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Premiere in Leipzig: Alkestis

April 18, 2010

Die Beziehung zwischen Mann und Frau und die besondere Rolle der Frau in der Gesellschaft stellt Peter Konwitschny häufig ins Zentrum seiner Inszenierungen. Nun ist die Frau in der Opferrolle dran, als Geopferte oder Opfernde. Anhand von vier Gluck-Opern, in deren Zentrum besondere Frauen stehen, will der Regisseur verdeutlichen, daß sich im Lauf der Zeiten Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht nur nicht verbessert, sondern radikal verschlechtert haben. Ein Projekt, das auf Gerd Albrechts Initiative zurückgeht, mehrfach in Angriff genommen wurde aber nie durchgeführt werden konnte.

Das Kernthema von Glucks Alceste stammt aus der griechischen Mythologie. König Admetos liegt im Sterben, kann jedoch gerettet werden, wenn den Göttern ein Opfer gebracht wird. Das befragte Orakel fordert ein Menschenleben, das Opferlamm ist nicht genug. In archaischen Zeiten waren Könige Mangelware und so entscheidet sich Alkestis, sich für ihren Mann zu opfern. Das Hirtenvolk behält so seinen König und Alkestis sichert die Zukunft ihrer beiden Kindern Aspasia und Eumelo.

Der genesene Admetos vermisst seine Frau; er weiss nicht, dass sie es ist, die sich für ihn opfert. Alkestis kehrt aus dem Totenreich zurück, um sich von ihm und den Kindern zu verabschieden. Er misstraut ihr, weil sie ihm den Grund für ihre Traurigkeit nicht nennen will. Er liebt sie und will nicht , dass sie für ihn stirbt. Wenn er die Entscheidung der Götter nicht rückgängig zu machen vermag, möchte auch er nicht mehr leben.

Das Volk hat alle Hoffnung verloren, denn der König ist Alkestis ins Totenreich gefolgt.

Bis dahin spielt sich alles höchst traditionell ab. Ein raffiniert einfaches Bühnenbild: Drehbühne mit beweglichem Mittelteil, der abgesenkt oder hervorgehoben werden kann und damit unterschiedliche Schauplätze schafft. Ein Opferstein in der Mitte. Admetos Bahre am Bühnenrand. Rückwand aus weissen Schäfchenwolken unter blauem Himmel. Das Volk der Thessalier war schliesslich ein Volk der Schäfer und Apollo zur Strafe einer von ihnen, und ein echtes Schaf sollte auch noch geopfert werden (nee, dann doch nicht). Chor und Kinderchor der Oper Leipzig in archaisch anmutenden einfachen (schönen) Gewändern.

Für die ersten beiden Akte fand die Wiener Fassung in italienischer Sprache Verwendung.

Dann aber: Zeitsprung, Fassungswechsel, Sprachwechsel

Plötzlich taucht einer auf, der versprach, Alkestis aus dem Hades zurückholen zu können, ein Showmaster (Gottschalk liess optisch grüssen) mit eigenem TV-Sender, HerCOOL TV. Gesprochen wurde deutsch, gespielt wurde das modifizierte Ende von Glucks Pariser Fassung.

In der Einführung sagte Peter Konwitschny verschmitzt, Gluck habe nicht vorgeschrieben, zu welchem Zeitpunkt Herkules auftreten würde. Bei den Göttern sind eben ein paar Jahrhunderte nichts.

Und da heute nichts umsonst ist, wurde flugs eine Reality Show inszeniert. Alkestis und Admetos tragen ihren Ehekrach darüber, wer denn nun wann und wie sterben dürfe, lautstark in aller Öffentlichkeit aus, angefeuert vom Chorpublikum, das inzwischen tv-tauglich gedresst war. Der Charon mit der Todesbarke drehte schon mal ein paar Runden mit dem einen oder anderen Kandidaten. Selbst das Fernsehballett wurde aufgeboten, eine Art reizvoller Todeslockerinnen, um den Nervenkitzel aufrechtzuerhalten, ob dem Hercool die Rettung gelingen würde. Und das Spektakel wurde live und in Farbe auf die Grossbildleinwand übertragen.

Wie zu erwarten, obsiegte Herkules und liess die glückliche Familie gleich in Folie wrappen (ich bin für Frischhaltefolie, andere meinten Geschenkverpackung).

Natürlich musste Apollo das Ende gutheissen. Er erschien in einer Logen in Gestalt des Fernseh-Intendanten (andere meinten, Honecker sei retour), gab seinen Senf dazu, um sich schnell gelangweilt abzuwenden. Im Bühnenhintergrund wurden inzwischen bereits die Zelte für die after show party aufgebaut, deren Motto Aulis war, Schauplatz des nächsten HerCoolTV events. Nach der Show ist vor der Show. Oder „Läbbe geht weider“.

Es liegt nahe, mit den Chören zu beginnen, wenn es um die Protagonisten des Abends geht. Konwitschny kann Chöre bewegen und begeistern. Das war wieder zu sehen. Hut ab wie natürlich die sich bewegen (die Kinder ohnehin) und wie gut sie auch noch singen.

Die Titelrolle hatte man mit Chiara Angella besetzt, der es zwar gelang, darstellerisch die Spannung zu halten, die allerdings ihre stärksten stimmlichen Momente in den lyrischeren Passagen hatte. Die dramatischeren Szenen ( vor allem die als Divinités du Styx bekannte Szene, die gespielte Fassung ist allerdings unterschiedlich) hat sie für mein Gefühl verpatzt. Möglicherweise Premierenaufregung. Sehr gut gefiel mir (wieder) Viktorija Kaminskaite als Alkestis Gefährtin Ismene und (neu) die wunderbar frische lyrische Tenorstimme von Norman Reinhardt als Evandros. Einen emotionalen Eindruck hinterliess Yves Saelens als Admetos. Ryan McKinnys Begabung als Herkules lag mehr im Darstellerischen.

Da es im Vorfeld zu mehrfachen Dirigentenwechseln gekommen war, wäre es unfair, die im ersten Akt deutlich hörbaren Koordinationsprobleme zwischen Orchestergraben und Bühne alleine dem kurzfristig eingesprungenen Dirigenten George Petrou anzulasten, der erst für eine spätere Serie vorgesehen war. Für ein Ensemble mit dem künstlerischen Anspruch des Gewandhausorchesters war der Abend keine Visitenkarte. Die Unsauberkeiten gingen eindeutig nicht auf das Konto des Dirigenten, der das etwas schlingernde Schiff dann doch auf ganz guten Kurs hielt, was sich in den Folgevorstellungen sicher auch noch stabilisieren lassen wird.
Ganz und gar nicht langweilig fand ich Glucks Musik, die ich mir auch gerne nochmals in einer homogeneren Aufnahme der Wiener Fassung anhören möchte.

Einhelliger Premierenapplaus und danach eine sehr nette Premierenfeier, die in Leipzig öffentlich zugänglich ist.

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One Comment leave one →
  1. Sita permalink
    Mai 4, 2010 15:45

    Auch ich habe die Premiere besucht und war beglückt, diese wunderbare Oper in der italienischen Fassung zu erleben. Im Belcantoblog habe ich einen Bericht geschrieben.

    http://torvaldo.blogspot.com/2010/04/christoph-willibald-gluck-alkestis.html

    Übrigens: Der @Belcantoblog twittert auch!

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