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Porca miseria

September 27, 2010

Bayerische Staatsoper: Le Nozze di Figaro am 26. September 2010

Das abgebaute Dirigentenpult liess nichts Gutes erwarten. Constantinos Carydis beliebte Le Nozze di Figaro auswendig zu dirigieren, und dabei sollte offenbar nichts seinen Tatendrang bremsen. Es hätte schlimmer kommen können als vermutet. Das körperbetonte Dirigat erzeugte dann eine dröge musikalische Interpretation von Dieter Dorns einstmals klassischer Inszenierung, meine Begleitung nannte sie „langweilig“. So weit würde ich dann doch nicht gehen wollen. Mit Freude gesichtet habe ich von der Tournee zurückgekehrte Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters, vor allem Herrn Dent an der Oboe, der Susannas und vor allem der Contessa Arie mit unverwechselbarem Ausdruck begleitete.

Auslöser für meinen Besuch waren neben meiner erstmaligen Begegnung mit einigen der Sänger der Auftritt Christian Gerhahers als Graf Almaviva. Nach seinem überragenden Wolfram war ich gespannt, wie er den cholerischen Grafen angehen würde. Eines steht zweifelsfrei fest, nie und nimmer hätte dieser Graf auf dem „jus primae noctis“ bestanden, er wäre nicht mal auf die Idee gekommen, es in Erwägung zu ziehen. Gerhaher spielte den Grafen Almaviva, als ob dieser eine Position hätte, in der er sich nicht wirklich wohlfühlte. Er spielte einen Menschen, der eine Rolle spielt und den an ihn gestellten Erwartungen gerecht zu werden versicht. Folgerichtig war dann auch das „Contessa, perdona“ die schönste Stelle der ganzen Oper, für die es sich auszuharren lohnte bis zum Ende.
Üppige Proben schienen der Aufführung nicht vorangegangen zu sein; das schliesse ich zumindest aus der Steigerung des Bühnenpersonals im Laufe des Abends sowohl hinsichtlich der Spielfreude als auch der stimmlichen Wahrnehmbarkeit.

Matthew Peters lieferte ein durchaus ansprechendes Rollenporträt als Figaro. Nach etwas verhaltenem Beginn erfreute der sympathische Sänger mit grösserer Durchschlagskraft, guter Technik und schönem Timbre. Ähnliches gilt für Eri Nakamura als Susanna, die im Lauf des Abends qualitativ einiges zulegen konnte. Auch sie ist eine angenehme Bühnenerscheinung mit schöner, wenn auch nicht allzu großer Stimme. Tara Erraught sang erstmals Cherubino, drollig, allerdings streckenweise unhörbar in der ersten Arie. Erin Walls Contessa war solide wie es sich gehört für die Contessa. Und dann war da natürlich auch noch der Gärtner Antonio, dessen Rolle man wohl wird streichen müssen, sollte sich Alfred Kuhn dereinst endgültig in den Ruhestand verabschieden.

Diese Nozze-Serie kann (und muss) noch besser werden. Schliesslich habe ich noch zwei Tickets für weitere Vorstellungen. Porca miseria.

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3 Kommentare leave one →
  1. Bärbl Wagner permalink
    September 27, 2010 12:22

    Liebe Rossignol,
    ich habe die „neue Opernsaison“ mit der, von Ihnen beschriebenen Aufführung von „Le nozze di Figaro“ eröffnet. Auch für mich war der Auslöser für diesen Opernbesuch Christian Gerhaher. Mich hat er allerdings stimmlich total überzeugt, und von seinen darstellerischen Qualitäten auf der Operbühne war ich positiv überrascht. Von den Frauen hat mir Eri Nakamura als Susanne sehr gut gefallen. Sie besitzt eine klare,weiche und sicher noch entwicklungsfähige Stimme. Ich finde, dass diese Dorn-Inszenierung nichts an Spritzigkeit und Witz verloren hat.Ich konnte jedenfalls endlich einmal wieder nicht nur mit den Ohren, sondern auch visuell einen Opernabend in der Bayerischen Staatsoper genießen. Wobei ich auch – so wie Sie – den Eindruck hatte, dass sich das ganze Ensemble im Laufe des Abends enorm gesteigert hat.
    Der Jubel am Ende war wohlverdient.
    Lieben Gruss
    Bärbl

    • September 27, 2010 12:35

      Liebe Bärbl,
      offenbar habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Ich fand Christian Gerhahers Conte darstellerisch sehr gut, halt eben anders charakterisiert als am Haus bisher gesehen. Stimmlich gibt’s für mich eh nichts zu diskutieren. Freuen wir uns auf eine schöne Saison am Nationaltheater.
      Viele Grüße
      rossignol

      • Bärbl Wagner permalink
        September 27, 2010 13:40

        Liebe Rossingol,

        dann entschuldigen Sie bitte, das war wirklich ein Mißverständnis!!
        Ich denke mal, dass wir uns in der neuen Saison sicher öfters in der Oper sehen werden. Es kommen doch interessante
        Aufführungen auf uns zu / Rusalka/ Fidelio!!!!! Worauf ich schon sehr gespannt bin!
        Eine schöne Zeit und „bis bald“
        Viele Grüße
        Bärbl

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