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Opernhaus Zürich: Orlando

November 30, 2009

Alexander Pereira besorgte selbst die Einführung vor der Wiederaufnahme-Vorstellung von Händels „Orlando“ am Opernhaus Zürich, sehr informativ und sachkundig und selbstverständlich kostenlos für die Interessierten. Ich hatte tatsächlich die Illusion, mich später „wissend zu vergnügen“, obwohl mir das Stück aus München natürlich nicht unbekannt war.

In meiner Begeisterung gleich nach dem Besuch der „Agrippina“ habe ich mich um eine Karte für diese Orlando-Wiederaufnahme bemüht und war erstaunt, wie schwach das Opernhaus am Sonntag Nachmittag besetzt war. Mir machte das weiter nichts, denn so kam ich in den Genuss eines Sitzplatzes in der ersten Reihe des zweiten Ranges und hatte freie Sicht auch auf das Orchester und den berühmten Dirigenten des Tages, Herrn William Christie.

Jens Daniel Herzog, der bereits einige Opern für Zürich inszeniert hat, wählte als Schauplatz des Geschehens eine Nervenklinik, in die sich Orlando als Kriegsveteran nach dem ersten Weltkrieg begibt. Zwischen Ruhm und Liebe hat Orlando die Richtung und das Selbstverständnis verloren. Der Chefarzt der Klinik (der Zauberer Zoroastro) bestimmt fortan sein Geschick. Die Heimkehr des Kriegers stört das Liebesleben der ihm versprochenen Prinzessin Angelica, die inzwischen Medoro, einen orientalischen Prinzen liebt. Auch Schwester Dorinda (bei Händel die Schäferin) liebt Medoro, wird aber im Laufe der Geschichte den Verzicht lernen müssen. Orlando jedoch wird rasend aus Eifersucht, will mit der Axt vor allem Angelica umbringen. Der Chefarzt muss sein ganzes Operationsgeschick aufwenden, um den Herrscher wieder kriegstauglich, heldenhaft, milde und weise werden zu lassen. Operation gelungen, Patient nicht tot. Die opera seria muss zu einem versöhnlichen Ende gebracht werden.

Das Bühnenbild (Mathis Neidhardt), bestehend aus beweglichen Wandschächten mit Türen und dahinterliegenden Fluren und ebenso beweglichen Wandelementen ermöglicht die Öffnung und Verengung der Spielplätze je nach Bedarf und ist ein wesentliches Element der Inszenierung.

Musikalisch bleibt Händel nichts schuldig. Die Oper enthält eine Fülle von musikalischen Einfällen, durch das Orchester begleitete Rezitative, ein Trio der hellen Stimmen, ein Duett und ein Schlussensemble, dazu instrumentale Kostbarkeiten wie das Duett der Viole d’Amore, die Blockflöten und vieles mehr. Fast vergisst man, dass man eine opera seria hört, in der jede Person per Aria ihren Affekt ausdrückt und dann das Weite sucht. Duette oder ähnliches kennt die opera seria gewöhnlich nicht, denn zwei Personen können schliesslich nicht den gleichen Affekt ausdrücken, oder? Jedenfalls war Händel mit dem Orlando seiner Zeit ein bisschen voraus.

Es wurde fantastisch gesungen. David DQ Lee (Orlando); Martina Janková (Angelica), Katharina Peetz (Medoro), Rebeca Olvera (Dorinda); Konstantin Wolff (Zoroastro). Bis auf Dorinda und Zoroastro handelt es sich um sehr gelungene Rollendebuts. Ich hatte mich zwar auf Marijana Majanovic als Orlando gefreut (und auch wegen ihr gebucht) war aber mit dem Counter David DQ Lee mehr als zufrieden. Er ist ein sehr sympathischer, auch sehr spielfreudiger Sänger, mit einer beweglichen leicht ansprechenden Stimme. Martina Janková brillierte mit ihrem Sopran als kapriziöse Angelica, während die anmutige Rebeca Olvera als Dorinda die Nachtigallen ansingen durfte, weil sie Medoro verloren hatte. Katharina Peetz verlieh Medoro das Machohafte, das auf manche Frauen attraktiv wirkt und auch bei unseren zwei Damen nicht erfolglos blieb. Zoroastro hätte ich mir stimmlich etwas durchschlagender gewünscht, will mich aber nicht daran aufhängen, die Leistung von Konstantin Wolff war vor allem darstellerisch voll in Ordnung.

Bleibt last but not least der Blick in den Graben, wo wirklich eitel Wonne herrschte. Der souverän leitende Maestro und das La Scintilla Orchester machen Lust auf mehr Oper Zürich.

Das Schlussbild zum Schluss: links der Chefarzt mit Schwester Dorinda, rechts das glückliche Paar Angelica und Medoro, umgeben von Statisten des Klinikpersonals, die dem erneut heldentauglich gemachten Orlando huldigen.

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