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BSO: Die Entführung aus dem Serail

Mai 30, 2010

Während in Oslo Lena Meyer-Landrut als liebestolle Satellitin mit frisch gemachten Haaren und in zweimal getragener Unterwäsche den Song Contest für sich, Raab und Deutschland gewann, schwebten im Münchener Nationaltheater mal wieder grellbunte türkische Kanapees wie fliegende Teppiche über die Bühne.

Ich fand diese Inszenierung der Entführung aus dem Serail schon immer etwas amputiert. Ich mag zwar die Idee, die Geschichte von einer türkischen Frau in ihrem Balanceakt zwischen Tradition und modernen Lebensformen erzählen zu lassen, dennoch wirkt dadurch die Oper eher wie eine Nummernrevue, auch wenn der weggefallene Originaltext teilweise wirklich albern ist. Da der musikalische Teil des Abends sich als sehr erfreulich entpuppte, stellte sich auch nach zwei Akten schwebender Sofas noch nicht die bei mir übliche szenische Langeweile ein und ich blieb trotz taschentuchloser, hustenkeuchender Kinder bis zum Ende.

Den Abend der guten Eindrücke eröffnete Charles Castronovo (Belmonte), der schon bei seiner Aufrittsarie mit sauber geführter Stimme, innigem Ausdruck und ohne Überdruck mich für sich einzunehmen wusste. Baritonal gefärbte Tenorstimmen gefallen mir bekanntermaßen; wenn sie auch noch funkelnde Höhen erzeugen können – um so besser. Als Osmin trat wieder Peter Rose auf, kein ganz schwarzer Bass, sehr spielfreudig und stimmlich auf der Höhe. Er verdrosch den für Ks. Kevin Conners kurzfristig eingesprungenen Cosmin Ifrim (Pedrillo) derart echt wirkend, daß ich um dessen weiteren Einsatz fürchtete (und mich ausserdem zum ersten Mal fragte, ob die Verharmlosung ausgeübter Gewalt in dieser Oper wirklich für kleine Kinder geeignet ist). Pedrillo indessen ist bekanntermaßen zäh und Cosmin Ifrim entpuppte sich als sehr kultiviert singender Tenor, der Pedrillo nichts klamaukiges mitgab. Gefiel mir gut.

Ziemlich begeistert hat mich Olga Peretyatko als Blonde. Welch runde, warmtimbrierte und doch kapriziöse Stimme ohne jede Schärfe! Toll. Jane Archibald bewältigte die mörderhafte Abfolge ihrer beiden großen Arien bravourös und war eine makellose Konstanze. Für meinen persönlichen Geschmack ist ihre Stimme bei aller Virtuosität etwas zu unpersönlich, statuarisch. Schliesslich geht es um Martern aller Arten.

Die musikalische Leitung des Abends war Johannes Debus anvertraut, der den Abend unauffällig und sicher leitete. Dem Chor hätte etwas mehr vokale Differenzierung vor allem beim Auftritt als Janitscharen gut bekommen können.

Der für eine Repertoirevorstellung sehr gelungene Abend verleitet mich fast, noch eine Vorstellung der Serie zu besuchen, falls sich die Gelegenheit ergibt.

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