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Zum zweiten: Don Giovanni an der Bayerischen Staatsoper

November 4, 2009

Beim heutigen zweiten Versuch kann der Einfluss des Gewöhnungsfaktors auf mein Rezeptionsverhalten noch keine grosse Rolle gespielt haben. Ich hatte mir auch vorgenommen, mich durch die Bühne nicht von der Musik ablenken zu lassen. Dass man mit dem Herzen gut sieht, hat sich herumgesprochen, aber das man auch mit den Augen hört, war mir bisher neu. Ich habe diese Behauptung im Zusammenhang mit dem neuen Don Giovanni gelesen, und auf mich trifft sie tatsächlich zu. Die mit Containern vollgestellte Bühne hatte sich in der Premiere für meine hörenden Augen einmal zu viel gedreht und mir das Ohr für die Musik verstellt.

In der neuen Produktion wird Don Giovanni als Getriebener dargestellt, der die Höhen und Tiefen des Lebens genossen hat, der in Extremen lebt und der zum Weiterexistieren immer neue, andere Kicks braucht. Don Giovanni hat keine Identität mehr. Nicht nur ändert sich seine äussere Erscheinung ständig: mal ist er ein vergammelter Aussenseiter, mal businessman, mal Partylöwe, mal Hobbykoch; auch sein Wohnsitz ist ein Zeichen seiner Unstetigkeit. Seine Wohnungen im Containerbahnhof sind Event Locations. Er wechselt Container wie Liebschaften, Überdruss überkommt ihn sicher und er überkommt ihn bald. Sein alter Ego, die trostlose Gestalt eines alten Mannes ist allgegenwärtig. Er ignoriert zwar seine Gegenwart, hat ihn aber stets vor Augen. Don Giovanni treibt unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Einmal hätte er es fast geschafft, sich elegant aus der Affäre zu ziehen, als er nämlich im Augenblick des Glückes Zerlina fast dazu gebracht hätte, mit ihm über den Containerrand in die Tiefe zu springen (Là ci darem la mano). Insofern verstand ich ihn auch als Suchenden.

Während Leporello als Diener seines Herrn originell gezeichnet wird und Don Ottavio mehr konventionelle Züge aufweist, bleiben die beiden Frauen blass. Donna Elvira ist als Backpackerin auf der Jagd nach Don Giovanni, von dem sie sitzengelassen wurde, und Donna Anna passt irgendwie nicht in die Szene. Sie bewegt sich, als habe sie schlecht geprobt, als sei sie in ihrem Leben weder auf einem Containerplatz gewesen noch auf einem Untergrund aus Europaletten und zwischen Schienen gelaufen.

Hektisch wird die Szene durch allerhand aufgeregte Aktionen und Klettereien und vor allem durch eine völlig überflüssige Videoprojektion, die nicht nur alberne Bilder liefert sondern den oberen linken Rängen auch die Sicht auf die Bühne versperrt. Da hat ein Videokünstler wohl gerade einen Auftrag gebraucht.

Der Aktionismus auf der Bühne verpufft allerdings wirkungslos, denn die Aktionsfläche der Sänger ist auf einen schmalen Streifen zwischen Drehbühne und einem Palettensteg reduziert; so camoufliert man Rampensingen.

Die männlichen Hauptdarsteller Mariusz Kwiecien (Don Giovanni), Pavol Breslik (Don Ottavio) und Alex Esposito (Leporello) hatten bereits am Premierenabend ausgezeichnet gesungen und agiert und wiederholten heute ihre hochklassigen Auftritte. Ellie Dehn (Donna Anna) und auch Maija Kovalevska (Donna Elvira) liessen heute ihre Nervosität in der Garderobe. Ellie Dehn steigerte sich deutlich, die Stimme klang runder und hatte weniger Schärfe, und die fehlende Übernervosität liess Maija Kovalevska nicht so überdreht wirken.
Laura Tatulescu (Zerlina) sollte ihre Primadonnenposen beim Schlussapplaus ablegen. Sowas kommt nur gut, wenn man wie eine Primadonna singt. Sie bot zusammen mit Levente Molnár (Masetto) eine solide Leistung als Bauernpaar.
Warum aber liess man Phillip Ens den Komtur singen?

Den musikalischen Rahmen zu Don Giovanni bildet das Staatsorchester in Kammerorchestergrösse. Ich zählte 10 erste Violinen, 8 zweite Violinen, 6 Bratschen, 5 Celli, 3 Bässe, jeweils 2 Holzbläser. Da sollte man sich schon auf einen etwas zurückhaltenderen Klang von vorneherein einstellen. Das heisst, der Abend wird den bisherigen Hörgewohnheiten nicht entsprechen. Das war es auch, was mich letzten Samstag irritierte: Das Containergeschiebe mit seinem Personengewurl auf der Bühne lenkte von dem ohnehin zurückgenommenen instrumentalen Part ab und liess ihn fast in der Versenkung des Orchestergrabens verschwinden, beinahe zerfallen, vor allem zu Beginn. Heute hörte ich einige so nie gehörte Orchestersequenzen (wie schon oft, wenn Nagano am Pult steht), aber auch eine Interpretation, die so gar nicht zu dem plumpen Spiel auf der Bühne passt. Ich kann also nicht sagen, dass mich persönlich der Abend musikalisch glücklich gemacht hat. Etwas mehr Saft und Zupacken hätte mir besser gepasst.

Vollends lächerlich gemacht hat sich ein Buher der Galerie, der sofort nach Don Giovannis Höllenfahrt (=Herzinfarkt vorm Küchenherd in der Container-Kochshow) losblökte, als die Oper noch nicht mal zu Ende war. Er hatte sich dadurch so sehr blamiert, dass er vermutlich schnellstens das Weite suchte. So geriet der Abend, der für Nagano nach der Pause mit Buhs begonnen hatte, zu einer Demonstration für Nagano, obwohl viele wie ich nicht ganz einverstanden sind mit seiner Sicht auf Don Giovanni, was kein Grund sein kann für unflätige Missfallensäusserungen. Diese plötzlichen Buhs für den GMD sind ein bisschen seltsam, wirken wie bestellt, sind vielleicht auch erste Auswirkungen der üblen Meinungsmache in Teilen der Münchner süddeutschen Presse.

Die Sängerinnen erhielten freundlichen Applaus, die Herren wurden verdientermassen gefeiert.

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