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Salzburg: Betulia Liberata I & II

Mai 26, 2010

Gleich dreimal war ich Zeuge der Befreiung Betuliens an diesem Pfingstwochenende. Nachdem der Ferienverkehr mich einen Teil des Mozart-Werkes (Oper oder Oratorium?) gekostet hatte, gönnte ich mir auch die zweite Aufführung am Pfingstsonntag.

Mozart

Bild: Salzburger Festspiele

Wer Riccardo Muti als Operndirigenten erleben möchte, weiss in der Regel um das Risiko. Szenische Aufreger sind unter seiner Stabführung nicht zu erwarten. Im vorliegenden Fall gelang es selbst Mutis eleganter Mozart-Interpretation nicht, die von der Bühne wabernden Staubwolken zu vertreiben. Was soll ein Regisseur aber auch mit einem Stoff anfangen, von dessen Handlung (die Rettung Betuliens durch Judiths Mord an Holofernes) auf der Bühne nur erzählt wird. Im abstrakten Bühnenbild, das ein Gebilde in der Art der letztjährigen Moise-Aufführung enthielt, ließ der Regisseur Solisten und Chor in tableauartigen Szenen auftreten. So blieb mir Zeit für Gedanken wie solche, daß dieser Stoff über starke Frauen und eher schwache Männer etwas für Konwitschny hätte sein können, dem dazu sicher mehr eingefallen wäre.

Mozarts betont in seiner Betulia liberata die Rolle der Frauen. Sie sind die Aktiven. Sie mahnen und tun, während die Männer beten und reden. Überzeugend waren die Darstellerinnen dieser Frauen, mir bisher sämtlich unbekannt, Alisa Kolosova als Giuditta mit kraftvoll warmem Mezzo, Maria Grazia Schiavo als Amital mit wunderbar biegsamem Sopran. Die beiden Volksanführer Cabri und Carmi, bei Mozart ebenfalls Frauenstimmen, waren ebenfalls stark besetzt mit Barbara Bargnesi und Arianna Vendittelli.

Am besten gefiel mir jedoch Michael Spyres, der als Ozìa nicht nur die schönsten Melodien singen darf, sondern vor allem auch in den langen Rezitativen sehr gefordert wird. An beiden Abenden erbrachte er eine Glanzleistung, mit geschmeidiger Stimme sicher intonierend und durchaus bewegendem Ausdruck in den beiden Gebetszenen. Nahuel Di Peiro brillierte als Achior, Ammoniterfürst, den Judiths Taten und Ozias Redekunst schlußendlich zum Glauben an den einen Gott bekehren.

Schon die Ouvertüre zu dieser sog. Azione Sacra klingt für mich so gar nicht nach dem 15jährigen Mozart und auch nach dem zweiten Hören und der Beschäftigung mit Metastasios Libretto kann ich nur darüber staunen, wie seriös sich so ein junger Mensch, wenn auch Wunderkind, mit einem derartig sperrigen Stoff auseinandersetzt.

Wie sehr mir die musikalische Gestaltung durch das vorzügliche Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter Riccardo Muti zusagte, ist an der Wiederholung meines Besuches erkennen. Zu hören waren satter Streicherklang und perfekte Technik; die sehr gute Abstimmung zwischen Bühne und Orchester kam den Sängern zugute. Tiefgründigeres Schürfen in der Partitur eines 15jährigen wäre dem Abend nach meiner Ansicht nicht bekommen.

Eine Wahrnehmung, die mir besonders am zweiten Abend unangenehm aufgefallen ist, an dem ich im zweiten Rang Mitte rechts des Haus für Mozart saß: Aus mir unerklärlichen Gründen hat man jeweils die großen Chorszenen am Ende von Akt 1 und von Akt 2 elektronisch verstärkt, allerdings derart stümperhaft, daß Originalklang und Verstärkerklang leicht zeitversetzt mein Ohr erreichten und meine Aufmerksamkeit eher vom Lautsprecher als von der Bühne angezogen wurde. Höchst ärgerlich.

Niccoló Jommelli

An das Ende des Pfingstfestivals setzte Riccardo Muti die konzertante Aufführung einer weiteren Betulia Liberata Vertonung durch Niccoló Jommelli (1717-1774). Es gibt einen Zusammenhang der bei diesen Pfingsfestspielen vorgestellten Musikern. Jommelli traf den damals 14jährigen Mozart in Neapel; beide vertonten das gleiche Libretto Metastasios. Auch zwischen Johann Adolph Hasse und Jommelli besteht eine Verknüpfung, da Hasse Jommelli auf einen Kapellmeisterposten in Venedig empfahl. Und Mozart soll Hasse sehr bewundert haben.

Schon die Ouvertüre zu Jommellis Oratorium lässt aufhorchen, die nichts von den rhethorischen und tatsächlichen Kämpfen erahnen lässt, von denen die Vokalsolisten zu berichten haben. Die Ouvertüre klingt eher wie Musik mit Flügeln, wie überhaupt der Instrumentalteil der Komposition durchgängig eine fast tänzerische Leichtigkeit beinhaltet, die das Orchester scheinbar natürlich aufnahm.

Auch diese Aufführung war mit glänzenden Sängern besetzt. Eine Entdeckung ist Terry Wey in der Rolle des Ozia, dessen Countertenor sich so natürlich wie eine Naturstimme anhört und dabei die schwierigsten Koloraturen mühelos wie nicht hinlegt. Bei Jommelli wird Carmi durch eine Männerstimme dargestellt. Von dem jungen lyrischen Tenor Dmitry Korchak wird man zukünftig sicher noch einiges erwarten dürfen. Der Bassist Vito Priante sang in dieser Vorstellung Achior. Laura Polverelli, die ich zuletzt als Giovanna Seymour in Catania erlebt habe, trat als Giuditta auf. Mit warm strömendem Mezzo behauptete sie sich in der Runde der drei starken Männer.

Auch die Begegnung mit dieser Auflage der Betulia war durchaus lohnend. Ovationen in der Felsenreitschule für Riccardo Muti und sein Orchester, starker Beifall für die Sänger.

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