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Zürich: La Traviata 24. Juni 2010

Juni 27, 2010

Im Gegensatz zum Vorabend, an dem sich viele Jugendliche in den seitlichen Rängen drängten, versammelte sich an diesem warmen Sommerabend übliches Festspielpublikum im angenehm klimatisierten Zürcher Opernhaus, allerdings deutlich geschwätziger als anderswo. Ouvertüre und ähnlicher instrumentaler Kram wurden mit Plaudereien sinnvoll ausgefüllt, Schlüsselstellen, vor allem Arien, dem jeweiligen Partner ausgiebig erläutert. Von selbst versteht es sich da, daß nach Violettas Arie auf dem Sterbebett „Addio del passato“ heftig applaudiert wurde.

In einem solchen Umfeld kann man direkt von Glück sprechen, wenn die gebotene Aufführung nicht so unter die Haut geht, wie sie gehen könnte, wenn alles passen würde.

Der Abend war meine erste Live-Begegnung mit Renée Fleming. Ich erwartete keine Wunderdinge, wurde also keineswegs enttäuscht, bin allerdings der Meinung, daß Violetta für diese Sängerin die absolut falsche Rolle ist. Im Nachhinein las ich, daß die Zürcher Serie ihr letzter Auftritt als Violetta sein sollte, ob nur in Zürich oder überhaupt, bleibt unklar. Natürlich sang sie besser als manch andere Sängerin, allerdings blieben bei dem erkennbaren Potential der Stimme einige Wünsche offen: das krass misslungene „Sempre libera“ mangels adäquater Koloraturfähigkeit zum Beispiel und die mich besonders störende Artikulation, die fast keine Konsonanten hörbar macht. Die Darbietung hörte sich über weite Strecken gequetscht und überanstrengt an. Die lyrischen Passagen gelangen deutlich besser. Schade, daß ich Renée Fleming als Feldmarschallin nicht erleben kann; diese Rolle wird ihrer Stimme und Bühnen-Persönlichkeit mit Sicherheit besser zusagen.

Im richtigen Fach hingegen bewegt sich Piotr Beczala als Alfredo. Ich habe ihn selten so unbeschwert singen gehört. Die hohen Töne entfalteten sich von Anfang an scheinbar von selbst, und an lautmalerischen Nuancen zur Darstellung einer Rolle mangelt es seiner expressive Stimme ohnehin nicht. Einmal mehr und gar nicht oft genug mag ich die Diktion unterstreichen und das wunderbare Legato, das ihn heraushebt aus der Riege der Spitzentenöre. Ein Sänger ohne stimmliche Mätzchen, dessen Stimme sich in ihm wohlfühlt, ein „vokaler Barzahler“, wie ich das nenne (die Bezeichnung habe ich mal für Anja Harteros gelesen, die ich auch zu dieser Kategorie zähle).

Thomas Hampson als Georgio Germont hatte in der ersten Szene mit Violetta seine stärksten Momente wie auch in der Geldszene, wenn die Stimme sehr fokussiert und bestimmt klingt. Der Schlussszene hingegen hätte eine Prise Emotion und Wärme gut getan.

Mit einer passenden Violetta hätte dieser Abend ein großer Opernabend werden können, betrachte ich Piotr Beczala alleine, war es zweifelsohne ein großer Abend. Starker Applaus und Bravi für alle Künstler.

Bewusst äussere ich mich nicht zur Allerwelts-Inszenierung von Jürgen Flimm. Beliebige Bühne aus sechs beweglichen Platten, aus denen unterschiedliche Räume gestaltet werden, in denen die Akteure in traditionellen Kostümen bewegen, wie sie das üblicherweise in solchem Ambiente tun. Violetta stirbt erwartungsgemäß im Eisenbett. Oder doch auf dem Boden?

Das gut disponierte Orchester der Zürcher Oper dirigierte Carlo Rizzi. Der Chor war wie schon am Vorabend ganz vorzüglich.

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