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Ein Weihnachtsmärchen

Februar 6, 2010

Ein Monat ist nach meiner Kenia-Reise bereits vergangen. Mancherlei überwiegend berufliche Gründe beschäftigten mich in den letzten Wochen so sehr, daß nicht nur ein paar Blog-Anmerkungen zu meiner Reise nicht möglich waren, sondern auch die musikalische Zerstreuung zwangsweise etwas zu kurz kam.

Musikalische „Zerstreuung“ wäre eine falsche Beschreibung dessen, was ich in Konzerten unter der Mitwirkung des Chores des Bayerischen Rundfunks in der Vergangenheit genossen habe. Wer meine Eindrücke nach den Konzerten in meinem Blog gelesen hat, wird verstehen, was ich damit meine. Dieser Chor singt aber nicht nur mit Herz und von Gefühlen sondern die Sänger zeigen persönlich Mitgefühl mit Menschen, denen es nicht gut geht. Durch eine glückliche Fügung wurde mir von den Mitgliedern des Chores des Bayerischen Rundfunks eine Summe anvertraut, die ich in Kenia für mir bekannte dringende Fälle verwenden durfte.

Ich habe zwar neben meinen Schulpatenschaften ein paar eigene Ausbildungsprojekte in Nairobi, wollte das Geld des Chores aber nicht einfach dort verwenden sondern etwas Besonderes damit tun. Der Zufall wollte es, daß meine Rose von einem 21jährigen Mädchen erzählte, das jetzt erst form 1 der Secondary School abschliessen konnte, weil sie laufend vom Unterricht wegen nicht bezahlter Schulgebühren suspendiert wurde. Trotzdem sei sie fest entschlossen, ihre Ausbildung irgendwie zu Ende zu bringen. In Kenia ist es gang und gäbe, dass Kinder und Jugendliche nach Hause geschickt werden, wenn die Schulgebühren nicht bezahlt wurden. Haben Eltern und Verwandte dann wieder ein paar shillingi aufgetrieben, darf man gerade so lange bleiben, bis der Betrag aufgebraucht ist. Das Abschneiden solcher Schüler am Ende des Schuljahres kann man sich leicht vorstellen.

Ich hätte das Mädchen gerne in seinem häuslichen Umfeld aufgesucht, was aus Zeitgründen nicht möglich war. Ich bestellte M. also in mein Hotel in Nairobi, um einen Eindruck von ihr zu gewinnen.Während unseres Mittagessens (das für sie schon ein nie gekanntes Erlebnis war) erschien sie war zwar zurückhaltend aber dennoch aufgeschlossen. Rose hatte ihr offenbar gesagt, daß das die Chance ihres Lebens sei, an die sie aber noch nicht recht glauben konnte.

M.’s Familienverhältnisse sind schwierig, allerdings kümmert sich der Vater um seine Kinder, soweit es seine Arbeitslosigkeit zulässt. Schulgeld für die Tochter wird er nicht aufbringen können. Ihr läuft die Zeit weg, denn sie hat noch drei Jahre vor sich bis zum Abschlussexamen der Highschool. Es ist zwar in Kenya aus dem genannten Grund keineswegs unüblich, dass auch ältere Jugendliche die Schule mit einem Alter weit über 20 Jahre abschliessen. Die Aussicht auf eine sich anschliessende Ausbildung sinkt damit allerdings auch. So habe ich mit M. vereinbart, daß mit dem Geld der ihr unbekannten Gönner aus Deutschland, die Schulgebühren und Unterbringungskosten für das kommende Schuljahr bezahlt und die rückständigen Gebühren ausgeglichen werden. Natürlich erwarten wir im Gegenzug eine gute Leistung, die ich im Juni 2010 nach dem midterm Examen gerne überprüfen würde, um dann das letzte Drittel der Schulgebühren für das Jahr 2010 einzuzahlen. Ihre Erleichterung war gross. Ihre Freude vermutlich auch. Allerdings äusserte sich diese mehr nicht überschwänglich, sondern sie erschien fast ungläubig. Sie freute sich jedenfalls.

Auf M.s Wunsch machten wir noch einen Spaziergang durch den schönen Hotelpark, fotografierten sie unter allerlei exotischen Blütensträuchern ehe wir sie in der Thika Road in ein Matatu setzten, das sie zuerst in die Innenstadt und von da nach Kawangare, ein Slumgebiet am anderen Ende der Stadt, bringen sollte. Der Gesichtsausdruck des im Matatu sitzenden Mädchens, der eine stille Freude zeigte, wird mir unvergesslich bleiben.

Am nächsten Tag lernte ich das Prozedere der Einzahlung der Schulgebühren bei einer kenianischen Bank kennen. Dort gibt es dafür spezielle Einzahlungsscheine, die von der Bank quittiert werden, und in der Schule gegen eine weitere Quittung abgegeben werden müssen. Nach meiner Abreise hat Rose die Quittung überbracht, und das Mädchen hat inzwischen den ersten Monat in form 2 bereits geschafft.

Daß sie im neuen Schuljahr wieder zur Schule würde gehen können, noch dazu mit gesicherter Unterbringung und Verpflegung, hätte sich M. vor Weihnachten nicht träumen lassen. Und wahrscheinlich wird sie einmal ihren Kindern davon erzählen, was ihr im Dezember 2009 widerfahren ist.

M.s Geschichte begann schon vor Weihnachten, als ich von ihr hörte und den ersten Kontakt aufnahm, fügte sich aber erst am 28. Dezember nach unserem Treffen. Dazwischen lagen für mich turbulente Weihnachtstage direkt unter dem Äquator, nicht im Busch, aber im ländlichen Kenia nördlich des Viktoriasees. Dorthin gelangte der andere Teil der Geldes des Chores des BR. Doch davon demnächst.

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