänger eine Enttäuschung. Dabei hatte ich Maite Baumont eigentlich in positiver Erinnerung. Der gute Bartolo (Maurizio Muraro) konnte nichts retten.

Selbst die Aussicht auf Petting Teil 2 in Reihe 1 Rang 3 hielt mich nicht davon ab, es nach der Pause mit dem Barbiere di Siviglia für heute gut sein zu lassen.

Die Besetzung am 2. Oktober 2010
Musikalische Leitung Christopher Ward
Graf Almaviva: Alexey Kudrya
Bartolo: Maurizio Muraro
Rosina: Maite Beaumont
Figaro: Levente Molnár
Basilio: Burak Bilgili
Fiorello: John Chest
Ambrogio: Rüdiger Trebes
Berta: Hanna-Elisabeth Müller
Ein Offizier: Kenneth Roberson

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4 Kommentare leave one →
  1. Kamilla permalink
    Oktober 3, 2010 19:43

    Ja Ich finde, dass der Dirigent immer zu langsames Tempo gegeben hat. Warum beschuldigen Sie Sänger ?“Während Kudryas Stimme nicht beweglich genug ist für Rossini, sang Maite Beaumont eine derbe Rosina, sehr eindimensional, ohne emotionale Beteiligung“. Vielleicht wurden Sie am diesen Abend verstimmt, deshalb haben Sie nur schlechte Kleinigkeiten gesehen? Das Publikum hat nach Arien gut geklatcht.

    • Oktober 4, 2010 10:35

      Liebe Kamilla,
      Danke für Ihren Kommentar.
      Was mich betrifft, berichte ich über meinen persönlichen Eindruck, nicht über den des Publikums. Selbst ich habe aus Höflichkeit geklatscht, vor allem nach der Arie Rosinas, die schwierig ist. „Gut klatschen“ hört sich allerdings anders an als das, was im Nationaltheater am Samstag zu hören war. Tut mir leid.
      Ich möchte allerdings nicht ausschliessen, daß nach der Pause sich alles drehte und ein wunderbarer Rossini-Abend daraus wurde.

      rossignol

      PS: Die erste professionelle Kritik zu der Aufführung am Samstag will ich hier doch auch einfügen, die meinen Eindruck weitgehend bestätigt. Und dabei wurde der Rezensent sicher nicht durch Liebesspiele seiner Vorderleute beeinträchtigt. Aufführungskritik auf Klassik.com

  2. Werner permalink
    Oktober 20, 2010 14:39

    „Dröge kam der Barbiere daher, mit verschlepptem Tempo und Kollapsgefahr zwischen Bühne und Graben.“

    Interessant, genau diesen Eindruck hatte ich auch bei einer Aufführung am 10. März diesen Jahres. Die Besetzung war zwar nahezu komplett eine andere (Almaviva: Shrader / Rosina: [eine leider an diesem Tag gesundheitlich angeschlagene] Kasarova / Figaro: Borchev, etc.), aber das Dirigat Christopher Ward gab mir nie das Gefühl, einer sicheren, souveränen Vorstellung beizuwohnen. Sicherlich, alles (schlagtechnisch) soweit einwandfrei, auch die vielen heiklen Passagen, aber mit dem Kopf fast zu 100% in den Noten „arbeitete“ er sich durch die Partitur – unangestrengtes Musizieren sieht m.E. anders aus, gerade bei dieser Musik. Fehlte vielleicht deshalb das Grundvertrauen der Bühnendarsteller, so dass manches wirklich „klapperte“? Ich kann mir es letztlich nicht erklären, denn das Orchester musizierte auf bemerkenswert hohem Niveau!
    Übrigens: der Applaus war höflich-spärlich, bei Almaviva mischten sich einige Buhs darunter. Eine Werktagsvorstellung und eine Wies’n-Vorstellung? 🙂

    Werner

    • Oktober 24, 2010 10:45

      Werner, in die von Ihnen besuchte Vorstellung wollte ich eigentlich auch gehen, habe es dann aber gelassen, als ich hörte, daß V. Kasarova nicht ganz auf der Höhe ist. Ich bin überrascht über Ch. Ward, der im Frühjahr eine überaus spritzige „Cenerentola“ des Opernstudios dirigiert hat. Vielleicht liegt es am Respekt vor dem großen Nationaltheater. Danke für Ihren Kommentar.
      Gruß
      rossignol

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