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Salzburg: Lamentationes

Mai 24, 2010

Es gab sozusagen „kein Entrinnen“ von den Lamentationes, nachdem ich mich schon mal für Pfingsten in Salzburg entschieden hatte. Italienische Kirchenmusik der Passionszeit wäre freiwillig sicher nicht meine Wahl für einen Frühsommer-Sonntag gewesen.

Das Programm der Matinée im Haus für Mozart enthielt Musik des frühen 18. Jahrhunderts. Ich will es aufschreiben, weil es in der Zusammenstellung sicherlich einzigartig ist.

Alessandro Scarlatti (1660-17125)
Miserere a 9 voci

Leonardo Leo (1694-1744) oder Giuseppe Corsi (um 1690 gest)
Heus nos miseros a 9 voci für Doppelchor

Leonardo Leo
Judica me a 4 voci
Eripe me, Domine a 4 voci

De Lamentationes Jeremiae Prophetae
für Sopran und Basso continuo

Miserere a 8 voci für Doppelchor

Antonio Caldara (um 1670-1736)
Crucifixus a 16 voci

Domenico Scarlatti (1686-1757)
Stabat mater
a 10 voci mi b.c.

Les Arts Florissants waren die Künstler dieser Matinée, ein an diesem Tag aus 20 Sängerinnen und Sängern bestehender Chor, der in unterschiedlichen Formationen auftrat. Sie wurden fast unmerklich begleitet von einem Basso continuo Ensemble, bestehend aus Orgel, Violoncello und Theorbe. Opulentere Instrumentierung war zu der Zeit in der Kirchenmusik der Advents- und Passionszeit insbesondere in Rom und Neapel, aber auch in Österreich, nicht erlaubt. Theatralische, weltliche, Effekte sollten aus der Liturgie ferngehalten werden. Die sich aus der Musik und vor allem aus der Umsetzung der Worte in Musik ergebende Dramatik erfuhr eine besondere Entwicklung. Unabhängig davon wie man zu religösen Themen steht, glaube ich nicht, daß man von dieser Musik im Konzertsaal unbeeindruckt bleiben kann.

Die Kunstfertigkeit der Sänger, die die polyphonen Wunderwerke hörbar machten, überdeckte in keinem Moment den Zweck der Kompostionen, die liturgischen Zwecken dienten. Besonders deutlich wurde dies bei dem ersten Miserere, bei dem ein Teil des Gesanges mit fast laienhaften Stimmen aus dem bühnentechnischen Nirwana erklang, und sich in meinen Ohren wie echter Gottesdienst anhörte.

Herausragendes Stück im ersten Teil waren für mich „De Lamentationes Jeremiae Prophetae“, ein nach Art einer Arie mit Rezitativ gestaltetes Klagelied des Propheten Jeremias, virtuos und anrührend gesungen von einer Chorsolistin. Die Stimmen von Les Art Florissants klingen generell sehr solistisch. Das mag mit der Art des Konzertrepertoires zu tun haben oder auch mit der Chorphilosophie, keine Ahnung.

Der absolute Höhepunkt des Konzertes war Domenico Scarlattis Stabat Mater, vielleicht sogar überhaupt der Höhepunkt dieser musikalischen Pfingsttage, die allerdings noch nicht zu Ende sind. Scarlattis Stabat Mater ist ein unglaublich komplexes, stimmlich vielfach verknüpftes Werk, mit vielen Facetten, dessen ergreifender Text noch dazu einfach schön ist.

Der sehr entschieden und dabei bescheiden auftretende Paul Agnew leitete die Matinée, schenkte dem Publikum zwei Zugaben von Henry Purcell, ehe er es augenzwinkernd zum Lunch schickte.

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