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Marshall Plan

November 8, 2009

Nach meiner kürzlichen Reise nach Kenia stolperte ich über einen Forbes-Artikel, der sich mit einer Art modifizierten Marshallplans für Afrika beschäftigte. Ich musste über den Artikel schmunzeln, dessen Ansatz ich für sehr klug halte. Etwas Ähnliches (natürlich im Mikrobereich) hatte ich nämlich während meines letzten Besuches in Kenia in Angriff genommen.

Meine Reise galt natürlich nicht alleine der kleinen Achuchu, sondern auch zwei Jungs meines Boy House, die schon letztes Jahr ihre Reifeprüfung mit guten Leistungen abgeschlossen hatten, allerdings nach fast einem Jahr noch keinen Fuß in die Tür eines College gebracht hatten. Auch hatten die Zwei recht abgehobene Vorstellungen von dem, was an Kosten für eine Ausbildung, Unterbringung und der vielen zusätzlichen Ausgaben von einem Sponsor aufgebracht werden kann. Beide Jungs kenne ich schon mehrere Jahre und für beide war ich die erste weisse Person, der sie jemals die Hand gegeben hatten, wie sie mir jetzt erzählten. Ich glaube, das war im Jahr 2005. Beide sollten mich inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, daß ich mich nicht als Wohltäterin verstehe, sondern Kindern oder Jugendlichen eine Ausbildung ermöglichen möchte, die ihnen eine gutes Auskommen verschafft und sie von fremder Hilfe unabhängig macht, sie im Gegenteil in die Lage versetzt, ihre eigene Familie oder andere zu unterstützen. Die Erfahrung hat mich inzwischen gelehrt, vermeintlich überzogenen Ansprüchen keine allzugroße Bedeutung zuzumessen, denn das Spenderverhalten, insbesondere das der Regierungen aber auch privater Wohltäter, erzeugt natürlich eine Nehmermentalität, die erstmal fordert, ohne sich zuerst und stark auf die Hebung der eigenen Ressourcen zu besinnen.

Damit die eventuell geplante Aktion nicht in Frustration und Enttäuschung für alle Seite mündet, habe ich versucht, den beiden Jungs klarzumachen, daß eine möglichst genaue Planung ihrer Ausbildung und eine Festlegung ihrer Ziele nicht dazu dient, sie zu bevormunden, sondern dass Planung zur Sicherstellung der Verwirklichung der angestrebten Ausbildung und zur Kontrolle des Fortschrittes erforderlich ist. Sie sollten auch verstehen, dass der Hauptteil dieser Planung ihre Aufgabe ist, da sie auch die Umsetzung zu verantworten haben, wobei die Finanzierung stets sichergestellt sein muss. Noch dazu müssen Projekte über solche Zeiträume ohnehin ständig den sich ändernden Gegebenheiten angepasst werden; ohne Planung würde man schnell die Richtung verlieren.

Da finanzielle Unterstützung aus anderen Quellen wie Familie, Community etc. ausgeschlossen ist, haben wir Möglichkeiten ausgelotet, zu den Kosten der Lebenshaltung aus eigener Kraft beizutragen. Einer der beiden Jungs, der recht geschäftstüchtig zu sein scheint, hat in Soweto, einem Slumgebiet im südöstlichen Nairobi, einen Raum gemietet, in dem er allerhand Gegenstände und Lebensmittel des täglichen Bedarfs verkauft und damit seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht fristet. Zum Monatsende, wenn die Miete fällig wird, muss der Warenbestand stark heruntergefahren werden, was ihn zwingt zum Monatsanfang nach Zahlung er Miete praktisch bei Null wieder anzufangen. Ein kleiner Kredit zur Aufstockung seines Warenbestandes ermöglicht einen höheren Umsatz und somit einen höheren Ertrag. Ich habe dem jungen Geschäftsmann ein Darlehen von 70 Euro zur Lageraufstockung gegeben, das in sich schnell umschlagende Waren wie Mehl, Zucker, Seife, Schuhcreme etc. investiert wurde und den winzigen Raum fast zum Supermarkt werden liess. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt. Der Junge hat sich zu einem Studium der Elektrotechnik am Kenya Polytechnic entschlossen, das vier Jahre dauern wird. Sollte das Darlehens-Experiment glücken, wird er den Laden zu seinem Studienbeginn im Januar 2010 von der Frau seines arbeitslosen Bruders betreuen lassen. Eventuell werde ich das Micro-Darlehen nochmals aufstocken. Von dem dort verdienten Geld sollte dann ein kleiner Teil zu seinem Unterhalt während des Studiums beitragen. Mal sehen, ob das funktionieren wird. Auch wenn seine bisherige Schulpatin sich bereiterklären sollte, die Gebühren des Polytechnikums zu übernehmen, sind die verbleibenden Kosten der Unterbringung erheblich. Wir machen gerade die Erfahrung, dass die Mieten in Nairobi für Zimmer mit Strom und Wasser (meine Bedingung) in stadtnahen Bezirken, von denen man die Colleges zu Fuss erreichen kann, stark gestiegen sind.

