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5. Akademiekonzert. 2. Tag

April 14, 2010

Ich würde gerne wissen, was Konzertbesucher dazu bewegt, am Ende eines hochklassigen Sinfoniekonzertes den Dirigenten zu buhen, wenn auch nur leise, doch keineswegs nur vereinzelt. Hat Kent Nagano sich verschlagen? Haben die Musiker falsch gespielt? Oder hat er etwa Brahms‘ 1. Sinfonie nicht so spielen lassen, wie die Herrschaften es für richtig befunden hätten? Ach, Sie trauern Mehta nach oder auch noch all den Großen, die Sie aus Konzert, von cd und Schallplatte kennen, die leider Dahingegangen, die Ihnen Sternstunden bescherten? Ehrlich gesagt, ich würde mir an Ihrer Stelle den Tort eines Akademiekonzertes nicht antun.

Wie versprochen, mein Eindruck von von Johannes Brahms‘ 1. Sinfonie, in der Interpretation des Bayerischen Staatsorchesters unter Kent Nagano. Sie klingt mehr nach Beethoven als dessen eigenes 1. Klavierkonzert, das Radu Lupu wie am Vorabend vor der Pause zu Gehör brachte.

Die nach dem Vorbild des Meisters klassisch (oder traditionell) aufgebaute Sinfonie hat kein Thema. Sie dient alleine der Musik. Man kann das Werk in den unterschiedlichsten Interpretationen auf Tonträgern hören, zumeist in wuchtig klingenden Einspielungen, denen ich nach einer Weile nicht mehr zuhören möchte. Auch das Staatsorchester spielte natürlich in großer Besetzung. In keiner Minute des Konzertes hatte ich allerdings den Eindruck, daß mich die Klangfluten erschlagen könnten; sie taten das Gegenteil – sie trugen. Selbst die rhythmischen, beherrschten, Schläge der Pauke beim etwas düsteren Beginn hatten nichts Drohendes. Ich möchte das nicht weiter ausführen, sondern mich auf den 2. Satz – Andante sostenuto – beschränken, der mir beispielhaft für die Interpretation erschien, auf das Hervortreten der Instrumentalsolisten über das ruhig fliessende Klangbett des Orchesters, mich erinnern an Oboe und Klarinette, das traumhafte Violinsolo des Herr Wolf. Soviel Anmut kann ich mich nicht entziehen und dem sich anschliessenden spielerischen 3. Satz – un poco allegretto e grazioso – schon gar nicht.

Ich möchte mich auch erinnern an die witzigen Pizzicati der Streichergruppen, das schöne Solo der Flöte, die Dialoge der tiefen Holzbläser mit den Blechbläsern, an den satten Ton der Streicher beim finalen Thema im letzten Satz und an die leise Brise, die sie im dritten Satz entfachten, wie schon im vorangehenden Klavierkonzert.

Mein Höreindruck war nicht der eines Mosaiks einzelner solistischer Bravourstückchen. Naganos Klangvorstellung gibt dem Hörer die Chance, den einzelnen Stimmen nachzuspüren, ohne den grossen musikalischen Ansatz zu verlieren. Wenn man es so nennen will, dezimiert ein solches Orchesterspiel die musikalische „Wucht“. Mir gefällt es sehr.

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