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Bayerische Staatsoper: Abgesang an die Saison 2009/2010

August 3, 2010

Während ich die kleine Festspielumfrage zusammenstellte, wurde mir erst richtig bewusst, wieviele ausgezeichnete – die Münchner bezeichnen das gerne als festspielwürdige – Vorstellungen ich im Lauf dieser Münchner Opernfestspiele gesehen habe. Lässt mich auch nicht jede der gezeigten Produktionen in Begeisterung ausbrechen, so waren doch die Besetzungen (trotz einzelner Absagen) attraktiv, vor allem hielten sie, was man sich von ihnen versprechen durfte, und die älteren Vorstellungen waren szenisch sichtlich geprobt und orchestral gut vorbereitet. Ich habe fast alle angebotenen Opern während der Festspiele gesehen und mich für eine zu entscheiden, fiele mir schwer.

Zu meinen persönlichen Favoriten zählen Tannhäuser, weil er die homogenste Besetzung hatte und Roberto Devereux aus demselben Grund. Beide Produktionen sind noch dazu interessant, plausibel, sogar spannend inszeniert. Tannhäuser steht selten auf dem Spielplan, das machte ihn doppelt interessant. Dazu Christian Gerhahers spektakuläres Hausdebüt und mit Peter Seiffert in blendender Verfassung und Spiellaune einen Tannhäuser, den man nicht alle Tage erlebt. Andererseits hat Frau Gruberova die beste Elisabetta abgeliefert, als die ich sie je sah und Paolo Gavanelli hat sich ebenfalls eindrucksvoll zurückgemeldet. Da gab es aber auch Dialogues des Carmélites, diese so menschliche Oper, die mir in der Festspielaufführung am nächsten war, glaube ich. Schwere Entscheidung, die noch schwerer wäre, wenn im Don Carlo nicht nur die Männer gut gesungen hätten.

Die musikalisch glanzvollen Festspiele könnten, sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Publikum während der Saison 2009/2010 am Max-Joseph-Platz meistens mit Wassersuppe abgespeist wurde. Nach einem fulminanten Auftakt im Januar mit Traviata und dem für die Festspiele reanimierten Don Carlo durchlitt ich mit Treleaven einige Tannhäuser mit unterschiedlichen Leidensstufen, dennoch vielversprechend für den Festspielsommer. Danach wochenlanges Hangeln und Räkeln in medioker besetzten Salomes und Macbeths vor der Uraufführung von Peter Eötvös Tragödie des Teufels, von der wir uns so viel versprochen hatten, von dem wenig eintraf. Frau Gruberova verhinderte mit einer Serie Roberto Devereux das Abgleiten in die totale Lethargie, in die man als Besucher angesichts skurril besetzter Nozze und des unglücklichen Barbiere di Siviglia hätte verfallen können. Ein schwerer Brocken zwar, aber ein Lichtblick immerhin Les Dialogues des Carmélites, eine Produktion, der ich im Laufe mehrerer Besuche nähergekommen bin.

Im April befand ich mich sozusagen auf der Flucht vor dem Spielplan der Bayerischen Staatsoper, der fast ausschliesslich aus Wozzeck und Palestrina bestand. Zwar halte ich Wozzeck für die beste Produktion der vorigen Saison, aber mehr als einen Wozzeck halte ich in einer Serie nicht aus. Und zweimal Palestrina in der Premierenserie genügte mir eigentlich auch. Ballettwochen müssen sein, das sehe ich ein, vor allem sofort nach der Wozzeck/Palestrina-Dürre und Schliesstage auch. Schliesstage gab es reichlich in der abgelaufenen Saison. An ihnen werden Subventionen eingespart und die Kronleuchter poliert. Zumindest stellt sich Frau Rossignol das vor, die auch immer zuerst einen Wirtschaftsplan macht und anschliessend die Lüster putzt, wenn sie frei hat.

Nun gut, nachdem ich an fernen Theatern von Stuttgart, Leipzig, Mailand und Berlin der Münchner Frühjahrsmüdigkeit den Garaus gemacht hatte, kehrte ich frohen Mutes zurück auf den Stehplatz im dritten Rang. Hue He sollte mich für die von mir ungeliebte Aida-Produktion erwärmen, schliesslich will man nicht immer nur meckern. Ich will die Geschichte nicht wiederholen; ich habe sie in diesem Blog aufgeschrieben, wenn ich mich nicht irre. Mein nächster Versuch war Medea in Corinto, immerhin war der Schöpfer dieser Oper ein Altbaier aus Ingolstadt. Da die Energien des für die Produktion verantwortlichen Ideengebers vermutlich bereits durch Nagetiere vom Stamme Brabant gebunden waren, konnte nichts Rechtes aus Medea werden und so war es dann auch.

Zwischendurch wurden die Event-Touristen mit einer Feuer-Wasser-Carmen versorgt, über die ich mich ebensowenig nochmals auslassen möchte wie über Tosca, erste Festspielproduktion, ein Schnäppchen offenbar von den autumn/winter sales der Met, das sich immerhin noch in Mailand auftragen lassen wird, wie man hört. Am jeweiligen Hauptdarsteller liegt mein Unmut indessen nicht.

Eine [vorübergehende] Reduzierung der Repertoirevorstellungen aus Kostengründen kann ich unter Berücksichtigung der Zeitumstände nachvollziehen. Die damit einhergehende einseitige, geschmäcklerische Programmselektion, verbunden mit einer hohen Anzahl von Schliesstagen, schon nicht mehr, wenn man die Höhe der zweifelhaften Investitionen für flankierende Veranstaltungen (seien sie auch sponsorenfinanziert) bedenkt. Eingekaufte Superstars, die auch gerne mal absagen nachdem die Karten mit Starzuschlag verkauft sind, sichern zwar den guten Ruf des Hauses bei der Kundschaft aus der Provinz und Übersee bestimmt noch eine Weile, der wenig überzeugende künstlerische Eindruck vieler Neuproduktionen lässt sich damit nicht übertünchen.

Das gleiche Muster zeichnet sich leider in der kommenden Spielzeit bereits ab, an deren Ende wieder ausgezeichnet besetzte Festspiele winken. Als Stammgast sollte man auf das Vorsetzen ewig gleicher mäßiger Produktionen mit Liebesentzug reagieren. Da allerdings die liedrigsten Inszenierungen gerne mit am Haus neuen Künstlern besetzt werden, treibt einen die Neugier praktisch ins Nationaltheater, und so vermitteln volle Häuser der nicht ganz so interessierten Öffentlichkeit erfolgreiches Schaffen. Ich meinerseits habe in den ersten drei Monaten der neuen Spielzeit Muse genug, sage und schreibe sieben kurze Opernreisen nach Hamburg, Leipzig, Zürich und Wien zu unternehmen, und es ist keineswegs so, daß ich darüber sehr glücklich bin. Vielmehr möchte ich das Haus am Max-Joseph-Platz in vollem künstlerischen Glanz erleben – ein Wunsch, den ich angesichts der sich zu zementieren drohenden Verhältnisse am Haus wohl mit ins Grab nehmen muss.

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