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Stuttgart: Parsifal

März 29, 2010

In einem Waldstück neben einer zerstörten Brücke sammeln sich zwischen toten Bäumen Überlebende nach einer überstandenen Katastrophe. Die hinter ihnen liegenden Ereignisse äussern sich in ihrem Verhalten auf unterschiedlichste Weise. Auffällig ist Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen alles, was ihnen in die Quere kommt. Unter ihnen befindet sich eine Gruppe Männer, anführt vom Priester Gurnemanz, die den unsicheren, richtungslosen Kreaturen Lebensperspektive ermöglichen will. Amfortas, dessen Körper äusserlich unversehrt ist, sieht sich nicht in der Lage, die Rituale der Gruppe zu vollziehen. Er trägt schwer an dem Zinksarg für seinen fast blinden Vater Titurel.
So beginnt die Parsifal-Geschichte, wie sie Calixto Bieito am Staatstheater inszenierte.

Auch Gurnemanz ist nicht Herr seiner selbst. Mit einem Gürtel züchtigt er einen von mehreren engelsgleichen Knaben bis dieser stirbt. Der zu der Gruppe gestossene Parsifal trägt den Knaben wenig später als Schwan davon. Gurnemanz sieht in dem arglos unbekümmerten Parsifal den reinen Tor, der die Rettung bedeuten könne, betäubt ihn mit einer hellsichtig machenden Glücksdroge und führt ihn zu den Gralsrittern.

Statt der Enthüllung des Grals erscheint eine mit Kirchengerät und Devotionalien unterschiedlicher Religionen gefüllte Plane. Alle Anwesenden bedienen sich und freuen sich an Gold und Silber. Zunächst hielt ich diese Gerätschaften für Plünderungsgut, neige aber jetzt zu der Annahme, daß es sich um Gegenstände aus Gotteshäusern handelt, die man vor der Katastrophe in Sicherheit bringen konnte. Der erste Akt endet mit einer Demonstration der im Wald Anwesenden, die auf Plakaten und Bannern die Frage nach Gott stellen und nach Erbarmen und Erlösung rufen.

Nachdem Klingsor im zweiten Akt ein Flammeninferno auf der Bühne angerichtet hatte, begegnet Parsifal den Blumenmädchen Klingsors – missbrauchten, verstümmelten Frauen, die Mitleid suchen, letztlich aber der Befriedigung männlicher Bedürfnisse (Klingsors und vermutlich auch Parsifals) dienen. Kundry, die Parsifal seit seiner Kindheit kennt, ruft ihn bei seinem Namen, übernimmt zum Schein eine Art Mutterrolle, wobei sie letztlich beabsichtigt, ihn zu verführen, um sich selbst und Klingsor zu retten. Ihr Vorhaben misslingt nur scheinbar.

Als Gurnemanz nach fortgeschrittener Verelendung von Mensch und Natur und fortschreitender Verrottung der Brücke im Frühling Kundry dort findet, ist sie schwanger. Nach der bekannten Zeremonie der Fusswaschung durch Kundry und Salbung durch Gurnemanz lässt Parsifal sich als Erlöser einkleiden und mit Utensilien unterschiedlichster Religionen ausstatten, ironischer weise befindet sich darunter eine Büste Richard Wagners. Kundry schneidet sich die Zunge ab. „Dienen, dienen“ kann sie nur noch stammeln. Die Horden erschlagen brutalst Titurel , der offenbar blind und irre geworden ist und Blumen verteilt. Sie werfen ihn in den Zinksarg, den Amfortas im ersten Akt umhertrug.

Parsifal, scheinbar noch immer high von seiner Droge, grinst über alles und lächelt mit jedem und lässt sich von Kundry im Einkaufswagen zu den Gralsrittern karren. Titurel erweckt er von den Toten, damit er mit Amfortas gehen kann – wohin bleibt offen. Parsifal entkleidet sich und steigt in Titurels Zinksarg. Auch Kundry bleibt am Leben. Den wahren Erlöser trägt sie womöglich in sich.

