Skip to content

Zürich: Der Freischütz 23. Juni 2010

Juni 27, 2010

Zürich steht für kulinarische Opernaufführungen. Daß Kulinarisches nicht zwangsläufig oberflächlichen Genuss bedeuten muss, bewies die Wiederbelebung einer älteren Inszenierung der genialen Ruth Berghaus, in die ich unverhofft geriet, hatte ich doch aus rein kulinarischen Gründen die Vorstellung wegen des Sängers des Max gebucht.

Freischütz ohne Wald, Forsthaus und Wolfsschlucht. Geht das überhaupt? Es geht, wie man aus vielen Inszenierungen anderenorts weiss, aber es geht nicht immer gut. In Ruth Berghaus‘ Inszenierung bildet ein abstraktes Bühnenbild aus variablen Holzplatten die Kulisse für Jagdtreiben, Forsthaus und Wolfsschlucht. Ländliche Jagdidylle sucht man vergebens. Jäger und Bauern sind düster gekleidet; es gibt keinen zeitlichen Bezug, ich würde die Geschichte Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt sehen. Wieviel von der Ursprungsinszenierung in der Wiederaufnahme erhalten wurde, weiss ich nicht, die Intention glaubte ich jedenfalls zu erkennen.

Besonders beeindruckt hat mich die Wolfsschlucht, die von zwei großen V-förmig schräg gestellten Holzplatten gebildet wurde, an deren Rand Kaspar dem glücklosen Max die Freikugeln goss. Dem Grund der Schlucht entstieg nicht nur das teuflische Feuer zum Guss der Kugeln sondern statt Nebelschwaden leibhaftige Geister, die spinnenartig die Wände der Schlucht erklimmen während Samiel mit satanischer Kälte das Treiben beobachtete.

Ruth Berghaus Inszenierung lenkt die Aufmerksamkeit neben der Musik auch auf den Text, indem sie die Geschichte mit einem Augenzwinkern erzählt, das pathetischen Schwulst entkrampft, wodurch ich den Freischütz als Gesamtwerk wahrgenommen habe und nicht wie sonst, auf die Schönheiten der Musik reduziert.

Der Dirigient Peter Schneider war die Quelle für die Klasse des Abends. Er befeuerte das Orchester der Zürcher Oper zu einer musikalische Glanzleistung und koordinierte das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben grandios.

Kurt Rydls etwas bellender Gesang war als verschlagener Kaspar sogar passend. Martin Gantner (Ottokar) klang mir etwas wenig sonor. Allerliebst und choregrafisch exzellent wanden die vier Brautjungfern (Sängerinnen aus dem Opernstudio) den Jungfernkranz unter der Anleitung von Malin Hartelius (Ännchen), die als eine Art Zeremonienmeisterin das Geschehen im Forsthaus lenkte. Neben der Qualität ihrer Stimme verdient ihr fast kabarettreifes Spiel hervorgehoben zu werden; hier ist Ruth Berghaus‘ „Augenzwinkern“ ganz offensichtlich, bei Ännchen allerdings auch in der Partitur verankert.

Peter Seifferts Spiel muss man nicht eigens hervorheben, dafür sang er den Max zu gut, obwohl seine szenische Darbietung gelegentlich schmunzeln liess, denn die Bühne hatte für ihn so ihre Tücken. Beim Schlussapplaus bedankte er sich überschwenglich bei der (unsichtbaren) Souffleuse, die phänomenale Arbeit geleistet haben muss, denn sie war so gut wie nicht zu bemerken. Peter Seifferts Spitzentöne kamen mühelos; mit vielfarbigen Nuancen gestaltete er Max‘ Befindlichkeit. Wer soll ihm das nachsingen? Petra Maria Schnitzer bestätigte als Agathe den ausgezeichneten Eindruck, den sie schon als Elisabeth zu Anfang des Jahres in München auf mich machte: große Ausdruckskraft, nur leichte Schärfen in der Höhe, schönes Timbre.

Lebhafter Applaus des etwas schwatzhaften Publikums beendete den ansonsten erfreulichen Auftakt meines Besuches der Zürcher Festspiele.

Carlos Kleiber und das Sächsische Staatsorchester

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: