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Salzburger Festspiele: Lulu

August 8, 2010

Mein erster Besuch bei den diesjährigen Salzburger Sommerfestspielen galt Lulu, eine Oper, die ich noch nie auf der Bühne sehen konnte, und auf die ich schon sehr gespannt war, brachte sie doch ein Wiedersehen mit mir seit langem aus anderen Werken bekannten und von mir sehr geschätzten Sängern.

Die Rückseite der Felsenreitschule mit ihrem charakteristischen Säulenumgang war durch einen schon leicht zerschlissenen rotgelb gestreiften Zirkusvorhang verhängt, vor dem der Prolog spielte, der Tierbändiger (Thomas Johannes Mayer, komödiantisch-präzise) quasi den Zirkus eröffnete.


Der Vorhang fällt und enthüllt ein großformatiges unvollendetes Porträt der Lulu in warmen Farben. Der zerlaufene Farbauftrag für Haar und die Augenpartie erinnert mich an Tränen. An der Seite der riesigen Leinwand eine ebenfalls unvollendete Studie von Lulus Unterkörper in bleichen Farben. Ein Bett. Es dient Lulu und dem Maler, aber auch Lulu und Dr. Schön.

Lulu, in weisser Unterwäsche und kleinmädchenhafter Erscheinung, mit Schwanenflügeln, steht dem Maler (Pavol Breslik) Modell, als ihr Ehemann sie in flagranti zu erwischen glaubt und vor Schreck tot umfällt. Lulu erbt und heiratet den Maler, der sich umbringt, als er feststellen muss, daß das Vorleben seiner Eva, wie er Lulu nennt, nicht seinen Erwartungen entspricht.

Den Hintergrund der dritten Szene (Garderobenszene) bildet ein beweglicher Spiegel. Darauf ein symbolhafter grosser roter Fleck. Ein phallusartiges Gebilde am Bühnenrand hilft dem Zuschauer auf die Sprünge. Lulu ist Tänzerin, pflegt ungehemmten Umgang mit Männern, die ihr nützlich sein könnten, aber auch wie vor mit Dr. Schön. Als sie erkennt, daß er sich verheiraten will, inszeniert sie einen Ohnmachtsanfall während eines Auftrittes. Sie zwingt Dr. Schön, der ihr verfallen ist, einen Abschiedsbriefes an seine Braut zu schreiben.
Der Spiegel schwenkt und zeigt Orchester und Zuschauer. Dieses Bild wird im zweiten Akt aufgenommen durch ein weiteres Hintergrundtableau, das fratzenhafte Gesichter zeigt und durch Beleuchtungseffekte im Verlauf der Aktes variiert wird.

Im zweiten Akt dreht sich alles um Lulus Ehe mit Dr. Schön, der sie Mignon nennt, und um ihre Gier nach Leben und Abwechslung, ihre Treuelosigkeit, die schliesslich zur Erschiessung Dr. Schöns führen.

Das Paris-Bild des 3. Aktes spielt schliesslich im Zuschauerraum, sehr gelungen nach meiner Meinung, getreu dem Vorbild Konitschnys, einer von Vera Nemirovas Lehrmeistern. Meisterlich die scherzhafte Einbeziehung des Publikums. Aber auch diese Szene endet tragisch, als Lulu mit Alwa als gesuchte Mörderin vor der Polizei fliehen muss.

Die London Szene des 3. Aktes spielt im Nirgendwo. Kulisse ist eine surreale schwarz-grau-weisse gebirgige Winterlandschaft. Im Programmheft entdeckte ich einen kleinen Elefanten am Horizont (Lulu wollte nach Afrika). Die Pyramide des ersten Aktes dient jetzt als zeltartige Mansarde, in der Lulu dem Gewerbe nachgeht und wo sie schliesslich selbst von Jack ermordet wird.

Ich sah die Aufführung am 6. August 2010, die mich in ihren Bann schlug. Meine Augen und Ohren reichten nichts aus, alles aufzunehmen, was mir merkenswert erschien.

