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BSO: Die Event – Carmen

Juni 5, 2010

Vielleicht haben manche mein Gejammer noch im Ohr über die Münchener Carmen-Besetzungen der letzten Zeit, hier oder hier. Nun endlich hatten sie mal eine hochkarätige Besetzung engagiert, und ich habe natürlich getan, was alle Freaks vor Monaten getan haben – ich bestellte im schriftlichen Vorverkauf Karten für alle vier Vorstellungen, die ich natürlich wegen der riesigen Nachfrage nicht erhielt. Online war mir dann mehr Glück beschieden, allerdings bin ich nach zwei Vorstellungen froh, daß ich die dritte auslassen „darf“. Das Rezept, eine ausgeleierte Inszenierung durch Hinzufügen einiger Sängerstars zu einem aufregenden Opernabend zu verwandeln, geht nicht auf. Nicht etwa, weil die Zutaten nicht waren wie erwartet; die Inszenierung entpuppte sich als ausgeleiert und die Sänger tragen das Star-Attribut zurecht. Aber vielleicht war es dem Veranstalter auch völlig egal, ob ein aufregender Opernabend zu erleben sein würde, weil Hauptzweck des Rummels der „event“ war? Ist es nicht eigentlich schade, daß ein Opern-event ohne Oper nicht funktioniert? Das wurde die Sache wesentlich erleichtern. und ich hätte mal nichts zu meckern.

In instrumentaler Hinsicht fand ich den ersten Abend ausgezeichnet, das von Karel Mark Chichon geleitete Orchester hatte Schwung, spielte präzise und mit Hingabe, die Soli waren vorzüglich und im positiven Sinne sentimental. Bei der zweiten Aufführung schienen wesentliche Orchesterpositionen anders besetzt. Einen Sinn kann ich als Besucher darin nicht erkennen, allerdings hörte ich manche Stellen schwächer als am Abend vorher.

Schon bei ihrem ersten Auftritt liess mich Genia Kühmeier aufhorchen, deren klarer Sopran als Micaela buchstäblich leuchtete. Am zweiten Abend bestätigte sie diese Leistung und hielt sie bis zum Ende durch. Ildebrando D’Arcangelo war ein optisch erstklassiger Escamillo; stimmlich hatte ich mir etwas mehr versprochen, offenbar ist es schwer, eine Balance zu finden zwischen torreromässigem Gehabe und seriöser Stimmführung. Jonas Kaufmann als Don José schien mir in der zweiten Vorstellung stimmlich etwas freier als in der ersten zu sein. Er spielt den Soldaten zuerst als eine Art naiven Jungen, wird später von Zweifeln an der Zuverlässigkeit Carmens und der Richtigkeit seines Tuns geplagt, um dann in seiner zerstörerischen Eifersucht so aggressiv zu werden, daß er Carmen umbringt. Die Darstellung ist perfekt und vor allem die der Aggression sehr plastisch. Wie schon gesagt, gefiel mir Kaufmanns gesangliche Darstellung am zweiten Abend besser, als er die Stimme mehr strömen liess. Piani singt er zum Niederknien schön, und das Anschwellen der Stimme ist wirklich ein Erlebnis. Höhenprobleme gibt es ohnehin nicht. Seine gute Textverständlichkeit im Vergleich zu den übrigen Sängern des Abends muss man unbedingt hervorheben. Das Timbre wird wohl Geschmacksache bleiben. Das sage ich, die ich dunkler gefärbte Tenöre grundsätzlich mag.

Die Carmen dieser Serie ist Elīna Garanča, eine Sängerin, die ich sehr schätze und die in ihren bisherigen Auftritten an der Bayerischen Staatsoper (Charlotte, Adalgisa) nicht gebührend zur Geltung gekommen ist. Ihre Stimme bewältigt die Carmen-Partie mühelos, sie singt engelhaft und so sieht sie auch aus. Für die Rolle der Carmen wird das eine Hypothek. Durch aufgesetzt wirkende Gesten und Aktionen versucht sie eine verführerische, aufrührerische Zigeunerin darzustellen, was nicht gelingen kann. Bei der ersten Vorstellung war ich leicht peinlich berührt, bei der zweiten Vorstellung hatte man anscheinend manche Geste „entschärft“; mein Eindruck war da: „hilflos“. Das fehlende Raffinement wäre nebensächlich, wenn sie Carmens Charakter (wie ich ihn mir vorstelle) stimmlich entstehen liesse. Dazu aber singt sie zu schön und zu wenig leidenschaftlich.

Diese beiden Carmen-Abende waren natürlich besser als die letzten, denen ich an der Bayerischen Staatsoper ausgesetzt war. Zum vollen Carmen-Glück reichte es jedoch (noch) nicht. Allerdings sollte ich anfügen, daß ich mich mit meiner Meinung vermutlich im krassen Gegensatz zur Mehrheit der Besucher befinde, die in Bizet- oder Kaufmann-Seligkeit schwelgten , so genau weiß man das ja immer nicht.

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