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Oper Leipzig: La Bohème

November 14, 2009

Ich war gespannt auf die Wiederaufnahme von La Bohème, Peter Konwitschnys Inszenierung von 1991 für die Oper Leipzig, die ich bisher nicht kannte.

Es beginnt verdächtig poetisch. Die Dachkammer auf dem Montparnasse ist nicht mal eine angedeutete Kammer, sondern ein karger offener Raum über dem Lichtermeer des vorweihnachtlichen Paris. Dort leben die vier Freunde mehr schlecht als recht von ihren Künsten. Marcello, der Maler, zerstört sein Augftragswerk vom Roten Meer; Rodolfo, der Dichter, muss Zeitungsartikel schreiben, und schürt mit den Seiten seiner Dichtung das Feuer. Colline, der Philosoph, kehrt erfolglos vom Leihhaus zurück, wo er seine Bücher verpfänden wollte. Nur weil sich Schaunard als Musiker prostituierte und für einen reichen Engländer einen Papagei zu Tode gegeigt hatte, ist etwas Geld in die gemeinsame Kasse der vier Freunde gekommen, um Weihnachten zu feiern. Während die Freunde zum Café Momus abziehen, bittet die Nachbarin Mimi Rodolfo um Feuer für ihre Kerze und die beiden verlieben sich.

Im zweiten Bild, wieder ein offener Raum, kommt die Drehbühne zum Einsatz. Auf ihr wird das weihnachtliche Treiben vor dem Café Momus beinahe „traditionell“ dargestellt. Als Musetta ihren spektakulären Auftritt hat, wird das Geschehen fast in den Zuschauerraum verlegt. Zwischen Orchestergraben und Zuschauerraum befindet sich eine Art catwalk, auf dem sich Musetta bei ihrem Fehltritt dekorativ in Szene setzen kann; die Bühne rahmt quasi den Orchestergraben ein. Die explosive Beziehungslage zwischen Musetta und Marcello wird deutlich. Mimi und Rodolfo scheinen glücklich. Er führt sie als seine Muse bei den Freunden ein. Immer dann, wenn die diversen Paare agieren, halten Chor und Statisten auf der Drehbühne inne. Auch dieses Bild ist sehr stimmungsvoll.

Es schneit leicht, als Mimi in die triste Gegend bei der Zollschranke kommt, um Rodolfo zu suchen, der sie verlassen hat. Musetta erteilt angeblich Gesangsstunden in einem Wirtshaus, erzählt Marcello und er selbst würde die Fassade des Hauses bemalen. Natürlich ist das Wirtshaus ein Bordell und Musetta verdient sich damit das Geld für ihre Eskapaden. Rodolfo hat Mimi verlassen, weil er ihr Sterben nicht ertragen kann oder nicht ertragen will. Dafür hat er allerhand Ausflüchte: Mimi würde andere Männer anmachen oder er sei ihrer einfach überdrüssig. Als er Mimi vor dem Wirtshaus begegnet, die zufällig die beiden Männer belauschte und von ihrem drohenden Tod erfährt, wirkt der alte Zauber. Sie versöhnen sich für den Moment und wollen zusammen leben. Diese Idylle trügt.

Im letzten Bild ist die Bühne leer. Es schneit. Die Freunde scheinen ihre Wohnung verloren zu haben und leben im Freien, vielleicht in einem Park. Die Situation ist prekär. Als Musetta mit der geschwächten Mimi kommt, die ihren Geliebten nach einer erneuten Trennung wieder sehen möchte, dient ihr Pelzmantel als wärmende Unterlage für die sterbende Mimi. Selbst die Aufgabe des verbliebenen Eigentums der Freunde zur Rettung Mimis blieb vergeblich. Sie stirbt praktisch auf der Strasse. Eine gespenstische Situation.

Ich kann nicht genau erklären, warum ich diese Inszenierung für Konwitschnys konventionellste Arbeit halte, die ich bisher sah. Vielleicht liegt es daran, dass das 19. Jahrhundert noch nicht lange her ist und Beziehungsgeflechte der Art, in die die Figuren der Handlung verstrickt sind, heute nicht anders sind als damals. Es geht um Liebe, um Glück und letztlich geht es um Tod und wie Menschen sich mit Tod auseinandersetzen. Liebe, Menschlichkeit, Utopie – das Motto des Saisonprogrammes der Oper Leipzig. Liebe, Geduld, Rücksicht und Menschlichkeit kommen unserer Gesellschaft mit fortschreitender Globalisierung mehr und mehr abhanden. Nach Konwitschny ist es eine der Aufgaben des Theaters, den Menschen eine schönere bessere Welt vorzuspielen, die Utopie aufrecht zu erhalten.

Ich glaube, dass auch sog. Regietheatergegner mit dieser Inszenierung glücklich werden können, die nichts umdeutet, sondern den Blick auf den Inhalt des Stückes lenkt und weniger auf die vermeintlich romantische Idylle. Durch einen Kunstgriff der Regie erzwang Konwitschny lange Stille nach Ende des Stückes ehe der ungeteilte Beifall ausbrach. Vielleicht hatten tatsächlich viele verstanden, worauf es ankam.

Musikalisch war mein Glück auszuhalten.
Ausrine Stundyte litt an der Krankheit, mit der manche Mimis geschlagen sind, sie klang zu kräftig für die schwindsüchtige Mimi. Es gelang ihr allerdings, ihre Stimme im vierten Bild dem Ernst der Lage anzupassen. Auch scheinen Sängerinnen aus dem gesangsfreudigen Baltikum zum Forcieren zu neigen. Das tat nämlich auch Viktorija Kaminskaite als Musetta und erinnerte mich sehr an die überdrehte Donna Elvira in München. Vielleicht wollten die Damen aber auch nur dem Rodolfo Giuseppe Varanos Paroli bieten, der seine Arie im ersten Bild etwas zu sehr übertrieb (ja, man hat die Höhe zur Kenntnis genommen). Eigentlich eine sehr gute Gesangsleistung des Italieners, der sich allerdings beim Schlussapplaus unsympathisch in Szene setzte. Morgan Smith als Marcello war rollendeckend, ebenso Viktor Rud (Schaunard) und Roman Astakhov, der eine gute Mantelarie sang.
Sehr angetan war ich von dem Gewandhausorchester unter der aufmerksamen Leitung von Andreas Schüller, das neben der großen Linie durchaus schöne Details hören liess.

Wie Peter Konwitschny in der Einführungsveranstaltung wissen liess, wird er für die Folgeaufführungen mit den Sängern weiter intensiv arbeiten, um die Darstellung zu präzisieren. Erfreulicherweise stand er auch zum Publikumsgespräch nach der Aufführung lange zur Verfügung. Glückliches Leipzig!

In Leipzig ist es wie überall, wo man die eigenen Propheten nicht hört. Der Rang war fast leer. Dabei würde dem Publikum in der Oper wirklich Lohnendes geboten.

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