Die Inszenierung lebt weniger von der Bühne, die nicht nur räumlich lang ist, sondern auch ihre Längen hat, sondern überwiegend von den glänzenden Sängerdarstellern. Einen hervorzuheben, hiesse andere zurückzusetzen, weil selbst kleinste Rollen perfekt besetzt sind und charakterisiert wurden. Ganz besonders freute ich mich allerdings über ein Wiedersehen von Franz Grundheber, der an einem so exponierten Ort wie Salzburg Schigolch Charakter und Stimme gab und von Heinz Zednik in bestechender Verfassung. Pavol Breslik hat mich nicht nur überhaupt mit seinem Auftritt in dieser Oper überrascht, sondern mit der wunderbaren Textverständlichkeit, die es hier braucht. Die Textverständlichkeit war für mich ein leichtes Manko an Patricia Petibons Darstellung, die zwar stimmlich wie darstellerisch voll überzeugen konnte, jedoch hoffentlich nicht ihr Stimmgrenzen überschritten hat mit dieser Rolle. Erwartet grandios fand ich Michael Volles Darstellung des Dr. Schön. Schwere Rollen wie diese sind es, die er unvergleichlich machen kann und die ihn hervorheben aus der Reihe der guten heutigen Baritone. Man muss nicht alles machen, es reichen die Dinge, die man besonders gut kann.

Marc Albrecht und den Wiener Philharmonikern ist ein Großteil der Geschlossenheit der Aufführung zuzuschreiben. Für mich, die Lulu zum ersten Mal auf der Bühne erlebte, war das ganz grosse Oper; Orchester und Bühnengeschehen schienen eins zu sein. Wann gibt’s sowas schon mal.

Vera Nemirova versprach, die Figur der Lulu aus der Sicht einer Frau zu zeigen. Da ich die Sicht eines männlichen Regisseurs bisher nicht erfahren habe und mich auch nur wenig mit dem Stoff habe beschäftigen können, kann ich nicht bestätigen, daß ich eine typisch weiblich geprägte Interpretation von Lulus Charakter wahrgenommen hätte. Lulu verkörpert immer das, was sich Männer unter Lulu vorstellen. Dabei sagt sie selbst zu Dr. Schön: „Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat; und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen als was ich bin.“

Persönlich erlebte ich Lulu jedoch eher als Opfer. Bereits als Kind hatte sie der Bedürfnisbefriedigung der Männer zu dienen (wessen auch immer), sie konnte nichts anderes und richtete sich innerhalb ihrer Möglichkeiten ihr Leben bestmöglich ein. Praktisch schläft sie sich hoch, um am Ende sozusagen in der Gosse zu enden. Betrachte ich
das letzte Bild der Begegnung mit Jack the Ripper, denke ich, Lulu ergibt sich gerade in ihr Schicksal. Dann wäre ihr Tod in der Tat Befreiung.

Die Besetzung am 6. August 2010:
Marc Albrecht, Musikalische Leitung
Vera Nemirova, Regie
Patricia Petibon, Lulu
Tanja Ariane Baumgartner, Gräfin Geschwitz
Cora Burggraaf, Theatergarderobiere/Gymnasiast/Groom
Pavol Breslik, Der Maler/Ein Neger
Michael Volle, Dr. Schön/Jack The Ripper
Thomas Piffka, Alwa
Franz Grundheber, Schigolch
Thomas Johannes Mayer, Der Tierbändiger/Athlet
Heinz Zednik, Der Prinz/Der Kammerdiener

Bilder © 2010 SALZBURGER FESTSPIELE

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2 Kommentare leave one →
  1. August 12, 2010 00:04

    hmmm…. verwunderlich, dass du so viel lob aussprichst. bin bei den festspielen im team tätig & muss sagen, dass es leider unglaublich viel negative kritik gibt ….
    die buhrufe übertönen den applaus – wie war das bei der vorstellung die du gesehen hast ???

    • August 12, 2010 20:51

      Keine Buhs am 6. August. Der Applaus war nach meiner Ansicht sehr differenziert verteilt auf die Mitwirkenden. Ich finde die Inszenierung mit Abstrichen akzeptabel, die Besetzung sogar sehr gut. So schlecht fand ich die veröffentlichte Kritik der Medien noch nicht einmal. Möglicherweise erwartet aber ein Teil des Salzburger Publikums eine andere Stückwahl, mehr Opulenz. Ich mochte auch Nonos Il gran sole, carico d’amore, das letztes Jahr auf dem Spielplan stand.
      Viele Grüsse nach Salzburg,
      rossignol

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