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De Nederlandse Opera: Salome

November 23, 2009

Endzeitstimmung am Hofe des Tetrarchen. Das Mahl an der improvisierten Tafel im unterirdischen Bunker ist beendet. Der Hofstaat säuft, Herodes erhält seine Dröhnung per Kopfhörer und in regelmässigen Abständen per Ampulle in die Venen. Unter der Tafel hurt Herodias. Sie nimmt sich, was zu kriegen ist. Zwischen den Teilnehmern der Orgie sitzt unbeteiligt Jochanaan am Tisch, ein verschwitzter Mann im offenen Hemd; über den Kopf hat man ihm eine Tüte gestülpt; er sieht also nicht, welche Obszönitäten sich um ihn ereignen: kollektive Vergewaltigung des durch Herodes erschossenen Narraboth oder Ausweidung des durch den Pagen fiktiv erstochenen Körper Salomes mit Messer und Gabel. Jochanaans Ermahnungen klingen fast unbeteiligt, als habe er mit allem bereits abgeschlossen, als sei alles Rufen umsonst. Salome , deren Aussehen und Verhalten als eine jüngere Ausgabe der Herodias ihre mögliche Entwicklung schon erahnen lässt, falls nicht etwas Entscheidendes in ihrem Leben geschehen würde, umgarnt Johanaan, der anders ist als die Gefährten am Tisch. Sie glaubt in ihm etwas zu finden, von dem ihr nicht bewusst ist, dass sie es vermisst.

Salomes „Schleiertanz“ dient zwar der Betörung Herodes, aber die ganze dekadente Gesellschaft kann sich ihrem wildem Freiheitsdrang, den sie durch ihre Bewegungen ausdrückt, nicht entziehen. Sie tanzt mit eine Tischtuch, mit Herodias und Salome, jeder tanzt mit jedem bis zur Erschöpfung. Wie Salome versuchen Juden wie Nazarener und Soldaten dem Horror durch Türen zu entfliehen, die sie beschwörend mit Kreide an die Betonwände des Bunkers zeichnen und die sich nicht öffnen lassen.

Salome verlangt Jochanaans Kopf von Herodes, den sie auch erhält, an unsichtbaren Seilen befestigt und wie eine Putte in den Bühnenhimmel ziehen lässt. Unterdessen befindet sie sich mit dem lebenden Jochanaan vor dem Vorhang, während der Bunker in den Hintergrund fährt. Dass Jochanaan am Leben bleibt macht Salomes Errettung möglich, Rettung durch Liebe – eine zarte und intime Szene, die mich sehr an das Ende von Tristan und Isolde in München erinnerte und eine Utopie zur Hoffnung werden lässt. Strauss‘ Komposition mit ihren verheissungsvollen Melodien befördert diese Interpretation und steht ihr keinesfalls im Weg. Die letzten Worte der Oper, Herodes‘ Ruf „Man töte dieses Weib!“, lässt der Regisseur auf Holländisch von einem Zuschauer im Parkett rufen, die dadurch natürlich eine ganz besondere Wirkung erzielen.

Bemerkenwert, weil heutzutage nicht unbedingt State of Art bei Operninszenierung, war die Übereinstimmung von Szene und Musik. Stefan Soltesz (was für ein Dirigent!) trug dafür am Aufführungstag die Verantwortung. Den größeren Anteil daran allerdings Peter Konwitschny zu, dessen Regieführung trotz der kaum zu ertragenden Perversion des Verhaltens der Personen musikalisch einfühlsam dem Libretto folgt. „Und das Geheimnis der Liebe ist grösser als das Geheimnis des Todes“, so steht es im Textbuch.

Peter Konwitschny sagte anlässlich eines kürzlichen Publikumsgespräches in Leipzig, bei dem es um die Aufführung von Opern in der Originalsprache/Landessprache ging, eine Oper müsse sich aus Inszenierung und Musik selbst erklären. Diesem Anspruch wird seine Amsterdamer Arbeit gerecht.

Die Nachmittagsvorstellung im Amsterdamer Opernhaus hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Ich hätte nie gedacht, dass mich ausgerechnet eine Salome so fesseln könnte. Das ist mir in der Form zuletzt bei Kriegenburgs Wozzeck geschehen.

Das gesamte Ensemble hat glänzend gespielt, während die gesanglichen Leistungen sich nicht ganz homogen anhörten. Doris Soffel, die Konwitschny darstellerisch vermutlich an ihre Grenze führte, gelang eine grandiose Herodias, und Albert Dohmen stattete Jochanaan mit ansprechend warmem Bariton aus. Die übrige Besetzung war präzise und trübte das aufregende Theatererlebnis nicht. Die „kontrollierte Exstase“ des Orchesters wäre einen eigenen Eintrag wert, wenn ich mehr davon verstünde und mehr Zeit zum Formulieren hätte. Vor allem aber die melodiehaften Abschnitte, die zweiten Geigen und die Soloflöte waren ein Traum.

Cast:
Herodes – Gabriel Sadé
Herodias – Doris Soffel
Salome – Annalena Persson
Jochanaan – Albert Dohmen
Narraboth – Marcel Reijans
Page – Barbara Kozelj

Bühnenbild und Kostüme – Johannes Leiacker
Licht – Manfred Voss

Salome De Nederlandse Opera, weitere Vorstellungen 25. und 28. November, 1. und 5. Dezember

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