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Deutsche Oper Berlin 1. Ringzyklus: Walküre

April 19, 2010

Eine gelungene Walküre war der Lohn für die durch den isländischen Ascheregen unerwartet strapaziös gewordene Reise von und nach Berlin.

Violeta Urmana, als gelernter Mezzo eine schönstimmige Sieglinde mit pastoser Tiefe, voluminöser Mittellage und der erforderlichen dramatischen Höhe, überraschte weniger mit der von mir erwarteten grandiosen Gesangsleistung als mit ihrem durchdachten und stets anrührenden Spiel. Ebenfalls keine Überraschung aber mit der Vehemenz der Darstellung unerwartet, war meine erste Begegnung mit Evelyn Herlitzius. Ihre Brünnhilde ist eine ungestüme Jugendliche, ein hochbegabtes, heissblütiges Mädchen, dem der Vater Wotan ein angebetetes Vorbild ist. Dazu passt ihre mädchenhafte Erscheinung, die eine Stimme von der Kraft eines betörenden Vulkans verbirgt.

Mark Donovan erfüllt die Wotan-Norm (noch) nicht; dennoch gefiel er mir. Die Stimme scheint nicht sehr gross und klang etwas trocken zu Beginn. Mit nahezu perfekter Diktion gewann er im Vorstellungsverlauf an Volumen und Ausdruck und hielt durch bis zum Ende. Ein menschlich anrührender Wotan, der viel Beifall erhielt.

Mark Donovans grosser Pluspunkt, seine Diktion, war für mich Clifton Forbis‘ grösster Mangel. Seine „Wälse“ Rufe hingegen liessen erschauern und dass ihm gegen Ende zu etwas die Kraft ausging, passiert eben selbst einem Heldentenor. Hunding wurde etwas trocken aber sehr solide gesungen von Reinhard Hagen.

Fricka hat es als Figur schwer bei mir; ich kann sie nicht leiden. Judit Németh machte einen tadellosen Job, es gelang ihr nämlich meine Abneigung gegen Fricka noch auszubauen.

Sehr gut fand ich die Walküren, die aus dem Ensemble der Deutschen Oper besetzt waren.

Trotz der stillgelegten Flughäfen hatte sich ein ziemlich internationaes Publikum in der Deutschen Oper versammelt. Links von mir Japaner und Franzosen, meine rechten Sitznachbarn waren ein Italiener und ein Schwabe. Zum Ende des zweiten Aktes ereiferte sich mein italienischer Nachbar über die Verdrehung der Geschichte. Nothung, das Schwert, das er kenne wie kein anderer, sei unbesiegbar, und nur Wotan könne es zerbrechen. Ich hatte wohl einen Augenblick nicht genau auf das Bühnengeschehen geachtet, und so war mir entgangen, wer den nun das Schwert zerbrochen hat und warum. Das zerbrochene Schwert hat jedenfalls Brünnhilde an Sieglinde übergeben. Vielleicht hat jemand etwas Genaueres gesehen. Der arme Italiener jedenfalls hatte danach vermutlich eine schlaflose Nacht, so fertig, wie der wegen dieses unglaublichen Betruges am Werk war.

Götz Friedrichs Inszenierung von 1994, deren Urfassung ich nicht kenne, ist noch erstaunlich aktuell. Das düstere Bühnenbild für Akt 2 und 3 stellt einen röhrenartigen Bunker dar, – ein Zeittunnel, wie der geübte Wagnerianer sagt – in den sich Wotan mit seinem Gefolge nach dem grossen Krieg zurückgezogen hat – Modelle der zerbombten Städte Coventry, Berlin und Dresden künden davon. Die Schiessscharten an den Wänden von Hundings Behausung deuten ebenfalls auf die Verschanzung in einem Bunker hin. Schön jedoch als sich die Wände öffnen, um das diffuse Frühlingslicht hineinzulassen.

Durchweg gute Arbeit leistete das Orchester der Deutschen Oper unter seinem neuen GMD Donald Runnicles. Zumindest gab es keinen eklatanten Qualitätsabfall zu den teilweise exorbitanten Leistungen auf der Bühne. Während den Streichern satte farbenreiche Passagen gelagen, leisteten sich die Blechbläser manche Unsauberkeit und die Holzbläser klangen recht unsensibel. Da dürfte einige Arbeit vor Donald Runnicles liegen, wenn der Anspruch besteht, aus dem Orchester ein Spitzenensemble zu machen. Mehr als eine orchestrale Bestandsaufnahme kann dieser Ring nach meiner Ansicht nicht sein.

Frenetischer Applaus beschloss den Opernabend vor allem für Violeta Urmana und Evelyn Herlitzius.

Ob mich Siegfried am Mittwoch in Berlin sehen wird, wird von der Aschewolke am Himmel abhängen. Meine Reise zum Ring – eine Reise mit Hindernissen.

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