Ich erinnere mich, dass der zweite der beiden jungen Männer, ein während seiner Schulzeit immer zu Scherzen aufgelegter Kerl und einer der Clowns im Boys House, mir schon beim ersten Kennenlernen in St. Mathews Sec sagte, er wolle unbedingt Accountant werden. Dabei ist es geblieben. Da er zu denen gehört, die Mathematik „nur“ mit einem glatten C abschliessen konnten, wird er beim Kenyan Accounting College nicht unmittelbar zugelassen, sondern muss einen Bridging Course belegen, um seine Mathenote der Anforderung von C+ anzugleichen oder einen Vorstufenkurs von der Dauer eines Jahres absolvieren. Angesichts des jetzt bereits vertanen ganzen Jahres rate ich zum bridging und hoffe natürlich, dass er den sonstigen Anforderungen genügt. Sonst würde das Ganze auch vier Jahre in Anspruch nehmen. Jedenfalls wird es sich in relativ kurzer Zeit herausstellen, ob er für den Beruf geeignet ist. Das ist natürlich der Vorteil meines eigenen Berufes und auch der Erfahrung mit dem Kenyan Accounting College durch Rose, die sich mir jetzt als große Hilfe erweist und eine Art Mentor ist für die beiden Jungs. In seinem Fall werden wir auch von Anfang an darauf hinarbeiten, das Studium durch Fächerkombination in zwei Jahren durchzuziehen, dann gewöhnt er sich gleich an den Druck, denn der Beruf des Chartered Public Accountant gewöhnlich mit sich bringt.

Während ich darauf achte, bei Besuchen in Nairobi meine Patenkinder, die noch die Primary oder Secondary School besuchen, gegenüber den übrigen Kindern nicht zu bevorzugen (es gibt weder Geschenke noch Ausflüge etc.), hat der Kontakt zu Schulabsolventen naturgemäß eine andere Qualität. Ich bestellte sie absichtlich zum Arbeitsfrühstück am Sonntagmorgen in mein Stadthotel, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen und um ihnen vor allen Dingen auch zu zeigen, was man mit guter Ausbildung plus einer Portion Willen aus eigener Kraft erreichen kann; die überwiegend kenianischen und afrikanischen Hotelgäste bewiesen das.

Kenia wäre nicht Kenia, wenn sich danach unsere Wege einfach so getrennt hätten. Als Rose und Dan mit weiterem unerwartetem Besuch kamen, war klar, dass wir einen vergnüglichen Sonntag Nachmittag verbringen würden. Ein ärgerliches Relikt aus der Kolonialzeit verdarb mir dann fast den Tag und ist Anlass, in Zukunft dieses Hotel zu meiden. Es gelang mir nämlich nur mit Mühe, meinen Gästen das Schwimmen im Pool zu ermöglichen, das trotz keiner weiteren anwesenden Gäste nur Hausgästen erlaubt sein sollte. Die Jungs konnten eh nicht schwimmen und genossen den Nachmittag unbeschwert in den Liegestühlen. Es war ein aufregender Tag für sie. Zum ersten Mal Lift gefahren, die erste Pizza gegessen (Hawaii), den ersten Dachterrassenpool gesehen.

Und da soll man nicht erschöpft sein.
Marshallplan

Wie ich heute erfahren habe, haben sich die beiden angehenden Studenten inzwischen bei ihren Prüfungsbehörden bzw. Colleges angemeldet, die Zulassungen stehen noch aus. I’ll keep you informed.

Heute las ich an anderer Stelle von einer Podiumsdiskussion in Bonn, die sich auf der Grundlage des Bonner Aufrufs mit der notwendigen Modifizierung der Entwicklungspolitik auseinandersetzen wird.Thema: „Was will und kann Entwicklungshilfe in Afrika“.

Die Seite enthält auch einen Vortrag des derzeitigen Entwicklungshilfe-Ministers zum Thema „Mikrofinanz vor neuen Herausforderungen“.
Wer hätte das gedacht?

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