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Gärtnerplatztheater: Der Freischütz

Oktober 1, 2010

Etwas derb erklang die Ouvertüre und kam im dritten Rang Mitte deutlich zu laut an. Im weiteren Verlauf des Abends gelang es dem Dirigenten Roger Epple, den Orchesterklang den akustischen Gegebenheiten des Raumes anzupassen und den szenischen Abläufen Rechnung zu tragen, ohne sich auf die Sängerbegleitung zu beschränken. Eine sehr ansprechende Leistung des Gärtnerplatztheater-Orchesters, würde ich sagen, und erinnere mich besonders gerne an den Celloklang.

Regisseurin Beverly Blankenship erzählt Carl Maria von Webers „Freischütz“ als Agathes Traum, der über weite Strecken einem Alptraum gleicht. Agathe liegt auf einer Matratze, die auf einem Reisigbündel über einem Kinderbett schwebt. Während des Spieles ist Agathes schlafende Doppelgängerin ständig präsent, sie erscheint aber auch in mehreren Altersstufen. Offenbar hat Agathe ein Trauma zu überwinden. Ihr könnte sexueller Missbrauch widerfahren sein, durch wen bleibt offen. Agathe räumt auf mit ihrer Vergangenheit. Vor der Hochzeit mit Max verbrennt sie zusammen mit Ännchen die Zeugnisse ihrer Kindheit, einen Koffer mit allerhand Spielsachen, einen weissen Schaukelhirsch, die Puppe (auch sie eine Agathe-Ausgabe in klein).

Bereits der Auftritt der Jäger, Bauern und Frauen im ersten Akt deutete darauf hin, daß die Regisseurin eine bestimmte Absicht verfolgte. Die Frauen schienen geklont, ihre Kleidung war hatte die Form einer Zielscheibe, während die Männer gleichförmige übergrosse Schwellkopf-Masken trugen, auch sie uniformiert in Kleidung und Bewegung.

Im Brautjungfernchor des dritten Aktes erfuhren wir des Rätsels Lösung. Die Brautjungfern trugen entweder Babies im Arm oder waren hochschwanger, Folgen des Schützenfestes vermutlich. Die Aussicht, das Schicksal der Frauen zu teilen, ausschliesslich als Objekt männlicher Begierde zu dienen, stimmte Agathe, auch im Hinblick auf ihre Jugenderlebnisse nicht gerade zuversichtlich.

Deutscher Wald kommt erwartungsgemäß im Bühnenbild (Heinz Hauser) nicht vor. Waldähnliche Landstriche werden während der Ouvertüre auf den Vorhang projeziert. Jägerromantik pur liefert ein ausgestopfter, aus den Eingeweiden blutender Stoffhirsch. Durch den Einsatz der Drehbühne eröffnet sich trotz karger Kulissen unterschiedliche Räume. Raffiniert ist allerdings die Bühnenbodenkonstruktion, die mancherlei Effekte barg.

Die Wolfschlucht verbirgt sich im Boden des Forsthauses, sie entfaltet sich aus den Bodenbrettern, die sich schräg nach oben öffnen. Nicht nur Samiel als schwarzer Todesvogel geistert durch die Szene, auch Agathe ist da und mit ihr ihre Jugend- und Kinderausgabe. Gespenstisch singen die unterirdischen Geister.

Merkwürdig blass und zueinander beziehungslos blieben die Hauptdarsteller in diesem Stück. Zu ihnen fiel der Regisseurin nicht viel ein. Einzig Ännchen wurde etwas genauer profiliert, was auch an der spielfreudigen und stimmlich überzeugenden Christina Gerstberger lag. Demzufolge bleibt das grauslige Geschehen im Zusammenhang mit den Freikugeln und dem Probeschuss fast nebensächlich. Das ist auch der Grund, warum ich auf die chronologische Beschreibung des Ablaufes verzichtet habe. Ob Agathe von ihrem Trauma erlöst wurde, konnte ich nicht feststellen. Zumindest Aufschub hat sie durch Max‘ Bewährungszeit gewonnen, könnte man böse behaupten.

Die Sänger waren nach meinem Empfinden rollendeckend, ohne besondere Glanzlichter zu setzen. Tilmann Unger, Sänger des Max, würde sicher auch einen guten Bariton abgeben. Sandra Moon liess als Agathe zu selten deren Innigkeit erkennen, die sie neben all ihren Ängsten auch in sich trägt. Treffend besetzt fand ich die Rolle des Kaspar mit Derrick Ballard.

Der höchst präsente, blendend einstudierte Chor ist ein Aktivposten des Gärtnerplatztheaters. Bei meinen wenigen Besuchen dort kam immer ein starker, positiver Eindruck vom Chor.Allerdings könnte etwas zusätzliches Aussprachetraining den guten Eindruck der Chorsolistinnen verbessern. Gute Einfälle hatte die Kostümbildnerin Susanne Hubrich für den Chor. Über die unkonventionellen Kostüme bei der Schützenfeier, über knallrote Schwangerschaftsroben der Brautjungern bis hin zu jahreszeitgemäßer Kostümierung in Dirndln und Jägerbekleidung war für jeden etwas dabei.

Lange anhaltender, sehr freundlicher Premierenapplaus für Sänger und Regieteam. Ein schöner Erfolg für das Team des Gärtnerplatztheaters und eine sehenswerte Inszenierung für aufgeschlossene Musikfreunde.
Weitere Vorstellungstermine


Die Premierenbesetzung am 30. September 2010

Musikalische Leitung: Roger Epple

Ottokar, böhmischer Fürst: Juan Fernando Gutiérrez
Kuno, fürstlicher Erbförster: Martin Hausberg
Agathe, seine Tochter: Sandra Moon
Ännchen, eine junge Verwandte: Christina Gerstberger
Caspar, 1. Jägerbursche: Derrick Ballard
Max, 2. Jägerbursche: Tilmann Unger
Ein Eremit: Sebastian Campione
Kilian, ein reicher Bauer: Dirk Lohr
Samiel, der schwarze Jäger: Jochen Vogel

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