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Salzburger Festspiele 2010: Iwan der Schreckliche

August 15, 2010

SERGEJ PROKOFJEW • Iwan der Schreckliche op. 116
Oratorium für Sprecher, Alt, Bariton, Chor und Orchester

Programm 3 der Wiener Philharmoniker
Gérard Depardieu, Zar
Jan Josef Liefers, Erzähler
Olga Borodina, Mezzosopran
Ildar Abdrazakov, Bass
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Kinderchor der Salzburger Festspiele
Riccardo Muti

Filmmusik ist angesagt im Großen Festspielhaus. Aber was für eine! Gebannt verfolgte das Publikum das den meisten wohl unbekannte Werk, das als Filmmusik zu einer Filmtrilogie „Iwan der Schreckliche“ des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden ist. Als der Regisseur während der Dreharbeiten 1948 starb, vollendete Prokofjew das Werk nicht. Erst 9 Jahre nach Prokofjews Tod 1953 arrangierte der Komponist Abram Stassewitsch die Musik für den Konzertsaal, fügte auch Texte ein, die die Abfolge der Handlung hilfreich sind. Bei der heutigen Salzburger Aufführung waren für mich diese Texte das Salz in der Suppe.

Die Filmproduktion handelt von Iwan dem Schrecklichen, der sich vom Oberhaupt der Orthodoxen zum russischen Zaren krönen liess. Er beschnitt die Macht der Bojaren, um ein eigenes Reich aufzubauen. Die Zeit der Tronbesteigung des ersten Zaren erfolgt zeitgleich mit der Regentschaft Karl V und Philipp II und Heinrich VIII, der Zeit der Inquisition und der Bartholomäusnacht.

Habe ich gestern der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor noch Unauffälligkeit als Druiden bescheinigt, so kann das den Damen und Herren heute nicht nachgesagt werden. Einfühlsam, sehr musikalisch und auch temperamentvoll begleiteten sie als Volk das Leben des Zaren und zeichneten plastische Stimmungsbilder. Sehr homogen erklangen die Knabenstimmen des Salzburger Kinderchores in ihrer kurzen Passage.

Zum Niederknien präsentierten sich die Streichinstrumentalisten der Wiener Philharmoniker, die gerade mal so eine monumentale Programmusik spielen, als stünde sie täglich auf der Agenda. Aufregend gut auch die Schlaginstrumente, die Glocken und Marimba. Alleine 15 Blechbläser zählte ich, die mitreissend spielten. Riccardo Muti, immer für eine Überraschung gut, erfreute mit gleich zwei temperamentvollen, federleichten Luftsprüngen zu Beginn der Aufführung, etwas, das ich an dem Maestro auch noch nicht beobachtet habe. Dieses Temperament war bezeichnend für die gesamte Aufführung: sehr engagiert, lustvoll (ein Wort das ich nur ungern benutze), überaus präzise, dem plakativen Werk angemessen, wie mir scheint.

„Zwei Erzähler“, dachte ich mir vorher als Novizin, die ich war, „hoffentlich bleibt da Zeit für Gesang“. Jan Liefers, als Erzähler zwischen Chor und Orchester platziert, lieferte eine tolle Arbeit ab. In russischer Sprache und mit einem Duktus, wie ich mir russisches Gefühlsleben vorstelle erzählte er eine Geschichte, die man verstand, ohne die Sprache zu kennen. Expressiv, fast singend, brach es als Gottesnarr aus ihm heraus: „Der Zar ist verhext, der Zar ist verhext“. Er scheint sehr musikalisch zu sein, die Musik fesselte ihn sichtbar.

Eine ganz andere Rolle, die des Zaren, hatte Gérard Depardieu übernommen, eine weitere Legende zu Lebzeiten. Äusserlich offensichtlich nicht bei bester Gesundheit, verkörperte er mit rauchiger kraftvoller Stimme Iwan den Schrecklichen, einer Person mit einem riesigen Stimmungsspektrum.

Drei kurze, melancholische Lieder hatte Olga Borodina zu singen, deren Mezzo für die russische Sprache ideal liegt, warm und melancholisch strömt die Stimme. Ildar Abdrazakov war eine Luxusbesetzung für seinen kurzen Solopart am Ende des Konzertes, allerdings dem Gesamteindruck und der Bedeutung des Konzertes angemessen.

Die Begeisterung des Publikums entlud sich in Ovationen. Es flogen Rosen.

Weitere Aufführungen 16. und 17. August Großes Festspielhaus

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