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Bayreuth 2010: Die Meistersinger von Nürnberg

August 20, 2010

Respekt: Katharina Wagner nahm auch gestern den Buhsturm des Publikums nach der Vorstellung mit einem Einzelvorhang lächelnd entgegen.

So schlimm fand ich diese Meistersinger à la Katharina Wagner eigentlich gar nicht. Trotz des grundsätzlich lobenswerten Vorhabens, die in der Komposition ihres Urgrossvaters angelegten Verhaltensmustern und Beziehungsproblemen anhand modernerer Lebensformen darzustellen, vor allem aber den anfälligen Festwiesenaufzug zu desinfizieren, kann ich eine stringente Durchführung [noch] nicht erkennen. Humor kann ich ihrer Inszenierung nicht absprechen.

Stolzing tritt als als dreadlockiger Graffittikünstler in Aktion, bemalt in der Singschul alles, was eine freie Fläche bietet und später Eva im blauen Kleid, wobei er sich dabei mit besonderer Hingabe der bildnerischen Gestaltung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale widmet.

Sixtus Beckmesser ist der verklemmte, angepasste Karrierist, an denen auch unserer Tage kein Mangel ist, einer der Typen, die sich mit schwülstigen Sprüchen in den Vordergrund zu schieben versuchen.

Das Schreiben scheint seinen Mann nicht zu ernähren, denn offenbar muss Hans Sachs noch immer seinem Brotberuf nachgehen, auch wenn heute mehr Turnschuhe und Sneakers zu kleben als Absätze zu nageln sind.

Katharina Wagner räumt auf mit idyllischen Vorstellungen über das Künstlerleben. Ihre Künstler sind keine überirdischen Wesen, sondern sie hängen ihre Wäsche selbst auf und ihr Ur-Opa rupft seinen Schwan (Gans, Ente, Adler) eigenhändig, ehe das Geflügel in den Topf kommt. Vor weiteren fleischlichen Gelüsten sind sie nicht nur nicht gefeit sondern ihnen keineswegs abgeneigt.

Folgerichtig ergreift Stolzing die [vielleicht] Chance seines Lebens, entledigt sich seiner Dreadlocks und tritt nicht beim Stadtfest für die Ehre sondern bei einer Art Musikantenstadl als Hansi-Hinterseer-Verschnitt für Geld auf. Und wenn er denn schon die äusserlich verzopfte Eva nehmen muss, wären die erzielbaren Gagen ein nettes Schmerzensgeld.

Wobei ich für Eva nicht meine Hand ins Feuer legen möchte, denn so ganz aus der Welt scheint ihre Beziehung zu Sachs nicht zu sein. Besser zwei Eisen im Feuer als keines.

Fragen bleiben natürlich, zum Beispiel diese: Hans Sachs gebärdet sich von Anbeginn als Aussenseiter der Zunft der Meister und widersetzt sich ihren Gebräuchen. Irgendwann muss er aber so angepasst gewesen sein, um den Zugang zu erhalten. Was ist passiert?

Was will uns der Gärtnertisch mit dem Humushaufen und dem darunter verborgenen Nackten sagen? Sowas provoziert doch heute keinen Operngänger mehr.

Trotz vieler kluger und witziger Ideen hatte der siebenstündige Abend Längen und erforderte (nicht nur von mir) Durchhaltevermögen. Obwohl die Beurteilung der Inszenierung am Ende überwiegend negativ war, würde ich nicht nur die Regisseurin verantwortlich machen. Ich fand das Dirigat zu zerfahren, nicht zügig und mit wenig Spannung. Ich habe unmittelbar nach der Vorstellung die Sängerbesetzung bemängelt, wäre eigentlich nach dem zweiten Aufzug gerne gegangen, wenn nicht der grandios auftretende Klaus Florian Vogt nicht noch das Preislied schuldig gewesen wäre, mag diese Kritik bei der Nachbetrachtung aber nicht aufrecht halten. Klaus Florian Vogt ist als Stolzing optisch und vokal eine ideale Besetzung. Seinem hell strahlenden Tenor fliegen nicht nur Frauenherzen als Stolzing zu. Mich beeindruckte neben der Schönheit der Stimme und der imposanten Erscheinung die mühelose Technik, mit der die Höhentöne erzielt werden und der spürbare Gestaltungswille. Fantastisch hat sich auch Adrian Eröd als Beckmesser geschlagen, der mal nicht als Volltrottel dargestellt wurde.
Ob sich James Rutherford als Hans Sachs an großen Bühnen wird durchsetzen können wird die Zukunft zeigen. Seine Stimme ist modulationsfähig und besitzt ein warmes Timbre, trägt aber nicht immer über das Orchester. Auch an der Textverständlichkeit darf weiter gearbeitet werden. Hoffentlich nur einen schlechten Tag hatte Michaela Kaune. Da blühte stimmlich so gar nichts, junge Mädchen stelle ich mir musikalisch anders vor. Und dafür gleich drei Bewerber?

Einmal mehr beeindruckend der grandiose Festspielchor, dessen zwei Hundertschaften die beidenTribünen der Festwiese dominierten.

Besetzung:
Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Regie Katharina Wagner
Bühnenbild Tilo Steffens
Kostüme Michaela Barth, Tilo Steffens

Hans Sachs, Schuster – James Rutherford
Veit Pogner, Goldschmied – Artur Korn
Kunz Vogelgesang, Kürschner – Charles Reid
Konrad Nachtigal, Spengler – Rainer Zaun
Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber – Adrian Eröd
Fritz Kothner, Bäcker – Markus Eiche
Balthasar Zorn, Zinngießer – Edward Randall
Ulrich Eisslinger, Würzkrämer – Florian Hoffmann
Augustin Moser, Schneider – Stefan Heibach
Hermann Ortel, Seifensieder – Martin Snell
Hans Schwarz, Strumpfwirker – Mario Klein
Hans Foltz, Kupferschmied – Diógenes Randes
Walther von Stolzing Klaus Florian Vogt
David, Sachsens Lehrbube – Norbert Ernst
Eva, Pogners Tochter – Michaela Kaune
Magdalene, Evas Amme – Carola Guber
Ein Nachtwächter – Friedemann Röhlig

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