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Bayreuther Festspiele 2010: Lohengrin

August 23, 2010

Es gab mehrere Gründe, mir eine Karte für den Bayreuther Lohengrin zu besorgen. Ich gebe zu, es war nicht nur die zu erwartende spannende Inszenierung, meine Wagner-Lieblingsoper sowieso, das Flair von Bayreuth. Es war vor allem der Sänger der Titelrolle, den ich bei der Radioübertragung der Premiere anders (besser) hörte, als in den Münchener Vorstellungen des letzten Jahres. Nun hat sich der Starsänger aus Krankheitsgründen entschuldigt, was meiner Vorfreude auf den Abend in Bayreuth allerdings keinen Abbruch tat.

Der drei Wahrheiten von Ratten und Menschen, per Beamer auf eine Leinwand geworfen, hätte es nicht bedurft, die Assoziation ist allfällig. Nachdem Neuenfels Lohengrin-Inszenierung bereits ein paar Wochen auf dem Buckel hat, war das rattige Volk von Brabant selbst für mich keine Überraschung mehr. Ich war dennoch überrascht, daß ich das Nagertreiben trotz der putzigen rosa Babyratzen ziemlich ernst nehmen konnte und sehr gespannt war, wie und in welche Richtung sich der Rattenstamm entwickeln würde. Meine Hoffnung, mit dem Ablegen der Rattenpelze am Ende des ersten Aufzuges, sei das Ärgste überstanden gewesen, trog. Es gab Rückschläge, mal waren die Ratten mehr mal weniger Nagetiere, aber immer blieben sie Ratten. Selbst im Schlussbild erinnern die Kostüme an die Labor-Vergangenheit der nun Menschen ähnelnden Brabanter. An der Beseitigung der durchsichtigen Schädelplatten wird das Experiment wohl scheitern.

Die intelligente, in sich schlüssige Inszenierung vermittelt trotz der kühlen Laboratmosphäre des Bühnenbildes etwas Gleichnishaftes, etwas zutiefst Menschliches. Dabei ist mir allerdings nicht klar geworden, wohin Lohengrin denn wollte, als er mit aller Macht während des Vorspiels zum ersten Aufzug ein großes Tor vergeblich zu öffnen versuchte. Wollte er raus aus dem Gral, den er als Gefangenschaft empfand oder rein ins Labor zu den Ratten?

Das spannende Werk wurde gekrönt von einem ausgezeichneten Sängerensemble. Georg Zeppenfeld verlieh König Heinrich Charakter mit warmer, mächtiger Basstimme, dem Äusseren nach zu schliessen handelte es sich bei dem König um eine Ratte in „fortgeschrittenem“ Entwicklungsstadium mit menschlichem Äußeren. Samuel Youns stimmgewaltiger, präziser Heerrufer schien ebenfalls eine Ratte auf dem Weg zur Menschwerdung zu sein. Telramund und Ortrud hingegen hatten das Menschsein offenbar bereits verinnerlicht. Hans-Joachim Ketelsen sang Telramund relativ unauffällig, rettete sich auch gelegentlich in Sprechgesang. Evelyn Herlitzius warf sich mit der geballten Wucht ihrer zierlichen Figur und ihrer riesigen Stimme in Ortrud und deren Charakter. Ihre unglaubliche Bühnenpräsenz macht die gelegentlich unbändig oder unkontrolliert wirkende Stimme bei weitem wett. Annette Dasch machte als Elsa nichts falsch. Ich hatte allerdings den Eindruck, daß sie die stimmlichen Anforderungen, besonders an die Höhe, so beanspruchen, daß für Expression keine Kraft bleibt. Es war deutlich zu hören und zu sehen, daß ihr das bewußt war und sie sich um Ausdruck bemühte. Evas Leuchten blieb sie (leider) schuldig.

Einspringer für Jonas Kaufmann war Klaus Florian Vogt. Ich sah ihn zum zweiten oder dritten Mal in der Rolle als Lohengrin, zuletzt letztes Jahr in der wieder aufgenommenen Konwitschny-Inszenierung. Seine Stimme hat eine prächtige Entwicklung erfahren. Mühelos, organisch, glänzen die Höhentöne nun bereichert durch dynamischeren Einsatz und wärmere Tongebung. Ein Wunder, das hoffentlich länger anhält als Lohengrins Erscheinung vor dem Volk von Brabant . Stimmlich und optisch ein Bilderbuch-Lohengrin, der sich abhebt vom gemeinen Rattenvolk. Parsifals Sohn eben, nicht von dieser Welt.

Eine Augenweide war der spielfreudige Chor, die sängerische Leistung wie immer unanfechtbar.
Das Orchester unter Andris Nelsons fand ich sehr gut, wenn auch nicht ganz so spannungsgeladen musizierend wie ich Lohengrin in München schon hören durfte.

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