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Copyright für eine Schabracke

September 12, 2010

Leser, die mehr oder weniger regelmäßig Musikblogs des englischen Sprachraumes verfolgen, kamen kaum umhin, von der Affäre um das Royal Opera House und den Musikblogger intermezzo zu erfahren, die sich letzte Woche zugetragen hat. In einer email wurde dem Blogger unter Stützung auf Copyright-Verletzung rechtliche Schritte bzw. Ausschluss von Besuchen des Royal Opera Houses, im Klartext Hausverbot, angedroht, falls der Blogger nicht binnen 24 Stunden alle Bilder des ROH, eigene oder Bilder von deren Publikationen, von seiner Website entfernte.
Der Blogger entfernte letzten Freitag alle Blogeinträge über das ROH aus seinem Blog und veröffentlichte die relevante email-Korrespondenz.

Ein kleiner Sturm erhob sich in der Twitter- und Blogger-Welt. Die rechtlichen Aspekte wurden ebenso beleuchtet wie mögliche negative Marketingfolgen und der generelle Stellenwert des Musik- und Theaterbloggers in Großbritannien für die Gruppe der häufigen und weniger häufigen Theatergänger.

Die Angelegenheit ist inzwischen abgeschlossen, denn das Royal Opera House hat sich am Wochenende offiziell bei dem Blogger für den Vorfall entschuldigt und die Entschuldigung veröffentlicht.

Was hat das alles nun mit mir zu tun?

Ich schicke mich gestern abend an, in der Pause von Eugen Onegin ein Foto der Bühne zu machen, auf dem während der Pause Aktivitäten stattfinden. Eine Dame des Einlasspersonals spricht mich freundlich an und sagt mir, Aufnahmen während der Vorstellung seien verboten. Ich antworte ihr, ich machte selbstverständlich keine Aufnahmen während der Vorstellung sondern in der Pause, worauf sie mir mitteilt, ihr sei gerade gesagt worden, ich machte Aufnahmen während der Vorstellung, was nicht erlaubt sei. Jetzt dürfe ich aber fotografieren.

In meiner Begeisterung über den guten Opernabend wollte ich den Schlussvorhang im Bild festhalten, was eine Besucherin (Gedankenblitz: Aha! die ist das also) veranlasste, mich aufzufordern, sofort das Fotografieren zu unterlassen, da ich das Copyright der Kostüme verletzten würde. Sie bemühte sich für ihre Ansprache extra die Stufen von den letzten Sitzreihen herunter zu mir. Nachdem ich die Lady wiedererkannte – sie war bei allen Leipziger Publikumsgesprächen zugegen, an denen ich bisher teilnahm, bezeichnete sich dort selbst als Künstlerin und tat sich penetrant keifend und mit ebensolchen Ansichten hervor -, bat ich sie, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit, einfach die Klappe zu halten oder wieder in ihrem Loch zu verschwinden. Bin ich mehr als 400 Kilometer einfache Strecke gefahren und habe natürlich den vollen Eintrittpreis bezahlt um Konwitschnys Eugen Onegin zu sehen, um mich von Relikten aus vergangenen Zeiten denunzieren und maßregeln zu lassen?

Der Vorfall ist auch der Grund dafür, daß ich dem Eugen Onegin Bericht viele meiner schlechten Bilder von den Schlussvorhängen angehängt habe und diesem Post ein Bild der Pauseninstallation anhänge. Vielleicht zerreisst’s ja die Lady vor lauter Ärger über die Copyright-Verletzung.

Bei solchen Stammbesuchern liegt die Erklärung für die schlechte Auslastung der Leipziger Oper auf der Hand. Die Akzeptanz des Opernhauses bei der Bevölkerung zu erhöhen und zu stabilisieren, wird durch solche Wichtel nicht gerade leichter, kann ich mir vorstellen. Oder stehen die etwa in Leipzig unter Artenschutz? Wäre ich in der Region ansässig, würde ich einer omnipräsenten Schabracke jedenfalls möglichst aus dem Weg gehen. Ehrlich.

Bahnhofshalle Ost nach Tatjanas Fest

Bühne in der Pause nach Bild 4. Betrunkene und Nachtschwärmer in der Bahnhofshalle. In der Mitte die russische Birke und die verlassene Harfe. Der Boden glänzend wie eine Eisfläche. Heizkörper bringen keine Wärme. Gleich wird ein Besoffener mit einem Schrei bewusstlos umfallen, und das Publikum wird ihm dafür applaudieren.

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