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Münchener Opernfestspiele: Dialogues des Carmélites

Juli 10, 2010

Hat man sich auf die szenische Umkehrung des Poulenc-Schlusses von Dialogues des Carmélites durch den Regisseur Tschnerniakow eingestellt oder umgestellt, darf man beim Besuch dieser Inszenierung auf ein Erlebnis der Extraklasse erwarten. Ich kann mich an keinen Abend dieser Saison an der Bayerischen Staatsoper erinnern, der mich tiefer bewegt hätte.

Schon die Entstehung des Spiels aus dem lärmenden Umfeld einer geschäftigen Menschenmenge, der Übergang zu der leeren Bühne und zu Blanche mit ihren Zweifeln, das Auftauchen der Gartenlaube mit der abschlossenen Karmel erzeugt eine Art bange Spannung. Das intensive Spiel der Frauen, das ein Spektrum zwischen abgeklärter Gelassenheit bis explosivem Gefühlausbruch umfasst, aber nie Resignation zeigt, ist perfekt abgestimmt auf Poulencs Musik. Das Bayerische Staatsorchester enthüllte mit Kent Nagano ein Wunderwerk an instrumentalen Farben und Spannungsfeldern, die das Spiel auf der Bühne erweiterten und vertieften. Das spürbare commitment des gesamten Orchesters, das sensibel und immer kontrolliert auf Naganos Dirigat reagierte, entlockte der so wenig theatralisch scheinenden Musik große Intensität und Emotionen. Faszinierend fand ich die instrumentalen Ein- und Überleitungen der einzelnen Szenen, die in ihrer musikalischen Vielfalt unerschöpflich scheinen. Zur Beschreibung der Passagen Englischhorn-Oboe-Klarinette fehlen mir fast die Worte; überirdisch schön aber auch zum Weinen trostlos. Dieser Abend gehört wahrscheinlich zu den wenigen, an die ich mich erinnern werde solange ich lebe.

Es sangen die Künstler/innen der Premiere mit Ausnahme von Felicity Palmer, deren überzeugender Auftritt als Madame de Croissy wesentlich zu dem runden Eindruck des Abends beigetragen hat. Der Schlussapplaus war ausserordentlich lebhaft und lange für eine Oper dieser Art bei nicht ganz ausverkauftem Haus. Es gab zu Recht Bravi für die Sängerinnen der Hauptrollen. Kent Nagano wurde frenetisch gefeiert (an diesem Abend nicht nur angesichts der Umstände sondern für die eigene Leistung und die seines großartigen Orchesters).

Ich hatte dieses Mal eine Karte erste Reihe dritter Rang, allerdings wurde auch dort bei einer der letzten Szenen die Sicht auf die Köpfe der Sängerinnen durch die bauliche Konstruktion mit den Holzstreben verdeckt. Empfehlenswert sind wahrscheinlich nur Plätze bis maximal zweiter Rang, um volle Sicht auf die Akteurinnen zu haben und Ärger über die Aussicht auf kopflose Personen zu vermeiden.

Die Darsteller:
Marquis de la Force – Alain Vernhes
Blanche de la Force – Susan Gritton
Chevalier de la Force – Bernard Richter
Madame Lidoine – Soile Isokoski
Mère Marie – Susanne Resmark
Madame de Croissy – Felicity Palmer
Soeur Constance – Hélène Guilmette
Mère Jeanne – Heike Grötzinger
Soeur Mathilde – Anaïk Morel
L’aumônier – Kevin Conners
1er commissaire – Ulrich Reß
2ème commissaire – John Chest
L’officier – Christian Rieger
Le geôlier – Levente Molnár
Thierry – Rüdiger Trebes

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One Comment leave one →
  1. Juli 13, 2010 18:53

    Der Rezensent der Süddeutschen hatte einen ähnlichen Eindruck wie ich und schreibt am 12. Juli: „Die Musik, die auf eine ‚Mischung aus Ängstlichkeit und Innigkeit‘ zielt, wird von Nagano und dem gut eingestimmten Staatsorchester in bestechender Klarheit interpretiert, in der – das klingt wie ein Widerspruch, ist aber wohl das Geheimnis dieser Interpretation – große Emotionen aufscheinen.“

    http://www.sueddeutsche.de/55V38B/3447442/Mit-grosser-Emotion.html

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