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Bayerische Staatsoper: Dialogues des Carmélites

April 9, 2010

Man war bereits bei der dritten Aufführung, als ich endlich die neueste Inszenierung der Bayerischen Staatsoper in Augenschein nehmen konnte, für die ich mir eine besonders gute Premierenkarte (als hätte ich deren Nutzen erahnt) besorgte, die ich dann zugunsten des Stuttgarter Parsifals verkaufte. Die Vorbereitung durch eine DVD von Riccardo Mutis Scala-Einspielung von 2004 war eine der Voraussetzungen, wenn nicht die wichtigste, um der Münchener Inszenierung Positives abzugewinnen. Damit nehme ich die beiden Wermutstropfen dieser Produktion vorweg, die mir handwerkliche Mängel in der szenischen Umsetzung zu haben scheint, die weniger enthusiastischen Besuchern den Zugang verwehren.

(Foto © Bayerische Staatsoper)

Der Regisseur Dmitri Tcherniakov (bereits an Chowanschtschina zugange) „befreite“ die Gemeinschaft der Karmeliterinnen, die unter die Räder der Französischen Revolution geraten, von jeglichem religösen Zusammenhang, von dem im Text die Rede ist, und den auch die Musik reflektiert und zeigt das Frauenkollektiv als eine abstrakte, sektenähnlich organisierte Gruppe, die sich in eine Art freistehenden Wintergarten zurückgezogen hat. Dieser Zugriff ist legitim und einleuchtend, hat auch gewisse Vorteile. Durch das Weglassen des religiösen Elementes lassen die Charaktere der Frauen sich einerseits besser darstellen, andererseits wird aber auch deutlich, dass die Uniformierung von Verhaltensweisen nicht Folge klösterlichen Zusammenlebens ist. Es geht um Angst in vielen Formen, um Flucht vor der Angst, um Flucht vor der Realität, um die Motivation, der weltlichen Gesellschaft den Rücken zu kehren. Es geht um das Formieren von Widerstand in der Gruppe, und es geht um Courage des Einzelnen.

Der Abend spielt sich mit kurzen Ausnahmen in dem beengten Raum dieses Wintergartens ab. Dieses Gebäude, das im Vorstellungsverlauf an verschiedene Positionen der ansonsten leeren riesigen Bühne bewegt wird, ist ein genialer Einfall. Mir (mit der Kenntnis des Librettos und der Geschichte der Märtyrerinnen) gewährte sie einen voyeuristischen Einblick in das Klosterleben. Die Streben und Balken des Gebäudes versperrten zwar auch mir (3. Rang, sehr guter Stehplatz rechts) die Sicht auf die Gesichter der Darstellerinnen und erschwerten mitunter die Identifikation der jeweiligen Sängerin, das Erlebnis des „Belauschens“ der Vorgänge im Haus überwog den Nachteil. Ganz anders erlebten es Besucher in meiner Umgebung, die nichts zu sehen glaubten und praktisch keiner Handlung zu folgen hatten. Die grandiose Personenführung, ein gewichtiger Pluspunkt, wird dabei leicht übersehen.

Der gravierendste Einschnitt scheint mir persönlich allerdings die Umkehrung des Schlusses zu sein. Die Schwestern werden gegen Ende der Französischen Revolution wegen ihrer religiösen Gesinnung zum Tode verurteilt und sterben durch die Guillotine. Das reflektiert die Musik. Dimitri Tcherniakov modifiziert nun den Schluss derart, dass Schwester Blanche ihre zum Selbstmord durch Gas entschlossenen Mitschwestern rettet (zu den Schlägen der Guillotine in Poulencs Musik), selbst jedoch in dem Haus den Tod findet. Das gibt zwar Raum für ein spektakuläres finales Feuerwerk (Lohengrins Wiegenverbrennung und des Holländers Tonnenexplosion sind dagegen ein Kerzenflackern), dient der Oper aber nicht wirklich, meine ich wenigstens. Allerdings muss man Tcherniakov zugute halten, dass die Schwestern das Märtyrergelübde in Blanches Abwesenheit ablegten, was Blanches Rolle als Lebensretterin ihrer Mitschwestern nach ihrer Rückkehr erklären kann.

