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Zürich, Rusalka und ich

Juni 14, 2010

Antonin Dvoraks Rusalka ist mir lieb und teuer. Vor allem teuer, könnte man meinen, nachdem ich mein Ticket für die erste Vorstellung der Neuinszenierung am Zürcher Opernhaus aus beruflichen Gründen verfallen liess. Gestern nun war mein zweiter Anlauf, und ich freute mich sehr darauf, zumal ich über die Produktion nur Positives gehört hatte. Ich freute mich vor allem, Piotr Beczala mal als Prinzen zu erleben.

In Opern-TV – das gibt es auch in Zürich – bemerkte der Dirigent Vladimir Fedoseyev zur Komposition Dvoraks, daß man diese getrost auch ohne Sänger spielen könne und sie dabei von ihrer Wirkung nichts einbüße. Der Beweis für seine Behauptung hätte nun nicht gerade bei meinem einzigen Besuch in dieser Oper angetreten werden müssen; seine These weise ich nach diesem Abend aber nicht von der Hand.

Lange Rede kurzer Sinn: Nach erheblich verspätetem Einlass wegen der nach einer Nachmittagsvorstellung nicht fertiggestellten Bühne erfuhr das staunende Publikum, daß es auf einen singenden Prinzen verzichten müsse. Piotr Beczala habe beim Einsingen festgestellt, daß seine Stimme weg war. Innerhalb einer Stunde habe man keinen Ersatz auftreiben können, so daß Herr Bezcala zwar spielen würde, singen könne er nicht. Nun gut, das kann man nicht ändern. Natürlich war ich enttäuscht, mehr aber ärgerlich, denn diese Änderung hätte man dem lange vor den geschlossenen Eingängen wartenden Publikum vorher mitteilen können. Ich beispielsweise wäre dann sofort nach Hause zurückgefahren, nicht etwa weil ich die anderen Sänger nicht schätzte, sondern wegen des schlechten Wetters und der Aussicht auf dreieinhalb Stunden Autobahn, die ich wegen eines stimmlosen Prinzen und einer ohnehin über weite Strecken stummen Rusalka nicht unbedingt nach Mitternacht antreten wollte. Letztlich ging ich dann in der Pause nach dem zweiten Akt nach einer den Umständen entsprechenden Vorstellung mit der neu gewonnenen Erkenntnis, daß Piotr Beczala entgegen weitverbreiteter Ansicht ein ausgezeichneter Darsteller ist. Er sollte öfter in einer Neuproduktion auftreten; sein Rusalka Prinz wirkte trotz des fehlenden Singens authentisch (er markierte mit tiefem, leisem Sprechgesang) und störte den Ablauf der ausgezeichneten Personenregie (Solisten und Chor) nicht.

Einmal mehr begeisterte mich Krassimira Stoyanovas blühender Sopran, vor allem natürlich in dem innigen Lied an den Mond. Michelle Breedt punktete als Fremde Fürstin und Liliana Nikiteanu als karikaturistisch überzeichnete Jezibaba. Alfred Muff deklamierte den Wassermann eher als er ihn sang, während die drei Elfen Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Katharina Peetz mir etwas (auch stimmlich) zu umtriebig agierten. Sehr überzeugend fand ich die darstellerische und gesangliche Leistung des Chores.

Da ich nur zwei Drittel der Vorstellung erlebt habe, kann ich die Neuinszenierung (Regie Matthias Hartmann) in ihrer Gesamtheit natürlich nicht einschätzen. Was ich darstellerisch auf der Bühne sah, war bestes Theater. Das Bühnenbild (Karl-Ernst Herrmann) im ersten und zweiten Akt wirkt durch seine raffinierte Einfachheit. Das leuchtend blaue Iris-Ufer von Rusalkas See des ersten Aktes mit der bedrohlich wirkenden Hochspannungsleitung und der näher rückend scheinenden Großstadt im Hintergrund (Kulisse der Stadt Prag) bildet den Hintergrund für den Festsaal des Prinzen im zweiten Akt, der ansonsten durch Leuchtröhren markiert und durch einen prachtvollen Lüster ergänzt wird.

Während der Ouvertüre zu Beginn der Vorstellung sah man Rusalka auf der trostlos leeren Bühne in Lumpen neben einem Hydranten kauern. Das Ende der Oper schien vorweg genommen. Rusalka verliess den Ort; ihr weisses Kleidchen aus glückverheissenden Tagen flog davon wie ihre Seele.

Jetzt hoffe ich auf eine Wiederaufnahme dieser Rusalka in der nächsten Saison; sie hat einen dritten Anlauf verdient.

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2 Kommentare leave one →
  1. Franz Hainzl permalink
    Juni 14, 2010 17:28

    Sehr geehrte, liebe ‚Rossignol‘!

    Als Piotr Beczalas Generalmanager kann ich Ihnen mitteilen, dass er sich sehr über Ihre verständnisvolle und feinsinnige Berichterstattung über die für ihn äußerst schwierige „Rusalka“-Vorstellung von gestern Abend gefreut hat. Herr Beczala hat darum gebeten, Ihnen das mitzuteilen und zu sagen, dass ihm die wohlwollende Unterstützung des Publikums in besonderem Maß über diesen schwierigen Abend hinweggeholfen hat. Es ist wohl der Alptraum eines jeden Sängers, unmittelbar vor einer Vorstellung festzustellen, dass die Stimme einfach nicht anspricht. Herr Beczala hatte schon ein paar Tage mit einem Infekt zu kämpfen, war allerdings noch gestern Mittag sicher gewesen, die Abendvorstellung singen zu können. Dass es dann ganz anders kam, konnte er da noch nicht wissen. Nachdem es keine Alternativbesetzung vor Ort gab, war die letztendlich praktizierte Variante die einzige „Lösung“, um überhaupt eine Vorstellung zustande zu bringen. Für das ihm entgegengebrachte Wohlwollen und die mentale Unterstützung möchte sich Piotr Beczala bei Ihnen und allen anderen, die gestern die Zürcher Oper besucht haben, herzlich bedanken. Eine Wiederaufnahme der Produktion in der kommenden Zürcher Spielzeit ist allerdings nicht geplant.

    Mit freundlichen Grüßen
    Franz Hainzl

    • Juni 14, 2010 18:20

      Danke für die Zeilen, Herr Hainzl. Grüßen Sie bitte Herrn Beczala, und ich freue mich, ihn bald wieder bei bester Stimme und Stimmung zu erleben. Beim Vorhang nach dem zweiten Akt war deutlich selbst für mich (wie immer ohne Opernglas) zu sehen, daß ihn die Situation bedrückte. Ich kann mir vorstellen, daß so ein Einsatz für den betroffenen Sänger (und auch für die anderen Mitwirkenden) größere Anstrengung bedeutet als eine reguläre Vorstellung. Da man als Opernbesucher An- und Absagen ebensowenig vorher kalkulieren kann wie überwältigende Erlebnisse, nehme ich die Entscheidung des Künstlers, nicht zu versuchen, um jeden Preis zu singen, wie die meisten Besucher zustimmend zur Kenntnis. Mit „Wohlwollen“ hat das eigentlich nichts zu tun. Ein Sänger muss selbst am besten wissen, wie er/sie mit seiner Stimme als Teil seines Körpers umzugehen hat. Dazu muss man weiter eigentlich nichts sagen.
      Viele Grüße
      rossignol

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