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Münchener Opernfestspiele: Lohengrin am 29. Juli

Juli 30, 2010

Es gab Lohengrin vor Kaufmann in München und es gibt ihn auch nach Kaufmann oder besser gesagt ohne ihn. Nach meinem unmassgeblichen Eindruck hat sich Robert Dean Smith in der gestrigen Vorstellung selbst übertroffen und hat einen Vergleich mit dem Vorgänger in der Rolle keineswegs zu scheuen. Wie denn, werden Sie fragen, der unvergleichliche Jonas Kaufmann war doch der Münchener Premieren-Lohengrin. Ich gebe ihnen meine Antwort: RDS hat Lohengrin mit den ihm zur Verfügung stehenden darstellerischen und stimmlichen Mitteln interpretiert und diese bestmöglich eingesetzt und ausgeschöpft. Darstellerisch fügte er sich in die ungewöhnliche Inszenierung akzeptabel ein. Stimmlich ging er seinen eigenen, lyrischeren Weg. Bei mir gewann er mit gutem Ausdruck, klarer Intonation, stilsicherem Legato, dynamischer Stimmführung, ausgezeichneter Diktion – eine Verpersonifizierung der Rolle und die damit verbundene Publikumshysterie brauche ich persönlich bei Lohengrin eigentlich nicht. Und die Fokussierung auf den musikalischen Gehalt reduziert die Wirksamkeit Lohengrins keineswegs. Ich bedauere es im Nachhinein, mir nicht auch die erste Vorstellung der Festspielserie angesehen zu haben. Und eine Anmerkung für Leser, die mich jetzt wegen blasphemischer Äusserungen gerne verprügeln würden: Ja, ich habe gehört, daß zu Beginn des dritten Aufzuges sich leichte Unsicherheiten einschlichen (vielleicht aus Nervosität) und ja, ich bin der Meinung, daß er die sich anschliessende Gralserzählung auf seine Art, grandios, gemeistert hat.

Als Elsa hatte man wieder Anja Harteros engagiert, schmerzlich vermisst in Don Carlo, aber selbstverständlich auch bei Lohengrin am richtigen Platz. Angelica Harteros würde ich sie gerne nennen, so himmlisch flutet sie mit ihrer grandiosen Stimme den großen Raum des Nationaltheaters. Jedes Stück mit ihrer Beteiligung war ein Highlight des Abends. Elsas Traum, Ihr Lüften, im Duett mit Ortrud seien hier stellvertretend für meine Gänsehaut-Momente genannt.

Waltraud Venus Meier war als Ortrud zu Gast, auch sie eine betörende Bühnenerscheinung. Sie hatte offensichtlich in die Inszenierung eingegriffen und sich etwas Schickes zum Anziehen aus dem Fundus besorgt. Jedenfalls sah sie in ihrem Hosenanzug um Längen besser aus als sie mit der Original-Schlaghose mit blöder Weste hätte aussehen können. Ihre Bühnenpräsenz würde vermutlich einen Sandsack zum Leben erwecken; stimmlich fand ich sie ausgezeichnet, kann mich dem Eindruck nicht anschliessen, Ortrud liege ihr mittlerweile zu hoch. Bemerkenswert ihre Diktion auch in exponierteren Lagen. Tolle Leistung.

Günther Groissböck sang einen formidablen König Heinrich, Evgeny Nikitin den Heerrufer in bewährter Manier (nur manchmal etwas bellend). Keinerlei Einwände meinerseits ebenfalls gegen Wolfgang Kochs Telramund.

Nagano ist an den letzten Festspieltagen im Dauereinsatz. Möglicherweise ist das eine plausible Begründung für etwas schwächelnde Präsentationen. Obwohl mir sein Lohengrin nach wie vor sehr zu Herzen geht, fehlte mir dieses Mal das aufregende Vorspiel, das für „unsere Verhältnisse“ fast ein bisschen derb daherkam. Auch sonst fehlte mir gestern etwas orchestrale Raffinesse, Reklamationen auf hohem Niveau. Dennoch ein bemerkenswerter Opernabend.

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