Das klingt zwar alles negativ, ist aber lediglich nur die Heraushebung dessen, was mir persönlich fehlte, um die Produktion als grossen Wurf zu bezeichnen. Ich halte diese Carmélites für eine der besten Inszenierungen, die man in München derzeit sehen kann. Ich finde die szenische Übersetzung weitgehend sehr gut, vor allen Dingen begeistert mich aber die Übereinstimmung von Szene und musikalischer Interpretation, das Zusammenspiel von Bühne und Orchester. Die Spannung, Rücksichtnahme, Impulsgebung, die von Kent Nagano ausging und sich auf Orchester und Bühne übertrug, schenkte mir ein intensives Musikerlebnis, das ich nicht missen möchte. Poulencs Musik ist durchaus ernstzunehmen, die Instrumentierung sehr geschmackvoll, (ja, auch gefällig),melodiös, teilweise sehr filigran aber auch von leidenschaftlicher Dramatik.

Wesentlich dazu trugen natürlich die ausgezeichneten Sänger bei, deren grandiose Charakterisierung der Figuren ich nochmals herausstellen möchte und wovon niemand auszunehmen ist.

Herausheben möchte ich Bernard Richter als Chevalier de la Force mit total freiem lyrischen Tenor, den ich sehr gerne wiederhören möchte.
Es wäre fast unfair, die Frauenrollen gegeneinander abzuwägen, die jede auf ihre Art einzigartig war. Susanne Resmark, Sängerin der trotz mütterlicher Figur durch ihre Aktionen maskulin wirkenden Mère Marie, liess sich an dem Abend mit einer Halsentzündung ansagen, die nicht zu hören war. Wunderbar klar und warm klang Soile Isokowski als Madame Lidoine mit etwas undurchsichtigem Charakter. Ich las von Susan Grittons erfreulicher Stimmentwicklung und fand ihre Darstellung der Blanche, die am Ende über sich und ihre Angst hinauswächst, durchaus überzeugend. Überraschend gut (ja, überraschend!) fand ich den Frauenchor, nach dem letzten Akademiekonzert durfte das nicht erwartet werden.

Ein sehr bewegender Opernabend, den ich allen Interessierten wärmstens empfehlen kann.

Eines wollte ich noch anmerken. Im Nachhinein finde ich die thematische Programmwahl der Bayerischen Staatsoper um die Osterzeit überlegt; Don Giovanni, Dialogues des Carmèlites, Palestrina und dann Wozzek. Gut, den Palestrina hätte ich nicht unbedingt gebraucht, und den Münchener Don Giovanni halte ich für ein Muster dafür, wie schlimm Oper sein kann, wenn Orchester und Szene jeweils ein Eigenleben führen. Den österlichen Parsifal musste man sich eben sonstwo suchen. Wenn nur anschliessend auch mal wieder was Netteres käme! Was leider nicht der Fall ist.

Dialogues des Carmélites
Musikalische Leitung Kent Nagano
Inszenierung und Bühne Dmitri Tcherniakov
Kostüme Elena Zaytseva
Licht Gleb Filshtinsky
Produktionsdramaturgie Andrea Schönhofer

Marquis de la Force – Alain Vernhes
Blanche de la Force – Susan Gritton
Chevalier de la Force – Bernard Richter
Madame de Croissy – Sylvie Brunet
Madame Lidoine – Soile Isokoski
Mère Marie – Susanne Resmark
Soeur Constance – Hélène Guilmette
Mère Jeanne – Heike Grötzinger
Soeur Mathilde – Anaïk Morel
L’aumônier – Kevin Conners
1er commissaire – Ulrich Reß
2ème commissaire – John Chest
L’officier – Christian Rieger
Le geôlier – Levente Molnár
Thierry – Rüdiger Trebes

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