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Bayerische Staatsoper: Tosca-Premiere

Juni 29, 2010

Da hier viele vergebens nach einem Kommentar zur gestrigen Tosca-Premiere suchen, hier meine 2 Cent. Und keinen mehr.

Selbst eingefleischten Kaufmann-Fans im ausverkauften Münchener Nationaltheater schien nicht zu entgehen, daß der Abend nicht das halten würde, was man sich von ihm erhoffte, was wir uns endlich mal wieder wünschen und was dem „Haus“ gut täte – eine richtig schöne Premiere. Tosca wäre als Sujet und musikalisch dafür geeignet wie wenige Opern. Vergebene Chance.

Die von der Met übernommene Neuinszenierung von Luc Bondy (Debütant in München) hatte in New York einiges Aufsehen erregt durch für den dortigen Geschmack grenzwertige Szenen, die das Münchener Publikum bestenfalls müde belächelt. Geliefert wurde eine inspirationsfreie Personenregie in braungrauem Backsteingemäuer. Ich würde vorschlagen, am Marstallplatz statt eines teueren Pavillons mal Bachlercity, einen Erlebnisspielplatz (der Sonderklasse,versteht sich), aufzubauen, denn genug klotziges Gemäuer sollte in den Bühnenbild-Magazinen inzwischen herumstehen.

Nicht klagen kann ich über die musikalische Seite. Das Staatsorchester unter Fabio Luisi klang in den Streicherstimmen satt und samtig, sehr fein die Holzbläser, hinreissend die klagende Klarinette. Insgesamt war das Tempo langsam und gelegentlich deutlich zu laut.

Die prominente Sängeraufgebot in den Hauptrollen enttäuschte nicht. Unerwartet warm auch in den höheren Bereichen klang Karita Mattilas Tosca, deren etwas ältliche Darstellung allerdings den guten Eindruck abschwächte. Nach dem „Vissi d’arte“ verlor ihr Gesang deutlich an Intensität, wobei ich mir nicht sicher bin,ob es sich dabei nicht um ein gestalterisches Element handelte, das zu Toscas Rollenporträt gehörte. Juha Uusitalo hinterliess als Scarpia darstellerisch wenig Eindruck, obwohl er im zweiten Akt die „schärfsten“ Szenen hatte. Stimmlich hat mir sein eher heller Bariton durchaus zugesagt. Selbst Jonas Kaufmann, dessen geschmettertes „Vittoria“ nicht nur den Kronleuchter beben liess und dem vor allem „E lucevan le stelle“ ausnehmend ausdrucksvoll gelang, schaffte es nicht, aus der szenischen Lethargie auszubrechen. Auch seine Darstellung blieb eher farblos.

Der Abend blieb mit Ausnahme punktueller Glanzlichter vieles schuldig. Bei mir stellte sich weder Spannung noch Bewegung ein, keine Aufregung und keine Langeweile. Ich nahm die guten Leistungen anerkennend wahr und das war es.

Die zwei bis drei Buhs von der Galerie über mir für Karita Mattila und Juha Uusitalo provozierten keinen Bravosturm des übrigen Publikums wie sonst üblich. Weitere drei bis fünf Buhs für den Dirigenten Fabio Luisi kann ich nicht recht nachvollziehen, zumal das Regieteam ungeschoren davon kam. Vielleicht waren die Buher ja nachtragende Dresdner. Jonas Kaufmann erhielt zurecht Ovationen für seine überragende Gesangsleistung. Insgesamt war der Applaus für eine Premiere lau und sehr kurz.

Ich gebe Tosca mindestens noch eine weitere Chance, denn ein paar Karten habe ich noch. Dann werde ich auch von einem besseren Platz die Bühne voll einsehen können. Und vielleicht komme ich dann ja auch zu einem ganz anderen Ergebnis, denn ich glaube fest, daß man als Zuschauer auch selbst ein Teil der Aufführung ist, und vielleicht bin ich beim nächsten Mal einfach besser.

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4 Kommentare leave one →
  1. operanuts permalink
    Juni 29, 2010 20:43

    Bachlercity Main Street : Lohengrins Niedrigenergiehaus, Jenufas Pfahlbauwohnzimmer, Aidas Lehmhütte, Karmeliterin Blanches Vogelvoliere, Die Pyramide des Teufels, Medeas Sparkasse mit Antikgiebel – bestimmt eindrucksvoll! 🙂
    Wir gehen nochmal – nicht alle hatten ihren besten Tag.

    • rossignol permalink
      Juni 30, 2010 14:53

      Und für die, die es lieber etwas enger haben, gibt es Macbeth’s Einmann-Zelt.
      Klar gehen wir nochmal, Hoffnung bleibt immer.

  2. Dr.Eckehard Piper permalink
    Juni 30, 2010 06:43

    Ein am 24.6.2010 in der Traviata in Zürich offensichtlich schlecht gelaunter Kritiker,mit so wenig Sachverstand und z.B. ohne Gefühl für die einzigartige Stimme und Ausstrahlung von Frau Fleming,die unglaubliche Körpersprache und Mimik und die Gabe, Freud und Leid so einzigartig zu vermitteln,dass Zuschauern die Tränen kamen, und der gleich mit einer Publikumsbeschimpfung beginnt, sollte sich mehr zurückhalten.Schon gar nicht sollte er sich Frau Flemming als Marschallin anhören.Das wäre „Perlen vor die Säue zu werfen“.Der ganze Abend war ein wundervolles Erlebnis. Es ist schon erschreckend mit welcher Unkenntnis sich manche Leute an die Kritk von solchen Weltstars wagen.

  3. rossignol permalink
    Juni 30, 2010 14:55

    Wenn Sie ein schönes Erlebnis hatten, ist doch alles in Ordnung und ich freue mich für Sie.

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