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BR-Konzert: Apollinisch-dionysisch

April 16, 2010

Tosenden Applaus erhielten die Mitwirkenden nach der „Carmina burana“, zweiter Programmpunkt im 6. Abokonzert von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding.

Die Gesänge der Carmina erscheinen fast zusammenhanglos, zufällig aufgeschnappte Szenen bei einem Rundgang durch ein mittelalterliches Dorf. Der BR-Chor in diversen Formationen entfacht ein Feuerwerk rhythmisch akzentuierter Passagen über spielerische Melodien und Liebeslieder bis hin zum eruptiven Ausbruch. Er spielt die Hauptrolle, gestaltet die Szene und ist das Leben – Mensch und Natur. Die treibende Kraft und den Unterbau bildet das Orchester mit seinem wahrhaft „fleischlichen“ Sound, wie es Christian Gerhaher im Interview bezeichnete. Die Rolle des Orchesters nahm ich im Konzert gar nicht so unmittelbar wahr, da der Chor sich spektakulär präsentierte, und mich Stimmen ohnehin zuerst fesseln. Zumindest ging es mir so während des Konzertes am 15. April, und erst bei der Liveübertragung am 2. Konzerttag (heute) hörte ich auch, wie gigantisch Orff orchestral umgesetzt wurde und wie homogen und natürlich das Ganze wirkte.

Ein unglaubliches und unerwartetes Temperament steckt in Christian Gerhaher, dessen furioser „Wirt“ mich fast umgeblasen hätte. Die Wandlungsfähigkeit der Stimme, seine Artikulation, die Kontrolle und Beherrschung, die Schönheit des Timbres können nur Superlative beschreiben, und ich freue mich schon sehr auf seinen Wolfram im Sommer.

Hans-Werner Bunz, als gebratener Schwan (cignus ustus, roasted swan, cigno arrosto, cygne rôti) unterwegs von der Scala über die Champs Elysées bis in den vorderen Orient ist Mitglied des Chores des Bayerischen Rundfunks. Er besang des Schwanen Qualen auf der Servierplatte so hinreissend mitleiderregend, daß meine Sitznachbarin mich mit einem bösen Blick bedachte, als ich ob der Komik lachen musste. Die Dame dachte vermutlich, der arme Schwan sänge falsch. Und darüber lacht man nicht. LOL Im Haus des BR besetzt man gerne „prominent“, weshalb Hans-Werner Bunz als Einspringer für den erkrankten Siegfried Jerusalem zum Zuge kam; nichts gegen die Sängerstars, die sich der Bayerische Rundfunk leisten kann und die ich selbstverständlich mit Freuden höre; allerdings könnten in ähnlichen Einspringersituationen die zahlreichen hauseigenen Juwelen durchaus mal herausgeholt werden, meine ich.

Glasklar ohne jegliche Schliere sang die elfenhafte Patricia Petibon den Sopranpart. Direkt ins Herz zielte ihr Solo „in trutina“. Meine erste Begegnung mit dieser Sängerin, auf deren ersten Auftritt im Nationaltheater in der nächsten Saison man sich ebenfalls schon heute freuen darf.

Der Tölzer Knabenchor komplettierte das Weltklasse-Ensemble dieses unvergesslichen Programmteiles. Den Löwenanteil des Applauses erhielt naturgemäß der phänomenale BR-Chor, Liebling der Götter und des Publikums. Und doch hatte dieser Abend nur phänomenale Mitwirkende, Daniel Harding nicht ausgenommen, der bei mir meistens etwas zu kurz kommt. Von dieser Carmina mit Referenzcharakter wünschte ich mir eine professionelle Aufnahme. Ich schätze, es gibt in unserer Zeit keine ähnlich durchdrungene Interpretation, wenn es sie überhaupt seit ihrer Entstehung gegeben hat.

Der Carmina burana vorangestellt war Igor Strawinskys „Apollon musagète“ für Streichorchester, Ballettmusik in zwei Bildern, Fassung von 1947, ein fast mysthisch anmutendes Werk mit elegischer Grundstimmung, das wahrhaft göttliche Solopassagen enthält, fantastisch interpretiert durch das Symphonierorchester. Besonders gefielen wir die geteilte Stimmen bei Instrumentengruppen, auffällig bei den Celli, die einen rafffinierten Ton erzeugten. Obwohl Orchester dasTreiben Apollos als „Anführer der Musen“ vorführt, vermisste ich die tänzerische Darstellung nicht, denn die entsprechenden Aktionen erklären sich durch die Sprache der Musik. Welch ein Gegensatz zu der monumentalen Klangfülle der nachfolgenden Carmina.

Ein Abend, der mich lächeln machte. Ich habe das anderer Stelle schon geschrieben.

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One Comment leave one →
  1. Olli permalink
    Mai 1, 2010 20:56

    Nur zur Information:
    Das wird eine CD bei der Deutschen Grammophon.

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