Musikalisch war es ganz anders als ich es aus München in Erinnerung hatte. Keineswegs schlechter, sondern „fleischiger“ empfand ich das, was unter Manfred Honecks sehr sängerfreundlichem Dirigat zu erleben war. Klangprunk gab es in den gesangsfreien Passagen. Vor allen Dingen die wunderbaren Blechbläser hatten es mir angetan.

Angetan war ich auch von Christiane Iven, die Kundry tatsächlich sang und sich nicht ständig mit der Suche nach der richtigen Tonhöhe quälen musste. Trotz der leichten Probleme im zweiten Akt fand ich es sehr ungerecht, daß sie am Ende abgestraft wurde, was ihr sichtlich nahe ging.

Ich hätte Andrew Richards den lyrischen Parsifal nie zugetraut, auch nicht die loslassende Art seines Spiels. Das war Klasse. Ebenso Gregg Baker, der als Amfortas mit schönem Bass und eindrucksvoller Erscheinung zu fesseln wusste. Stephen Millings Gurnemanz war von einer frappierenden Textverständlichkeit und musikalisch klug gestaltet. Sehr gut vorbereitet auch der Chor und alle anderen Solisten.

Das (fast) Einheitsbühnenbild lenkte nicht ab von den Aktionen der Personen. Jedem Mitglied und jeder Gruppe der im Wald versprengten Sekte hatte der Regisseur ein eigenes Verhaltensmuster zugedacht. Der Mann mit der Axt zum Beispiel, der zuerst die Bäume und später Titurel erschlägt (zumindest glaube ich, daß er es war). Selbst in der einheitlichen Gruppe der Blumenmädchen erkannte man unterschiedliche Leidensgrade und Verhaltensweisen. Fast ein Wunder, daß die schauspielerische Herausforderung die Gesangleistungen der Darsteller nicht beeinträchtigte.

Bieitos Interpretation lässt zumindest Raum für weitere, eigene Gedanken und Interpretationen. Zeitweise hatte ich zwar auch den Eindruck, der Regisseur nähme das Stück auf die Schippe. Dafür war es dann aber über weite Strecken doch zu endzeithaft und dunkel. Dabei hätte der dritte Akt ein Fest werden sollen, wie der Produktionsdramaturg Xavier Zuber in der Einführungveranstaltung angekündigte. Das war es mitnichten. Selbst ein Hoffnungsstrahl war nur mit Mühe auszumachen.

Großer Jubel für den musikalischen Teil, Buhs für das Regieteam um Calixto Bieito von Teilen des Publikums. Ich selbst habe zwar bei weitem nicht alles verstanden, konnte mir angesichts der Fülle der Endrücke und Aktionen auch nicht alles merken, hielt manches nicht für angemessen und fand die Produktion dennoch spannend.

Kleine Warnung meinerseits: Weihrauch-Allergiker sollten vorher ihre Pillen schlucken.

Staatsoper Stuttgart

Parsifal
Musikalische Leitung Manfred Honeck
Regie Calixto Bieito
Bühne Susanne Gschwender
Kostüme Mercè Paloma
Licht Reinhard Traub
Chor Michael Alber
Dramaturgie Xavier Zuber

Besetzung
Gurnemanz Stephen Milling / Johann Tilli
Amfortas Gregg Baker
Parsifal Andrew Richards
Klingsor Claudio Otelli
Kundry Christiane Iven
Titurel Matthias Hölle
1. Gralsritter Heinz Göhrig
2. Gralsritter Mark Munkittrick
Vier Knappen Yuko Kakuta, Diana Haller, Torsten Hofmann, Hans Kittelmann
Blumenmädchen Julia Borchert, Petra van der Mieden, Tina Hörhold, Yuko Kakuta, Agata Wilewska, Michaela Schneider

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